Von Wochenende zu Wochenende? Von Urlaub zu Urlaub? Nein, Musiklieberhaberinnen und -liebhaber leben von Konzert zu Konzert. Oder, im Sommer: von Festival zu Festival. Doch das nächste Konzert? Bis dahin scheint noch etwas Zeit zu vergehen. Vergangene Woche hat die Bundesregierung bekanntgegeben, dass Großveranstaltungen bis zum 31. August dieses Jahres nicht stattfinden dürfen. Was genau eine Großveranstaltung ist, das entscheiden die Länder; einige sprechen von Veranstaltungen mit mehr als 1000 Gästen. Aber natürlich finden auch Konzerte mit weniger als 1000 Gästen noch nicht ab dem 3. Mai statt, dem Zeitpunkt, bis zu dem die aktuellen Kontaktbeschränkungen zunächst gelten. (Eine lesenswerte Analyse dazu, was die aktuelle Situation für die Konzertbranche bedeutet, hat Konzertveranstalter Berthold Seliger vergangene Woche bei Tonspion.de veröffentlicht.)
Sieht also so aus, als müssen wir alle noch eine Weile vom (vorerst) letzten Konzert zehren, das wir besucht haben. Bei mir war das ein Auftritt der Hamburger Band Die Sterne, und das geht insofern in Ordnung, als dass es eines dieser Konzerte war, von denen man länger etwas hat: weil sie einem ein neues Album, das Anlass zu eben dieser Tour war, erst zugänglich machen. Gerade bei älteren Bands ist es doch häufig so, dass man sich nicht recht motivieren kann, die neuen Songs zu hören. Und dann offenbart sich erst live, wie gut und gelungen sie eigentlich sind.
Politisch und Poetisch
Und so hat mir beim Konzert der Sterne ein Song am besten gefallen, der mir auf dem selbstbetitelten neuen Album bis dahin gar nicht aufgefallen war: Wir kämen wieder vor. Ein Song, der sich in der Debatte darüber, wie tolerant unsere Gesellschaft gegenüber den Intoleranten sein sollte, deutlich positioniert: „Ich nenne das Niveau Zivilisation / Unterhalb gibt’s uns nichts / Das ist eine Drohung.“ So klar und deutlich lässt sich das also auch sagen.
Es in ein Kunststück, Songs zu schreiben, die politisch und poetisch zugleich sind, die Haltung zeigen, aber nicht wie ein gesungener Leitartikel klingen. Den Sternen gelingt es im bald 30. Jahr ihrer Karriere scheinbar ganz lässig. Live klang das sogar noch tanzbarer als auf Platte.
In Wohnzimmern und Küchen
Doch auf das Vergnügen, unsere Lieblingsbands live zu sehen, werden wir also noch eine Weile verzichten müssen. Langweilig wird es dennoch nicht: Musikerinnen und Bands spielen derzeit Konzerte in ihren Wohnzimmern, auf ihren Balkonen und in ihren Küchen und streamen diese live im Netz. Courtney Barnett hat das neulich gemacht und dazu Sängerinnen wie Sharon van Etten eingeladen. Phoebe Bridgers spielte, im Rahmen eines Pitchfork-Festivals auf Instragram, ein wunderschönes Cover von Summer’s End, einem Song des kürzlich verstorbenen John Prine.
Bob Dylan wiederum, der Prine übrigens verehrte und diesen einmal völlig überrumpelte, indem er, als Prine, zwei Monate bevor sein Debüt erschien und noch völlig unbekannt, bei einem befreundeten Musiker zu Hause seinen Songs Far from me sang und Dylan, der ebenfalls anwesend war, ab dem zweiten Refrain plötzlich mit einstimmte (er hatte die Platte vorab von der Plattenfirma erhalten und kannte die Lyrics offenbar schon auswendig), Dylan jedenfalls scheint – nun, da die Never Ending Tour doch pausiert – mehr Zeit zu haben, und veröffentlichte vergangenen Freitag schon den zweiten neuen Song innerhalb weniger Wochen.
