„Den transsilvanischen Virus weitertragen“

Evangelische Kirche Von Hilfstransporten, politischer Verantwortung, Generationenfragen und Siebenbürgen. Eine Begegnung der Ev. Kirche A.B. von Rumänien mit der Ev. Kirche in Berlin
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„Den transsilvanischen Virus weitertragen“
Die Biserica Neagră (dt. Schwarze Kirche) in Brașov. Der bedeutendste gotische Kirchenbau Siebenbürgens ist seit der Reformation eine evangelische Kirche

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Siebenbürgen ist eine historische Kulturlandschaft mitten in Europa. Das Gebiet zwischen Theiß und Karpatenbecken wurde vor nunmehr hundert Jahren politisch an den rumänischen Nationalstaat angegliedert. Es ist die Heimat zahlreicher Volksgruppen – ungarisch- und deutschsprachige SiedlerInnen lebten hier seit dem Mittelalter zusammen, jiddisch-, slawisch- und romanessprachige Nachbarn mit ihnen. Wann in der kulturellen, sprachlichen und religiösen Vielvölkerregion die RumänInnen auftauchten und wie begründet deshalb ihr Anspruch auf dieses Gebiet ist, ist höchst umstritten. Auch darunter leidet das politische Geschäft des heutigen Rumäniens, wie zuletzt anhand der Reaktionen auf die Initiative vierer Bügermeister aus siebenbürgischen Städten deutlich wurde, die sich zur Beantragung europäischer Fördermittel zusammentun wollen. Der Verlust Siebenbürgens ist die Urangst der RumänInnen. Zumindest der politischen Eliten und der MeinungsmacherInnen.

Seit dem frühen Mittelalter war Siebenbürgen katholisch geprägt; zu Zeiten der Reformation wandte sich der Stand der Sachsen dem evangelischen Glauben zu, die Ungarn und Szekler blieben katholisch oder wurden calvinistisch / reformiert oder Unitarier (Antitrinitarier). Die Kirche der Sachsen gibt es in Siebenbürgen seit 1557. Sie war und ist ein wichtiger Aspekt siebenbürgisch-sächsischer Identität. Gottesdienste sind in deutscher Sprache, Sozialisation und Kultur sind „deutsch“.

1918 änderten sich dann die Mehrheitsverhältnisse in Siebenbürgen. Es war nun nicht mehr die östlichste Provinz der Habsburger Monarchie, sondern die westliche Provinz des Balkanstaates Rumänien. Zur Siebenbürgischen Kirche kamen nun weitere Gebiete und Bevölkerungsgruppen hinzu, wie es Bischof Reinhart Guib gestern anlässlich eines Besuches in Berlin ausdrückte. Die evangelische Kirche aus Siebenbürgen wurde zur evangelischen Kirche Rumäniens. Das löste innerkirchliche Debatten darüber aus, ob sie nun Kirche der Deutschen in Rumänien sei oder evangelische Kirche aller rumänischen Staatsangehörigen.

Wie sehr die Frage die Evangelische Kirche A.B. in Rumänien (EKR) umtreibt wurde auch beim gestrigen Rumänien-Partnerschaftstag 2019 in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) deutlich. Eingeladen hatte der Partnerschaftsarbeitskreis EKBO-EKR, eine Initiative von Ehrenamtlichen und Gemeinden in Berlin und Brandenburg, die in die Partnerschaftsarbeit der beiden Kirchen involviert sind. Die Veranstaltung richtete sich an evangelische Menschen, die aus Rumänien stammen und in Berlin leben, an Gemeinden aus Berlin, die Partnerschaften mit der Evangelischen Kirche in Rumänien pflegen und an weitere Interessierte. Organisatorisch begleitet wird der Arbeitskreis vom Berliner Missionswerk, dem EKR-Pfarrer in Berlin und dem Berliner Büro des Fördervereins der Stiftung Kirchenburgen e.V..

Zwischen Rumänien und Berlin bestehen traditionell vielfältige Beziehungen, wie eine vom Berliner Beauftragten für Integration und Migration herausgebrachte Broschüre schon 2004 eindrucksvoll zeigte. Auch die Beziehungen von Berliner Kirchgemeinden – allein der evangelischen – zu Rumänien sind beachtlich und bisher zu Unrecht kaum bekannt. Fünf von ihnen stellten gestern ihre Partnerschaften mit Gemeinden aus Rumänien vor. Sämtliche Gemeinden auf dem Gebiet des ehemaligen Ost-Berlins eint die Gläubigen hier wie da also die Erfahrung der kommunistischen Diktatur. Die rumänischen Partnergemeinden sind allesamt siebenbürgische.

