In der Kampfkunst kommt die Bewegung zur Intelligenz

#TexasText/Jamal Tuschick Für Lien existiert Schönheit nur in Landschaften, Körpern und Kampfkünsten ...

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Im Dschungel der Städte hat Karate seine große Zeit noch vor sich.

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Für Lien existiert Schönheit nur in Landschaften, Körpern und Kampfkünsten. Literatur, Tanz, Theater, Musik und Malerei sagen ihr (noch) nichts. Das macht sie zum Lieblingssorgenkind der Dōjō-Chefin und Wilhelmshöher Mittelpunktpersönlichkeit Maeve von Pechstein. Maeve kommt dem Gründer des Augustiner-Chorherrenstift Weißenstein nach.

Wilhelmshöhe hieß früher Weißenstein.

Maeves Mutter, eine Vulkanologin, die Jahrzehnte in Japan lehrte und forschte, während ihre Tochter bereits in den Windeln dem Budo Path folgte, firmiert nach einem geheimen Ritus als die letzte Äbtissin von Weißenstein.

Ich will mich nicht verzetteln. Guten Tag, mein Name ist Nikolaus Graf Speer zu Schauenburg. Betrachten Sie mich als allwissend. Es geht jetzt um Lien, zwanzig, Sportstudierende, letztes Jahr DM-Dritte, vorletztes Jahr Fünfte, Leiterin der Frauenleistungsgemeinschaft in Meisterin Maeves westlich hinter dem Lokalbahnhof Wilhelmshöhe gelegenen Karateschule.

Lien ist als verbiestert verschrien.

Die höheren Töchter der Gegend finden Lien einfallslos, lebensunklug, vernagelt. Es fällt ihnen schwer, Liens Autorität gelten zu lassen. Maeve muss ständig intervenieren. Sie bricht eine Lanze nach der anderen für ihre schwierige Ziehtochter. Mit neun zog Lien geistig bei ihrer Mutter aus, um in Maeves inneren Lebensraum einzumarschieren.

Liens rigoroser Charakter nimmt kaum etwas an, dass nicht nach Maeve riecht. Maeve serviert ihr die Lektionen mundgerecht. Sie füttert ihren kleinen Gorilla. Brüderliche Verstärkung sucht Lien bei Maeves Großneffen. Cole steht bereits als Erbe von Maeves Sendung fest. Er wird ihr Werk kongenial fortsetzen. In Coles Adern fließt Karateblut.

In der Kampfkunst kommt die Bewegung zur Intelligenz. Sechs, sieben Stunden täglich sollte man sich mit den Transitionen befassen. Die Kunst besteht nicht zuletzt darin, sich das leisten zu können.

Ein Leben nach der eigenen Mütze beweist Stärke. Die Simplifikation setzt sich nicht einfach im Begreifen fest. Den Primat des Logischen vor dem Historischen in der Kampfkunst darf man nicht ontologisch auffassen. Die alten Meister:innen* lehrten die Nichtidentität von Erkenntnis und ihrem Realitätsgrund. Sie erklärten alles zu einer Frage der Wahrnehmung. Sie stellten fest, dass man mit einem Auge Distanzen nicht mehr richtig einschätzen kann. Deshalb entwickelten sie verdeckte Angriffe auf ein Auge. Für eine Bunkai-Verächterin* sieht eine zum Gegner:innen*gesicht geführte offene Hand mit eingedrehtem Daumen so aus, als solle der Daumen zwischen Hammer (Hand) und Amboss (Gesicht) planmäßig gequetscht werden. In Wahrheit zielt der eingedrehte Daumen auf ein Auge, ohne dass eine Außenstehende die Gemeinheit (Verschärfung) erkennen kann. Auch hier weicht jede mögliche Erkenntnis der Betrachterin* von der Realität ab. Das ist die Spiegelung einer philosophischen Einsicht.

Schließlich ist es wichtig zu wissen, dass Karate seinem Wesen nach modern ist und keine systematische Verankerung in den japanischen Kriegskünsten hat. Solange massiv bewaffnete und armierte Krieger:innen* sich Duelle lieferten, spielten die körpereigenen Waffen eine völlig andere Rolle als in zivilen Gesellschaften mit ihrem verkappten Faustrecht. Im Dschungel der Städte hat Karate seine große Zeit noch vor sich.

When I spar, I don’t see a person I see my dinner. Cole von Pechstein

Cole, der selbstverständlich auch im Gong-fu zuhause ist und trotzdem strikt unter Maeves Karatedach lebt, nennt seine Gegner feed - Futter. Cole begibt sich zu Tisch, wenn er in einen Kampf geht. Seine Arme bezeichnet er als Flügel. In der Wortwahl steckt eine Hommage an den Weißen Kranich, auch Nonnenkranich, Sibirischer Kranich oder Schneekranich genannt. Im Weißen-Kranich-Stil vermutet Cole den Ursprung jenes namenlosen Gong-fu, das ihm die alte Streckenwärterin und Bahnpolizistin Bo Lee mehr oder weniger als Gesundheitslehre und Krankengymnastik beibrachte. Der klandestine Stil steckt auch im Gōjū-Ryū Karate, das seine Wurzeln in Systemen hat, die auf Okinawa zu einer Zeit entstanden sind, als der Archipel vor Japans Haustür noch souverän als Königreich Ryūkyū war.

