Wie der Computer zum boesen Tier wurde.

Die Tech-Wesen Invasion. "AI" war gestern. Die neue Technologie, um intellektuellen Leistungen von Lebewesen herauszufordern, sind die "brain-inspired", neuromorphischen Chips. Hardware also.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Mit Computerprogrammen intelligente Leistungen nachzuahmen, ist aussichtslos.

Intelligenz (wie immer man sie definiert) erfordert die "Hardware" eines Gehirns, dessen vielfaeltig vernetzten Neuronen und Synapsen. Unser "Gehirn-Computer" ist nicht programmierbar, kann aber durch Lernen, Dressur etc. "trainiert" werden. (Im Rahmen der jeweiligen genetischen Grenzen natuerlich.)
Dieses "Training" unterscheidet Mensch und Hund bzw. Dummbacks und Genie. (...koennte man leicht vereinfacht formulieren.)

Ich habe vor einem Jahr auf eine Alternative zur AI, den True North Prozessor hingewiesen, eine neuromorphe Hardware, die von IBM als "brain-inspired chip" angepriesen wird.

Neben dem inzwischen "marktreifen" True North gibt's alternative Entwicklungen, beispielsweise die "Zeroth" Platform von Qualcomm.

Und - wie immer bei Innovationen - gibt's auch viel Kritik,
vor allem am bisher erfolgreichsten Modell, dem True North.

Was ist neu an neuromorphen Prozessoren?

True North Prozessoren koennen wiederkehrende "Muster" in sehr grossen Datensaetzen erkennen. (Alle neuromorphe Chips arbeiten nach dem gleichen Prinzip.) Das auf den Chip "eingeritzte" neuronale Netz wird fuer diese Aufgabe mit zunehmend groesseren und komplexeren Datensaetzen "trainiert",

Man kann dieses "Training" mit dem Erlernen einer Sprache vergleichen.

Zunaechst ist die fremde Sprache nur Geraeusch. Dann werden einzelne "Muster" (in diesem Fall Worte) erkannt, bis nach und nach die Sprache "beherrscht" wird. In diesem Prozess erlernt man auch, wie man ganz allgemein eine Sprache erlernen kann, so dass das Erlernen bei einer weiteren Sprache abgekuerzt wird.

Vor 12 Monaten konnte ich ueber moegliche Anwendungen des True North Prozessors nur spekulieren. Heute werden in serioesen Publikationen selbst geo-politische Auswirkungen der Chips diskutiert.

Down to earth.

2016 wurden mit der neuromorphen Hardware erstmals praktischen Anwendungen ausserhalb des Labors erprobt.

Gegenwaertig wird vom Atomsprengkopf bis zum Smartphone der Einsatz von True North Prozessoren getestet.

Am militaerische Einsatz der neuen Prozessoren fuer die Steuerung von Drohnen wird seit 2013 gearbeitet. Ein vergleichsweise "harmloses" Projekt.

Seit Maerz 2016 arbeitet des Lawrence Livermore National Labatory (LLNL) in Tenessey mit IBM zusammen. Das LLNL will mit dem True North einen "brain-inspired-supercomputer" entwickeln, heisst es. Im ersten Schritt wurde von IBM fuer $1 Mio ein System mit 16 True North Prozessoren ans LLNL geliefert.

Das LLNL ist nicht irgendein Forschungsinstitut. Dieses Lab steuert vielmehr die wissenschaftlichen Programme fuer die nuklearen Waffensysteme der USA, deren Weiterentwicklung, Sicherung und Verwaltung.

Das LLNL will u.a. unterirdische, nukleare Test mit Hilfe der neuen Prozessoren simulieren und auswerten.

Die Vorhaben des LLNL muss man allerdings mit einer Prise Salz abschmecken.

Die neuen Kontroll-Systeme fuer die nuklearen Waffen der USA sind vermutlich im ersten Versuchsstadium. Dennoch, die Anwendung erscheint real und ist auch nicht ueberraschend. Die Entwicklung des True North wurde schliesslich vom US-Verteidigungsministerium mitfinanziert. Die Jungs mit den Orden kriegen mal wieder "lots of bang for their bucks".

Die zivile Seite der Anwendung des True North Prozessors in mobilen "Endgeraete" erscheint auf den ersten Blick "undramatisch".

Seit August 2016 arbeitet Samsung daran, miniaturisierte True North chips in ihre smartphones zu integrieren, um die Bilderkennung zu verbessern. (Andere Firmen, die mobile Geraete herstellen, machen wohl das gleiche, halten sich aber noch "bedeckt".) Statt Passworten sollen in Zukunft Fingerabdruck oder "Gesicht vorzeigen" ausreichen, um den Zugang zum phone freizuschalten. (Fortschritt!)

