Leben live

Rezension Andreas Altmann legt bei Piper seine gesammelten Reisereportagen vor. Denn er weiß wenigstens noch was das ist, diese Realität da draußen
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Leben live
Das Reisen dient nur noch der inszenatorischen Komponente im Leben

Foto: Sonny Tumbelaka/AFP/Getty Images

Dass Andreas Altmann schreiben kann, hat er in den letzten Jahrzehnten eindringlich bewiesen. Daher bringt es auch nichts, die Reisereportagen, die bei Piper nun kumulativ erschienen sind, auf ihren Stil hin zu sezieren. Altmann sieht auf seinem Autorenbild aus, als wäre er ein Teil der Toten Hosen. Die gleiche Jugendlichkeit, die man der Düsseldorfer Band attestiert, kommt ihm zuteil, um gleich bei der Sichtung des Wikipedia-Eintrags zu merken: Der Mann hat die siebzig schon erreicht.

Das Buch lohnt sich allein schon wegen der Einleitung zu lesen. Also dem Teil in Büchern, der sonst eher der Form halber beschrieben und nur selten des Inhalts wegen gelesen wird. Altmann presst den Text, ihm erscheint es dringend vor seine Reportagen sein globales Statement zu setzen, was aus der Welt des Erlebens geworden ist: eine Couch. Die Menschen, beklagt er, erleben ihre Welt auf einem Sitzmöbel, Netflix glotzend.

Er fragt, ob im Jahre 2050 dem dann neunzigjährigen Netflix-Mitbegründer Reed Hastings dafür danken wird, „ein Drittel unserer Lebenszeit auf einem Sofa zu lümmeln und anderen beim Leben zuzuschauen“. Das ist eine wichtige Frage.

Alles ein Schauspiel

Wenn man gemein, aber dabei doch ziemlich ehrlich sein will, ist alles zu einem Schauspiel geworden. Das Reisen dient nur noch der inszenatorischen Komponente im Leben, Städte werden „gesammelt“ und es herrscht ein Konformismus beim Reisen, der es einem übel werden lässt. Selbst der Rucksacktourist ist nur noch eine Form des organisierten Reisens, des geplanten Erlebens. Die Menschen wollen gar keinen Kontakt mehr, vielmehr wollen sie ihre Erwartungen erfüllt haben. Sie reden nicht mit Menschen, sie nehmen keine Hürden, Umwege. Sie wollen nicht warten, nicht ausharren und dadurch zu Geschichten kommen.
Sie wollen nicht leben, sie wollen konservieren.

Die Schelte aufs Smartphone ist dabei engstirnig. Denn das ist nur ein Ausläufer des Seinszustand der Menschen. Die Menschen haben schlichtweg ein soziales Kontaktproblem, welches sich durch die Nutzung des elektrischen Gerätes nur allzu gut kaschieren lässt. Sich in Gespräche fallen lassen, in neue Sichtweisen, andere Lebenswelten – was gibt es Spannenderes? Aber dazu muss man zuhören können, neugierig sein. Man muss alert seinem Umfeld gegenüber sein.

Bitte keine Kontaktaufnahme!

Reden miteinander gilt fast immerzu als Störung, die Kopfhörer separieren einen von der spontanen Ansprache. Ein isoliertes Gefühl beim Reisen, beim Sitzen im Café. Das Gefühl, dass einen - wenn überhaupt - nur Durchgeknallte oder völlig Vereinsamte anquasseln, stimmt.
Warum? Dass sind die Einzigen, die sich noch trauen. Alle anderen schweigen lieber in ihr Display und tun so, als wenn die Einsamkeit, gegen die sie gleichzeitig bei Tinder entgegenwischen, ein Statement ihrer monadenartigen Stabilität sei.

Ich nutze gerne auf meinen Dienstreisen Taxis. Warum? Mit den Fahrer*innen kann man einigermaßen zwanglos ein Gespräch anfangen. Und wenn man sich nicht zu dämlich anstellt, auch sehr spannende. Oft sind die Fahrer*innen wie gelöst auf eine Gesprächsofferte, die nicht nur Nörgeln am Wetter, Fahrstil, Stadtbild etc. beinhaltet, sondern etwas, dass ganz wichtig ist, um etwas zu ERLEBEN: Interesse am Gegenüber.

Ich hatte vor kurzem in München vier Taxifahrten. Vier Fahrer, vier Lebenswege, vier völlig unterschiedliche Geschichtenverläufe. Doch alle hatten eins gemeinsam: wir gaben uns nach dem Ausladen des Gepäcks die Hand und waren froh, miteinander gesprochen, gelacht oder gemeinsam verzagt gewesen zu sein. Himmel, was sind das für Bereicherungen!

Und was sagen die Menschen zu mir? Ich höre lieber meine Musik.

Da sollten wir noch drüber sprechen. Aber probieren Sie es erstmal mit Andreas Altmanns Reportagen und dann gehen Sie auch auf Entdeckungstour. Denn egal ob Afghanistan oder Frankfurt-Griesheim: Das Leben spielt da draußen.

Andreas Altmann: Leben in allen Himmelsrichtungen. Reportagen. Piper München 2019. 16€

19:05 09.12.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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