Und auch wenn die Aktivitäten der einzelnen Gemeinden unterschiedlich sind, ist die große Rahmenerzählung dieselbe: 1989, als die schrecklichen Fernsehbilder aus Rumänien um die Welt gingen (Ceaușescu und Kinderheime), da begannen Menschen in Deutschland Kleider, Geräte, Lebensmittel, Medikamente, Baumaterialien zu sammeln und den von der kommunistischen Mangelwirtschaft und Rationalisierung schwer traumatisierten Brüdern und Schwestern im Osten Europas zu helfen. Privat organisiert, im Geiste christlicher Nächstenliebe machten sich Gemeindeglieder mit ihren PKW's auf in unbekanntes Terrain – zumindest für diejenigen, die nicht schon zu DDR-Zeiten als Touristen das Land bereist hatten. „Da zieht mich nichts hin“, sagte sich damals jemand, dessen Schönefelder Kirchgemeinde eine Partnerschaft mit Wolkendorf (rum. Vulcan) unterhält. Kürzlich war er zum 40. Mal in Rumänien.

Gewachsen sind die Partnerschaften vor allem durch das Engagement Einzelner. Die damals pensionierte Pfarrerin der evangelischen Gemeinde von Friedrichshagen war durch eine Anzeige des Gustav-Adolf-Werkes nach Rumänien gekommen: gesucht wurden Sommervertretungen für die evangelischen PfarrerInnen in Rumänien. Dabei habe sie sich mit dem „Virus transsilvanicus“ angesteckt. Bei einer „Arbeit mit Herz“ die Tür zuzumachen, sei das Allerschlimmste, sagte gestern die über 80-Jährige, die mittlerweile nicht mehr nach Rumänien fährt.
Allen Gemeinden fehlt es am Nachwuchs, der die initiierten Partnerschaften weiter mit Leben füllt. Die Schwierigkeiten, die Jugend dafür zu begeistern, dürften auch damit zusammen hängen, dass die Ev. Kirche in Berlin wie auch die in Rumänien kaum Nachwuchs hat.

Außerdem sind die Transporte von Hilfsgütern zunehmend überflüssig geworden seit Rumänien in der Europäischen Union ist und man billige Produkte einfach vor Ort kaufen kann – bei OBI, Kaufland, LIDL, dm, Deichmann, Penny, Praktiker, IKEA, Billa, Carrefour oder Selgros. Und seitdem immer mehr RumänInnen im Ausland arbeiten und selber Hilfspakete und Geldüberweisungen zu ihren Familien schicken.
Schließlich besteht zu denjenigen, die so weit außerhalb des gesellschaftlichen Gefüges leben, dass ihnen materielle Hilfen beim Überleben tatsächlich helfen würden, kein Kontakt. Die Roma sind eine Bevölkerungsgruppe im heutigen Rumänien, die keinen Platz in den Kirchen gefunden hat und die umgekehrt auch kaum als Kirchenvolk angesprochen wird. Außer von den Freikirchen amerikanischer und westeuropäischer Prägung.

Was nun die evangelische Kirche in Rumänien anbelangt, so ist sie nach dem massiven Mitgliederschwund der frühen 90er Jahre – hunderttausende Siebenbürger Sachsen wanderten aus, kehrten „zurück“ nach Deutschland – mittlerweile eine Kirche für ganz Rumänien und auch für alle. Ihr Bischof ist zwar noch zögerlich als er vom evangelischen Christentum in Ost- und Südrumänien berichtet. In Bukarest gebe es einen Pfarrer, dort gehe es viel um ökumenische Zusammenarbeit der Konfessionen. Die deutschsprachige evangelische Kirche Rumäniens hat aber ein ähnliches Potential wie die deutschsprachigen Schulen in Rumänien: auch wenn ihr traditioneller Ort Siebenbürgen ist, ist ihr guter Ruf weit darüber hinaus im Land bekannt. Immer mehr RumänInnen etwa schicken ihre Kinder deswegen auf „deutsche“ Schulen. Auch weil die Chancen auf einen Job in Westeuropa mit einem deutschen Abitur besser eingeschätzt werden.

Was, wenn auch die EKR auf dem Weg ist, eine Kirche für alle in Rumänien zu werden? Wenn sie all denjenigen eine geistliche Heimat bieten kann, die sich vom orthodoxen Ritus nicht (mehr) angesprochen fühlen, die sich nicht mehr vom Popen sagen lassen wollen, wen sie wählen sollen, die ihre Kirche als korrupt erleben, die sich eine aufgeklärte, liberale Kirche wünschen, die Menschen jeder Ethnie, Sprache, sexuellen Orientierung, sozialen Schicht und Bildung willkommenheißt. Eine „Engagementkirche“, wie es beim gestrigen Partnerschaftstag angesprochen wurde, könnte ein erster Schritt in die richtige Richtung sein. Denn Kirche – erst recht evangelische – darf angesichts von Machtmissbrauch, Vorteilsnahme, Missgunst, Manipulation und Klientelismus im öffentlichen Raum nicht schweigen.

00:05 11.03.2019
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