Mit Abstand am besten
Was die Zeit der Isolation sonst so mit der Kunst macht, das lässt sich wahrscheinlich erst retrospektiv beurteilen. Einige erste Songs, die nun das Virus und die Zeit der Kontaktsperre thematisieren, zeigen, dass sie zurecht befürchtet wurden – wohl genau wie die bald erscheinenden Quarantäne-Romane. Die Ausnahme: Tanz die soziale Distanz von Theodor Shitstorm, der Band von Liedermacherin Desiree Klaeukens und Regisseur Dietrich Brüggemann, die „den besten Laberpop seit den Lassie Singers liefert“ (Zeit Online).
Denn dieser Hit schert sich nicht um Deutungen, was die Pandemie mit uns macht, sondern wirft einfach nur wild mit den Floskeln um sich, die jeder aufschnappt, der in diesen Tagen doch mal das Haus verlässt: „Tanz den Virus, und jetzt den Mundschutz, und jetzt den Kekulé und jetzt die Charité / Lass dich testen, und tanz nach Westen, tanz nach Osten und tanz den Drosten.“ Dazu ein monoton stampfender Beat – ein Song zur Quarantäne-Zeit und gleichzeitig wohl eine Hommage an den kürzlich verstorbenen DAF-Sänger Gabi Delgado. Und jetzt alle (aber mit Abstand!): „Tanz die soziale Distanz!“
„Freitag ist Musiktag“
Freitag ist Musiktag – mit diesem Slogan kündigte die Musikindustrie 2015 an, dass neue Alben künftig in vielen Ländern immer am Freitag erscheinen. Ein Motto, das einerseits ziemlich schnell zum Punkt kam, andererseits seltsam inhaltsleer blieb. Aber für diese neue Kolumne passt es doch gut, denn ab sofort möchte ich regelmäßig freitags darüber schreiben, was in der Musikwelt los ist – auf meinem Blog auf freitag.de.
Kommentare 11
Die Tocos haben ja auch schon mit ~großer Geste~ geliefert: https://www.youtube.com/watch?v=OXRSlc2TDJs
Oh ja! Stimmt. Die fehlen in der Liste natürlich. Wobei ich in diesen Tagen zwischendurch Sinnentleertes wie „Tanz die soziale Distanz“ besser hören kann als einen Song wie „Hoffnung“ (Tocos natürlich trotzdem die Größten).
»(…) denn ab sofort möchte ich regelmäßig freitags darüber schreiben, was in der Musikwelt los ist – auf meinem Blog auf freitag.de.«
Ja – dann auch von meiner Seite erstmal herzlich willkommen; musikalische Verstärkung ist hier immer gefragt. Dass das Thema »Corona-Musik« hier im Kommentarteil besser funzt als in meinen beiden Blogs zum Thema hier und hier, kann folgerichtig nur daran liegen, dass der Beitrag hier etwas richtig macht, was ich mit meinem popmusikalischen Tunnelblick nicht zu sehen in der Lage war.
Ansonsten sehe ich’s sportlich ;-). Ebenso sportlich sehe ich es, dass man bezüglich des einen oder anderen Acts mitunter geteilter Meinung ist. Das Video von Theodor Shitstorm etwa finde ich persönlich etwas überinterpretiert. Ich würd’s so sagen: Die Band macht geile Mucke, ist politisch grundsätzlich den Guten zuzurechnen und sieht die Dinge nicht allzu verbissen – drei Gründe, wo zumindest ich sage: Alles in trockenen Tüchern. Für die Sterne habe ich noch vor kurzem eine Verteidigungsrede gehalten, und Dylan hat bislang noch immer jedes Wasser in Wein verwandelt.
Ansonsten habe ich bereits an anderer Stelle geschrieben, dass mir das derzeitige »Thema Nummer eins« mittlerweile zu den Ohren rauskommt. In Sachen musikalischer Entspannung ist dieser Drogenschmuggel-Verherrlichungssong – vorgetragen hier von einer mexikanischen Newcomer-Girlgroup – derzeit einer meiner Favoriten. Demnächst vorknöpfen werde ich mir wohl wieder einen von den guten, alten Songs – vermutlich einer jener Klassiker, der die Wende von den Sixties zu den Seventies einleitete.
Gruss und auf gute gemeinsame Zusammenarbeit an der deutlich noch Luft nach oben beinhaltenden dF-Popfront, Richard Zietz
Grandios. Ein Rendevouz mit einigen meiner Helden-auf-Dauer, die sich zugegebenermaßen über die letzten Jahre in meinem Kopf ein wenig rar gemacht haben. Frank Spilker hat sowohl klanglich als auch textlich seinen Biss nicht verloren, und Theodor Shitstorm ist eine willkommene Bereicherung der Sphäre.