Heutige Bilderkennungsverfahren sind ziemlich langsam und umstaedlich, doch die Zukunft hat laengst begonnen.

“Neuromorphic computing is still in its beginning stages,” meint Dr. Catherine Schuman, Projektleiterin am Oak Ridge National Laboratory. Sie verwendet neuromorphische Hardware als Co-Prozessor eines Supercomputer, der sehr grosse Datenmengen produziert, die normalerweise fuer spaetere Analysen abgespeichert werden muessen.

"Where they [die neuen Co-Prozessoren] tend to shine most and where the team is focusing effort, is on the role they might play in real-time data analysis."

Der neuromorphische Co-Prozessor kann also Datenberge ohne Zwischenspeicherung sofort analysieren und in Millisekunden, in Echtzeit, "Muster" erkennen.

Dieses Versuchsbeschreibung hoert sich wie technisches Kauderwelsch an. Wo ist ist das Drama?

Zwei unerfreuliche Anwendungen fuer Frau Schumanns Oak Ridge Experimente.

Wenn man die Videos aller Ueberwachungskameras einer Grosstadt in einem Supercomputer "zusammenfuehrt" (wie das heute bereits gemacht wird), muessen die Filmchen zunaechst gespeichert und katalogisiert werden. Im "Bedarfsfall" koennen die Videos angesehen, ausgewerten und mit anderen Daten von "Big Data" verglichen werden. Wer kann das machen? Menschen natuerlich. Speziell geschulte "Super-Erkenner".

Doch demnaechst koennen "wir" auch anders!

Der neuromorphische Co-Prozessor kann, nach einem entsprechenden "Training", die Mehrzahl der Personen auf den simultan laufenden Videos erkennen und dem Supercomputer zum Abgleich mit anderen Daten augenblicklich zurueckspielen. Namen und Daten einer aufgenommenen Person koennten dann in Echtzeit als "Untertitel" ins noch laufende Sicherheitsvideo eingeblendet werden. Die Super-Erkenner werden arbeitslos. Menschen schalten nur noch die Maschinen und das Licht an und aus.

Dieses Verfahren kann man auch kommerziell "prima" nutzen.

Jede Person, die beispielsweise ein Kaufhaus besucht wird bereits heute vor dem Eingang von einer Sicherheitskamera gefilmt. Wenn zukuenftig "zeitnah" der Name und die Kaeufergewohneheiten der BesucherIn bekannt sind, kann die freundliche Beraterin am Info-Desk auch die Laufkundschaft mit Namen und warmem Haendedruck herzlich zum Einkauf begruessen!

(Zwischenruf: Woher kommen die Daten, die den erkannten "Menschenmustern" zugeordnet werden? Dumme Frage. Aus den "clouds" (=Supercomputern) der sozialen Netzwerke natuerlich, wo jung und alt seine persoenlichsten Daten fuers synchronisieren bereitwillig hinterlegt. Ende des Zwischenrufs.)

Das alles und einiges mehr wird also derzeit im Oak Ridge Laboratorium von Frau Schumann vorbereitet. Aber nicht nur dort.

Oak Ridge hat "nur" den zweitschnellsten Supercomputer der Welt. Der groesste heisst "Tianhe-2" und steht in Guangzhu, China. (Wo sonst?)

Die Nr. 1 ist etwa doppelt so schnell wie die Titan-CrayXK7 im Oak Ridge Lab. Man kann wohl davon ausgehen, das es neuromorphische Co-Prozessoren nicht nur in Amiland, sondern auch in China gibt. Der Rest ist Zukunft.

Nachtgedanken

Die Tech-Wesen werden kommen.

Die Systeme von Frau Schumann sind selbstverstaendlich (noch) keine Menschen, denn sie "wissen" nicht, dass sie Maschinen sind. Mensch dagegen kennt sich.

Diese Differenz koennte aber schnell verschwinden.

Heute sind nur Co-Prozessoren mit maximal 16 neuromorphen Chips von Supercomputern "beherrschbar". Das wird nicht so bleiben. Die Leistungsfaehigkeit von PCs hat sich in der Vergangenheit alle zwei Jahre verdoppelt. In vier Jahren, mit 256 Chips kann sich der neuromorphe Co-Prozessor vermutlich selbst "trainieren". Und weiss das dann auch.

11:58 03.01.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Aussie42

Mauerberliner(West) bis 1996, 10 Jahre meditieren in Indien bis 2010, jetzt in Australien. Deutschland weit weg.
Aussie42

Kommentare 21

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community