Der Weiße Kranich ist kein Raubtier, während der Stil, der seinen Namen trägt, in schlanken Fassungen so effektiv ist, dass man die Sicherheitskräfte in Südchina darin schult. Nach einer Legende hat die Weiße Kranich Faust ihren Ursprung in Tibet, nach einer anderen wurde sie (wie Wing Chun) von einer Chinesin kreiert. Bill Lee wähnt sich am vorläufigen Ende einer Ahnenreihe, deren Anfang von der Heilerin Mailin gemacht worden war. Er erklärte so die unkörperliche Manier einerseits und die Kompromisslosigkeit andererseits:

I woman must put down an opponent in one move.

Der Kranich vermeidet den direkten Kontakt mit einem Gegner. Er greift nur in der Verteidigung (der Not gehorchend) an und springt nach jedem Angriff wie ein dummes Huhn zur Seite.

Distance is time.

Sein Sicherheitsabstand ist dem Kranich heilig. Er springt, schlägt (mit den Flügeln) und pickt. Das ist zwar nicht viel, aber die Grundlage für Vieles. Die Schnabelarbeit findest du in pickenden Techniken wieder, mit denen Vitalpunkte angegriffen werden. Den Flügelschlag erkennst du in peitschenden Techniken. Auch die Beinarbeit des Vogels überlebt in Kodifikationen. Manche Techniken gehen über das Kranich Repertoire hinaus und zugleich darauf zurück. Tetsuhiko Asai Sensei, ein Shotokan Großmeister, der bis ins 21. Jahrhundert wirkte, zeigte viel kreativen Kranich in seinen Sprüngen um den Gegner herum. Er trat wie ein Derwisch in Ekstase auf. Auf der Folie seiner Interpretationen begreift man, warum Sportkarate zu einer Kirche ohne Gott* führen musste. Das ursprüngliche Karate berechnet stets ein Gefälle. Es interessiert sich für Antworten auf die Frage: Was macht den schwachen Kranich stark?

Grundsätzlich: Wie kann der Schwache den Starken besiegen?

Wie nutze ich ein Werkzeug als Waffe? Bedenke nun die körpereigenen Kranichwerkzeuge Schnabel und Flügel.

Wie demobilisiere ich jemanden schnell und nachhaltig.

Vermeintlich tiefe Karate-Stellungen gewinnen eine neue Bedeutung, sobald man das Alte begreift. Kein Mensch des 19. Jahrhunderts stellte sich Athlet:innen* im Zenkutsu-Dachi auf einer Wettkampffläche vor. Eine realistische Szene jener Epoche zeigt eine Pilgerin* auf dem Weg zu ihrem Lieblingsschrein. Sie passiert einen Hohlweg und schon salbadert Schiller: Durch diese hohle Gasse muss er kommen. Es führt kein andrer Weg nach Küssnacht auf Hokkaidō. Die Gelegenheit ist günstig. Dort der Holunderstrauch verbirgt mich ihm.

So spricht der Spitzbube Tellwilliko zu sich. Die Pilgerin nimmt die personalisierte Hinterlist wahr. Das ist Zanshin - Achtsamkeit. Die Pilgerin gibt sich den Anschein der Ahnungslosigkeit. Sie leitet ein Täuschungsmanöver ein, um den Überraschungsmoment zu gewinnen. Das ist Sen - Initiative.

Wir sind niemals passiv, erscheinen aber gern so. Die Pilgerin fängt an zu pfeifen und zu schlendern. Sie pfeift am Busch des Übels vorbei, da will ihr die Schweinebacke in den Rücken fallen. Die Pilgerin dreht sich geschwind. Aus der eiligen Drehung zieht sie Energie. Sie öffnet ihre Hüfte maximal, fällt dynamisch in Zenkutsu-Dachi, überwindet so in einem Zug den Abstand zum Feind und schenkt ihm grundschulmäßig (jawohl auf dem langen Weg von der Hüfte) eine Kelle ein, die den Bakayarō fällt.

Und jetzt kommst du und maulst schon wieder, das ist Fiktion und Karateromantik und sowieso Kampfkunstkonservatismus. Ich aber sage, habe ich den Überraschungsmoment auf meiner Seite, kann ich dich mit einem sorgfältig rundgedrehten Popel ins Koma schnippen.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jamal Tuschick

Interessiert an Literatur, Theater und Kino
Jamal Tuschick

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