„Tanz die soziale Distanz!“

Freitag ist Musiktag Wenn keine Konzerte stattfinden, müssen Fans von Erinnerungen zehren. Bands haben Zeit – und werden erfinderisch. Was die Corona-Krise mit der Musikwelt macht
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„Tanz die soziale Distanz!“

Foto: Peter Dench/Getty Images

Von Wochenende zu Wochenende? Von Urlaub zu Urlaub? Nein, Musiklieberhaberinnen und -liebhaber leben von Konzert zu Konzert. Oder, im Sommer: von Festival zu Festival. Doch das nächste Konzert? Bis dahin scheint noch etwas Zeit zu vergehen. Vergangene Woche hat die Bundesregierung bekanntgegeben, dass Großveranstaltungen bis zum 31. August dieses Jahres nicht stattfinden dürfen. Was genau eine Großveranstaltung ist, das entscheiden die Länder; einige sprechen von Veranstaltungen mit mehr als 1000 Gästen. Aber natürlich finden auch Konzerte mit weniger als 1000 Gästen noch nicht ab dem 3. Mai statt, dem Zeitpunkt, bis zu dem die aktuellen Kontaktbeschränkungen zunächst gelten. (Eine lesenswerte Analyse dazu, was die aktuelle Situation für die Konzertbranche bedeutet, hat Konzertveranstalter Berthold Seliger vergangene Woche bei Tonspion.de veröffentlicht.)

Sieht also so aus, als müssen wir alle noch eine Weile vom (vorerst) letzten Konzert zehren, das wir besucht haben. Bei mir war das ein Auftritt der Hamburger Band Die Sterne, und das geht insofern in Ordnung, als dass es eines dieser Konzerte war, von denen man länger etwas hat: weil sie einem ein neues Album, das Anlass zu eben dieser Tour war, erst zugänglich machen. Gerade bei älteren Bands ist es doch häufig so, dass man sich nicht recht motivieren kann, die neuen Songs zu hören. Und dann offenbart sich erst live, wie gut und gelungen sie eigentlich sind.

Politisch und Poetisch

Und so hat mir beim Konzert der Sterne ein Song am besten gefallen, der mir auf dem selbstbetitelten neuen Album bis dahin gar nicht aufgefallen war: Wir kämen wieder vor. Ein Song, der sich in der Debatte darüber, wie tolerant unsere Gesellschaft gegenüber den Intoleranten sein sollte, deutlich positioniert: „Ich nenne das Niveau Zivilisation / Unterhalb gibt’s uns nichts / Das ist eine Drohung.“ So klar und deutlich lässt sich das also auch sagen.

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Es in ein Kunststück, Songs zu schreiben, die politisch und poetisch zugleich sind, die Haltung zeigen, aber nicht wie ein gesungener Leitartikel klingen. Den Sternen gelingt es im bald 30. Jahr ihrer Karriere scheinbar ganz lässig. Live klang das sogar noch tanzbarer als auf Platte.

In Wohnzimmern und Küchen

Doch auf das Vergnügen, unsere Lieblingsbands live zu sehen, werden wir also noch eine Weile verzichten müssen. Langweilig wird es dennoch nicht: Musikerinnen und Bands spielen derzeit Konzerte in ihren Wohnzimmern, auf ihren Balkonen und in ihren Küchen und streamen diese live im Netz. Courtney Barnett hat das neulich gemacht und dazu Sängerinnen wie Sharon van Etten eingeladen. Phoebe Bridgers spielte, im Rahmen eines Pitchfork-Festivals auf Instragram, ein wunderschönes Cover von Summer’s End, einem Song des kürzlich verstorbenen John Prine.

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Bob Dylan wiederum, der Prine übrigens verehrte und diesen einmal völlig überrumpelte, indem er, als Prine, zwei Monate bevor sein Debüt erschien und noch völlig unbekannt, bei einem befreundeten Musiker zu Hause seinen Songs Far from me sang und Dylan, der ebenfalls anwesend war, ab dem zweiten Refrain plötzlich mit einstimmte (er hatte die Platte vorab von der Plattenfirma erhalten und kannte die Lyrics offenbar schon auswendig), Dylan jedenfalls scheint – nun, da die Never Ending Tour doch pausiert – mehr Zeit zu haben, und veröffentlichte vergangenen Freitag schon den zweiten neuen Song innerhalb weniger Wochen.

Mit Abstand am besten

Was die Zeit der Isolation sonst so mit der Kunst macht, das lässt sich wahrscheinlich erst retrospektiv beurteilen. Einige erste Songs, die nun das Virus und die Zeit der Kontaktsperre thematisieren, zeigen, dass sie zurecht befürchtet wurden – wohl genau wie die bald erscheinenden Quarantäne-Romane. Die Ausnahme: Tanz die soziale Distanz von Theodor Shitstorm, der Band von Liedermacherin Desiree Klaeukens und Regisseur Dietrich Brüggemann, die „den besten Laberpop seit den Lassie Singers liefert“ (Zeit Online).

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Denn dieser Hit schert sich nicht um Deutungen, was die Pandemie mit uns macht, sondern wirft einfach nur wild mit den Floskeln um sich, die jeder aufschnappt, der in diesen Tagen doch mal das Haus verlässt: „Tanz den Virus, und jetzt den Mundschutz, und jetzt den Kekulé und jetzt die Charité / Lass dich testen, und tanz nach Westen, tanz nach Osten und tanz den Drosten.“ Dazu ein monoton stampfender Beat – ein Song zur Quarantäne-Zeit und gleichzeitig wohl eine Hommage an den kürzlich verstorbenen DAF-Sänger Gabi Delgado. Und jetzt alle (aber mit Abstand!): „Tanz die soziale Distanz!“

„Freitag ist Musiktag“

Freitag ist Musiktag – mit diesem Slogan kündigte die Musikindustrie 2015 an, dass neue Alben künftig in vielen Ländern immer am Freitag erscheinen. Ein Motto, das einerseits ziemlich schnell zum Punkt kam, andererseits seltsam inhaltsleer blieb. Aber für diese neue Kolumne passt es doch gut, denn ab sofort möchte ich regelmäßig freitags darüber schreiben, was in der Musikwelt los ist – auf meinem Blog auf freitag.de.

09:21 24.04.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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