Verächtliches Grunzen gegen die Wall Street

Zombies Das Erstaunen über den Hype um Zombies in Film, Kulturzeitschrift und Wirklichkeit

Die US-Seuchenbehörde CDC hat 2013 die Folgen einer möglichen Zombie-Epidemie dargestellt. Und vor wenigen Wochen kam heraus, dass eine Strategiegruppe des Pentagons eine weltweite Zombie-Apokalypse durchgespielt hat. Zombies sind in Wort und Bild derart allgegenwärtig, dass ihr reales Aufkommen nur noch eine Frage der Zeit zu sein scheint.

Auf Haiti ist die Zombiefizierung anderer Menschen per Gesetz unter Strafe gestellt. Es gibt also ernsthaft getroffene Vorsichtsmaßnahmen. Zombies haben inzwischen den Vampir als ultimativ gruseliges Zeitgeistphänomen abgelöst. Zombies, wohin man schaut, selbst in der eher unaufgeregt apostrophierten Wissenschaft. An der Universität Paderborn wird in diesem Sommersemester das Seminar „Zombies. Zur Theorie und Analyse einer populärkulturellen Figur“ angeboten. Die Zeitschrift für Kulturwissenschaften veröffentlicht gerade ihre neue Ausgabe mit dem Schwerpunkt „Zombies“ und präsentiert Aufsätze über „Working Dead, Walking Debt. Der Zombie als Metapher der Kapitalismuskritik“ (Jeanette Ehrmann) oder „Tropen des Terrors. Zombies und die Haitianische Revolution“ (Raphael Hörmann). Kino-Blockbuster wie World War Z mit Brad Pitt oder die Erfolgsserien The Walking Dead im Fernsehen und Bite Me im Internet forcieren den Hype. Woher kommt er?

Selbstverständlich gibt es etliche Ansätze, die erklären, warum diese stinkenden, grunzenden Monsterwesen derzeit auf ein brachial großes Publikum stoßen. Markus Metz und Georg Seeßlen haben in ihrem klugen Band Wir Untote! Über Posthumane, Zombies, Botox-Monster und andere Über- und Unterlebensformen in Life Science & Pulp Fiction die popwissenschaftliche Mr. Science Show zitiert. In dieser Show wurde statistisch belegt, dass die Regentschaft von Republikanern und Demokraten mit dem jeweils verstärkten Aufkommen von Vampir- oder aber von Zombiefilmen begleitet wird. Vampire sind unter den Demokraten stark, Zombies unter den Repuplikanern.

„Für diesen Untoten-Zyklus gibt es auch eine einfache Erklärung: Die jeweiligen Halbwesen repräsentieren gerade dies, was man in der Mehrheit am meisten fürchtet: Als Demokrat sind einem die ‚Blutsauger‘ von der Wall Street höchst suspekt, das Elitäre und Aristokratische wird verabscheut; als Republikaner fürchtet man den Aufstand von unten, immer wieder: die Kommunisten, die verelendeten Massen, die Rebellion der Dritten Welt.“ Auf Deutschland übertragen ergibt die Große Koalition dementsprechend ein potenziertes, hybrides Schauerbild aus der Furcht vor Zombies und Vampiren ab, das Hollywood in Anlehnung an Filme wie Zombies v. Vampires verfilmen könnte. Wer seinen Unmut gegen die allgegenwärtigen Zombiebanken und -firmen artikulieren will, kann sich übrigens den monatlich stattfindenden Zombie-Walks anschließen.

Im Spätsommer gibt es diese Veranstaltungen unter anderem in Bayreuth (23. 8.), Ulm (23. 8.), Frankfurt (30. 8.) und Düsseldorf (7. 9.). „Der erste Zombie-Walk fand 1932 als Werbeaktion für die Kinopremiere von White Zombie in New York statt und war mit durch die Straße wandelnden, verkleideten Zombies ein aufsehenerregender PR-Erfolg“, schreibt Jeannette Ehrmann in der Zeitschrift für Kulturwissenschaften. Und weiter: „Mit der Bankenkrise kehrte der Zombie-Walk nach New York zurück. Am 3. Oktober 2011 suchten kreidebleiche, blutüberströmte und ungelenk wankende Zombies die Wall Street heim. Als ‚corporate zombies‘ schlossen sie sich zu einer Prozession zusammen, um gegen die Macht der Banken zu demonstrieren.“

Vielleicht ist das die einzig angemessene Reaktion auf Rettungsschirme, Austerität und Milliardenabschreibungen: statt Argumentation ein verächtliches Grunzen in Richtung des superdummen Pseudokapitals.

Zeitschrift für Kulturwissenschaften Ausgabe 1/2014, „Zombies“. Transcript, 120 S., 14,99 €

06:00 16.07.2014
Geschrieben von

Jan Drees

"When there's nothing left to burn – you have to set yourself on fire!" Literatur, Gesellschaft, Pop: Von Aebelard bis Stefan Zweig
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