Antisemitismus im Namen der Menschenrechte

Antisemitismus Endlich wieder offensiv antisemitisch argumentieren zu können, entspricht einem Bedürfnis aus dem Giftschrank der alten Bundesrepublik. In der Berliner Republik bröckelt
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Endlich wieder offensiv antisemitisch argumentieren zu können, entspricht einem Bedürfnis aus dem Giftschrank der alten Bundesrepublik. In der Berliner Republik bröckelt der Konsens über das Sagbare im Bundestag genauso wie auf der Straße. Auch darüber unterhielten sich Sina Arnold, Doron Rabinovici, Natan Sznaider und Christian Heilbronn in der Berliner Landeszentrale für politische Bildung anlässlich eines Termins zum Thema „Neuer Antisemitismus“.

Sina Arnold und Doron Rabinovici in der Berliner Landeszentrale für politische Bildung

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Es gibt nun einen Antisemitismus im Namen der Menschenrechte. Der britische Labour-Chef und Gewerkschaftsfunktionär Jeremy Corbyn nennt seine fundamentale Israelkritik „antirassistisch, antikolonialistisch und antiimperialistisch“.

Siehe hierzu:

„Neuer Antisemitismus? - Fortsetzung einer globalen Debatte“, Hrsg. Von Christian Heilbronn, Doron Rabinovici, Natan Sznaider, Suhrkamp, 490 Seiten, 20,-

Israel ist in dieser Lesart ein verspätetes Kolonialreich, dem man im Geist der afrikanischen Freiheitsbewegungen den Kampf ansagen kann, ohne sich als Antisemit erwischen zu lassen. Die Kolonisierung Palästinas ist ein Großnarrativ mit märchenhaften Zügen und mythisch-mystischem Koriander. Es ist eine alte Geschichte, die immer wieder neu erzählt wird. Der stärkste Text der Welt kontert sie. Die Gegengeschichte steht in der Bibel.

Doch kollidiert das Kolonial-Narrativ nicht mit dem Alten Testament, sondern mit der Shoah. Der Holocaust lieferte der Gründungsgeneration Israels die Energie. Aus den Verdrängungen der Überlebenden ergaben sich räumliche Verdrängungen. Vertreibung(en) und Rettung(en) liegen auf einer Erzählachse: solange sich das Existenzrecht Israels als fragwürdig darstellen lässt.

Es mit emanzipatorisch-moralischem Vokabular anzugreifen, ist der letzte Schrei. Doron sagte: Wir haben zwar keine linke Vision mehr. Aber das linke Anti-Israel-Ressentiment jubiliert weiter.“

Snaider machte die Gegenrechnung auf. Wir beobachten eine „Israelisierung jüdischer Lebenswelten“.

Antisemitische Topoi werden auf Israel übertragen. Ein Staat kann sich dagegen ganz anders zur Wehr setzen als es eine Minderheit im Verhältnis zu einer latent antisemitischen Mehrheit vermag.

Indes modernisieren die staatlichen Strategien den Antisemitismus. Die überlegene Kraft findet Abnehmer*innen in den Kellerkeltereien des Ressentiments. David-gegen-Goliath-Konstellationen sind für Goliath ungünstig. Goliath kann über David nicht triumphieren. Gewinnt er, ist das trivial. Andererseits kann David als Sieger nicht David bleiben. Ob man gewinnt oder verliert: man verliert immer. So sehr das für alle Parteien gilt, ist dieser Transformationseffekt für manche gefährlicher als für andere.

Gefallene Schamgrenze

Endlich wieder offensiv antisemitisch argumentieren zu können, entspricht einem Bedürfnis aus dem Giftschrank der alten Bundesrepublik. In der Berliner Republik bröckelt der Konsens über das Sagbare im Bundestag so wie auf der Straße.

„Eine Schamgrenze ist gefallen.“

Die Gleichsetzung Israels mit dem III. Reich und dem Apartheidstaat Südafrika funktioniert als Täter-Opfer-Umkehr zunehmend besser. Rabinovici sprach die Verharmlosung eines Phänomens an:

„Das sind natürlich alles Einzelfälle. Jede halbe Woche haben wir einen antisemitischen Einzelfall in Österreich.“

Der Antisemitismus der anderen

Eine akute Strategie des Antisemitismus ist seine Externalisierung. Man bemerkt und moniert ihn bei anderen. Man kostümiert den Vorbehalt als Kritik am Vorbehalt.

Siehe ferner: https://www.freitag.de/autoren/jamal-tuschick/rhetorik-des-verdachts

10:08 02.06.2019
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