RE: Die Unschärfe des Urheberrechts | 07.03.2013 | 14:43

Dank an die Herren für ihre Beiträge.

In der Popmusik existiert die Grenze und Hierarchie zwischen "Künstler" (Komponist) und "Musikant" (Interpret) in der ideologisierten bzw. institutionalisierten Form, wie sie die Klassik kennt, nunmal nicht. Diese Hierarchie wird vielmehr durch das Urheberrecht künstlich in die Popmusik hineinimplementiert und ist darüber hinaus eher eine soziale bzw. ökonomische Kategorie denn eine künstlerische. Was daraus folgt: Durch das Urheberrecht wird nur geistiges Eigentum einer bestimmten Kategorie geschützt, anderes fällt dabei hinten runter. Der Snare-Sound von Phil Collins, der Gesangsstil von Elvis Presley, die Produktionsweise von Phil Spector, das audiovisuelle Gesamtkonzept von Velvet Underground etc. waren und sind künstlerisch sowie musikhistorisch von außerordentlicher Bedeutung. Doch kein Gesetz kümmert sich um den Schutz dieser Leistungen.

Bzgl. Heino ist das vielleicht ein Missverständnis: Mit "qualitativer Unterschied" ist keine Wertung gemeint gewesen, vielmehr ging es mir um den Hinweis, dass die Songs, von Heino gesungen und seiner Band gespielt, in ihren Merkmalen und Eigenschaften als Musik eben ganz anders daherkommen als die Originale. Das ist eine eigenständige künstlerische Leistung durch Heino, welche durch das bestehende Urheberrecht nicht gewürdigt wird.

RE: Get Over It! | 31.08.2012 | 02:49

In der Tat muss man unterscheiden zwischen den Systemen Kunst/Popkultur und Politik, Ökonomie etc. Was in dem einen Bereich legitim oder erwünscht sein kann, muss es in dem anderen keinesfalls sein. Aber das deutet die Autorin ja auch an, wenn sie schreibt "Aber auch wenn eine in diesem ganzen Karrierezirkus nicht mitspielen will {...}".Hier wird es geschlechtertheoretisch interessant. Funktioniert Gleichstellung am Besten, indem Frauen das Spiel auch und gerade nach den Männer-Regeln spielen und sich so die ihnen zustehenden Positionen erkämpfen, oder sollten Frauen versuchen, andere Regeln zu etablieren? Oder irgendwas dazwischen? Eine, wie ich meine, im Diskurs bis dato absolut ungelöste Frage, unabhängig davon, was ich drüber denke.

Und rückbezogen auf Die Heiterkeit: Spielen sie virtuos und subversiv mit den Männerregeln im Pop? Ich würde das bejahen, da sie sowas wie "Ich bin der tolle Typ und lasse Dich, Freundin, für das nächstbeste Groupie sitzen" umkehren. Das ist natürlich popkulturell ein alter Hut, aber in Deutschland ist man ja diesbezüglich stets hinterher und da kann man damit noch punkten, nicht zu unrecht. Ob man nicht auch in Poptexten und -haltungen lieber ein neues System etablieren sollte, als sich das Männersystem schicht anzueignen, ist wiederum eine andere Frage. Aber da schließt sich auch irgendwie der Kreis zu meinen Ausführungen weiter oben. Ist es im Pop schlicht ein realitätsenthobenes Spiel mit Images und Attitüden, oder ist die Kunstrealität mehr oder weniger mit der sonstigen Realität gleichzusetzen bzw. in welchem Verhältnis stehen diese Systeme zueinander?

RE: Get Over It! | 29.08.2012 | 17:24

Ich weiß, das war hier nicht das Hauptthema, aber man sollte nicht vergessen, dass Die Heiterkeit mit Ja, Panik verbandelt sind. Um letzere rankt sich ja schon ein Weilchen ein ziemlicher Hype, sie sind auch beim Staatsakt Label, haben mit Die Heiterkeit eine Split 7" herausgebracht etc. Mit solchen Verbindungen muss man nicht unbedingt Klinken putzen gehen. Zudem hat sich die Sängerin von Die Heiterkeit ihre künsterische Identität bei Christiane Rösinger geborgt, die ebenfalls zum trendigen Kosmos Staatsakt und Ja, Panik zählt. In gewissen Kreisen von Fans und Journalisten muss man nur einen dieser Koordinatenpunkte ins Gespräch bringen und schon erfolgt ein euphorischer Reflex. So ist das mit Hypes. Das meint dabei nicht, dass irgendwas daran ungerechtfertigt wäre, aus dem Kosmos Staatsakt, Ja, Panik und Rösinger kommen erstaunliche Sachen. Aber es gibt andere erstaunliche Musik, für die sich niemand interssiert, weil die Aufmerksamkeit derzeit in beschriebene Richtung zielt. Denn Karriere funktioniert prinzipiell stets nach den gleichen Mustern, so muss man u.a. die richtigen Leute in Industrie und Medien kennen, von künstlerischen Vorbildern protegiert werden und sich mit seinem musikalischen, textlichen und habituellen Gesamtkonzept in eine anerkannte Tradition stellen. All das trifft bei Die Heiterkeit zu, nur der Trick ist eben, diese Funktionsprinzipien des Popkulturellen Feldes unsichtbar zu machen und sich selbst zu mythologisieren.

Was mich nur wundert ist, dass bei dieser Band niemanden das Nachgemache von Rösinger stört, wenn es denn überhaupt wahrgenommen wird. Aber auch das ist bei Hypes so, das war bei den Smiths, Oasis oder Tocotronic auch nicht anders. Je nach historsicher Entwicklung und nach Qualität des Epigonentums fällt es erst später auf, manchmal ist es dann peinlich, manchmal sind die Epigonen so gut, dass sie als Künstler eigenen Rechts anerkannt werden. Aber gender-mäßig ist der Bezug auf Rösinger natürlich top!