„Es muss möglich sein in diesem Land“

Sterben Ein einziges Kinderhospiz gibt es in Rumänien. Aller gesellschaftlicher Ignoranz zum Trotz. Nicht nur deshalb ist die Arbeit dort Schwerstarbeit
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„Es muss möglich sein in diesem Land“
Symbolbild

Foto: Adrian Piclisan/AFP via Getty Images

Alina ist ein zartes Geschöpf. Sie ist vier Jahre alt und wiegt vier Kilo. Sie wirkt winzig in dem Kinderbettchen aus hellem Holz, zugedeckt mit einer farbenfrohen Decke. Alina hat helle Haut, rötlich blonde Haare und schaut neugierig um sich. Anfassen kann man das Mädchen nicht, denn dann weint es. Alina hat einen Gendefekt. Ihre Eltern waren Geschwister.

Alina wird sterben. Sie lebt im einzigen Kinderhospiz Rumäniens. Mit ihr im Zimmer ist Alexandra, sechs Jahre alt. Ohne Geräte, die sie beatmen und ihren Schleim aus Hals und Lunge saugen, ist sie nicht lebensfähig. Seit ihrer Geburt stirbt sie. Sie ist Palliativpatientin. Ohne Schmerzmittel gehe es bei Alexandra nicht mehr, sagt Ortrun Rhein, die Leiterin der Einrichtung.

Rhein, dunkle Haare zum Zopf gebunden, groß, weiße Bluse, tatkräftiges, einfühlsames Auftreten, berichtet. Sie leitet das Dr.-Carl-Wolff-Heim in Hermannstadt, Rumänien. Betreut werden dort nicht nur alte Menschen, sondern auch Sterbende jeden Alters. Zehn Plätze gibt es im Kinderhospiz, neun sind belegt, einer werde immer für Notfälle freigehalten. Und die Kapazitäten reichten längst nicht aus, sagt Rhein. In letzter Zeit kämen vor allem Kinder zu ihnen, die von ihren Eltern im Krankenhaus zurückgelassen worden seien. Und die austherapiert sind.

Ein sterbendes Kind zu begleiten, ist eine extreme Belastung für die Eltern und Familien. Viele der ärmeren Familien könnten ihr Kind gar nicht nach Hause holen, weil die Lebensbedingungen es nicht erlauben. In einer Hütte ohne Strom funktioniert kein Beatmungsgerät.

Rhein ist eine Kämpfernatur, die mit viel Ehrgeiz und mit Unterstützung des deutschen Bundesinnenministeriums eine moderne Einrichtung aufgebaut hat. Die PflegerInnen werden vor Ort geschult, nach ein paar Monaten sind sie einsatzfähig. Viele entscheiden sich dann, im Ausland als PflegerIn zu arbeiten. So herrscht eine hohe Fluktuation. Sobald jemand fertig ausgebildet sei, sei er auch schon weg, um im Ausland für ein Vielfaches des rumänischen Gehaltes zu arbeiten, klagt Rhein. Zwar finden sich immer neue MitarbeiterInnen, aber viel Wissen gehe auf diese Weise verloren. Sie wünscht sich Unterstützung, vielleicht von einem pensionierten Pfleger, der ein paar Monate im Alltag von Altenheim und Hospiz mitlaufe, um den Pflegekräften aus dem Haus Anregungen zu geben, sie zu korrigieren und zu coachen.

Die sterbenden Kinder machen traurig und wütend. Denn sie sind nicht alle bedauernswerte Einzelfälle, sondern viele sind Opfer systematischer Vernachlässigung, Fehlbehandlung oder Ablehnung. Die neunjährige Mina sitzt in einem Rollstuhl, den Körper merkwürdig verdreht. Ängstlicher Blick, ihre prognostizierte geringe Lebenserwartung ist ihr seit vielen Jahren egal. Mina kam mit dem Rettungswagen hierher. Sie hatte mehrere Tage nicht uriniert, war aber im städtischen Krankenhaus weiterhin über Infusionen und Magensonde mit Flüssigkeit versorgt worden. Das führte zu einer Art innerer Urinvergiftung, die sie um Haaresbreite das Leben gekostet hätte, schildert Rhein, während sie die Hand des Mädchens hält.

In den staatlichen Krankenhäusern gebe es keine Kinderintensivstationen. Die SchmerzpatientInnen und Sterbenden würden in den überfüllten Räumen im hinteren Teil untergebracht und mitversorgt. Eine professionelle, bedarfsgerechte Pflege, die das Leben möglichst verlängert, bzw, das Sterben erträglicher macht, gebe es nicht. Inkompetenz und Indifferenz. Vom rumänischen Staat erwartet Rhein deshalb gar nichts. Während aus ihrem kleinen Kaffeeautomaten Latte Macchiato sprudelt, berichtet sie von der mühsamen Aufbauarbeit. Die Zusammenarbeit mit den rumänischen Behörden sei schwierig, was vor allem eine Frage der Haltung sei. „Es kann nicht sein, dass etwas funktioniert“, paraphrasiert Rhein bitter.

Das Carl-Wolff-Heim liegt unweit des Flusses Cibin, von dem sich der rumänische Name der Stadt – Sibiu – vermutlich herleitet. Der Gebäudeteil, der das Kinderhospiz beherbergt, ist modern ausgestattet, hell, freundlich. Es gibt eine Küche und Platz, wo die Angehörigen der Kinder kochen und essen können, Spielgelegenheiten, moderne Therapieausstattung. Wir fahren mit dem Aufzug in den ersten Stock. Sechs Monate habe sie um die Genehmigung für den Aufzug bei den örtlichen Behörden gekämpft, sagt Rhein entnervt. Das hier ist Schwerstarbeit.

Die Namen der Kinder wurden geändert.

Weitere Informationen zum Dr.-Carl-Wolff-Heim: http://carlwolff.ro/

23:00 01.11.2019
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