@Jan Jasper Kosok, Tocotronic ist natürlich auch ein Name aus der Halle des Ruhms in meinem Hamburg. Allerdings haut mich das Lied nicht so weg. Das liegt aber eher daran, dass ich dieser lässigen Schnodderigkeit der ersten vier Alben nachtrauere, bei der man beim Hören nie so ganz wusste, ob das jetzt echt so gemint oder nur eine Riesenverarsche war (hätte das etwas geändert?).
Ein schöner Szenenwechsel ist das und hochwillkommen. Bei mir (ich tu's mal @Richard Zietz gleich und verweise hier ein wenig) gibt es ja eher was über Musik aus der Ukraine weil ich das Land mag und die Musik hier keiner kennen dürfte - z.B. was mit Rock, Ska und Punk oder kreative Coverversionen.
Freue mich schon auf den nächsten Teil!
Danke für die Verweise, da werde ich auch gleich mal stöbern. Ansonsten, zu dem Mexikanern fällt mir sonst noch ein, wo Russendisko-Macher Yuriy Gurzhy kürlich mitgewirkt hat (hat aber auch wieder was mit Quarantäne zu tun): La Fanfarria del Capitán & Friends - BELLA CIAO (World in Cuarentena)
Lieber Richard Zietz,
haben Sie vielen Dank für Ihren Kommentar. Sie haben Recht: Mehr Musik – und mehr Texte zur Musik – sind besser als weniger, und ich freue mich über Ihren herzlichen Willkommensgruß. Ich muss gestehen, dass ich Ihre beiden verlinkten Beiträge zum Thema verpasst hatte. Damit das in Zukunft nicht mehr vorkommt, folge ich nun Ihrem Blog.
Zum Theodor-Shitstorm-Video: Ja, das geht mir ähnlich. Ich habe es eigentlich nur eingebettet, um das Lied hier zu teilen. Der Clip lenkt fast etwas vom Song ab, der für sich genommen ja schon ziemlich überladen ist (was ihn in meinen Augen aber ausmacht).
Bis bald und beste Grüße
Jakob
Lieber mbert,
das freut mich sehr – nachdem wir bei meinem Abum des vergangenen Jahres (von Die Heiterkeit) ja nicht ganz zueinander gefunden haben.
Die in Ihren Beiträgen vorstellte Musik ist toll, und ich kannte sie tatsächlich noch nicht! Ich bin direkt Ihrem Blog gefolgt, um nichts mehr davon zu verpassen.
Zu den Sternen: Ja, das geht mir genauso. Mit ihrem jügsten Album „Flucht in die Flucht“ bin ich nicht ganz warm geworden, aber auf dem neuen Album haben mir – neben dem genannten Song – „Die Message“ und „Der Palast ist leer“ sehr gut gefallen.
Ich hoffe übrigens, dass ich es jeden Freitag schaffe – aber das ist erst mal ein guter Vorsatz in einer Zeit, in der vieles von dem, mit dem man sonst seine Zeit verbringt, wegfällt! Schauen wir, was daraus wird.
Danke, das freut mich! Es wird auch sicher demnächst mal wieder ein Beitrag kommen. Eigentlich war das ja mal als Dialog mit Wilfried gemeint, aber der hat sich in der letzten Zeit mehr anderen Projekten gewidmet, weshalb ich jetzt einmal schon nicht warten mochte. In meiner Liste ist noch so einiges.
Gefällt mir! Ist das von Ihnen?
Wort und Text müssen ja nicht immer sein – tanzbar ist es auch so.
Ja, die DAF-Referenz im verlinkten Song ist bestimmt beabsichtigt.
Ich habe die Inspiration aus diesem Artikel einfach mal mitgenommen und etwas über deutsche Musik geschrieben: Meine Hamburger Schule. Vielleicht ist das ja auch für einige andere hier interessant.
Ach ja, neben DAF dürfte bei Theodor Shitstorm auch Der Plan Pate gestanden haben: https://www.youtube.com/watch?v=arl9QNEpJzs