Noch nicht aufgeklärt

Interview In Rumänien geht außer dem Verfall von Kulturgut nichts voran. Zu stark sind die Naivität des Volkes und die Korruption. Die Fotografin Simone Mathias blickt zurück
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Noch nicht aufgeklärt
"Es muss sich das Gefühl einer Einheit einstellen"

Daniel Mihailescu/AFP/Getty Images

Frau Mathias, die Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien verbreitete kürzlich in den Sozialen Netzwerken einen Bericht, wonach es in Rumänien EU-weit die meisten „Teenie-Mütter“ gebe. Sie haben sich in die Debatte eingeschaltet. Was hat Sie an dem Beitrag bewegt?

Die Tatsache, dass es sich bei diesen Kindern um die nächste Generation Rumäniens handelt, welche jetzt, im Kindesalter, geprägt wird. Was dürfen diese Kinder erwarten? Wie soll ihre Zukunft aussehen, wenn sie selbst von einem (Noch-)Kind großgezogen werden? Die Verantwortung dafür wird vom Staat an die Eltern geschoben und die selbigen schieben sie an die Schule. Am Ende der Kette bleibt die junge Mutter allein ihrem Schicksal überlassen. Ich bin einfach wütend zu erleben, wie Rumänien an jeder Ecke eine Kirche genehmigt, statt in Schulen und Krankenhäuser zu investieren.

Dass es überhaupt so weit kommt, dass Kinder Kinder kriegen, liegt an der rumänischen Mentalität: „Wird schon alles nicht so schlimm werden“. Fakt ist, dieses Phänomen tritt vor allem im ländlichen Bereich Rumäniens auf. Die Mädchen und Frauen auf dem Land sind immer noch dem Mann untergeordnet. An Aufklärung ist kaum zu denken. Wer soll das auch tun? Die Schule schiebt es weit von sich; das Leben findet in enger Verbindung mit der Kirche statt. Im 21. Jahrhundert findet man in Rumäniens Dörfern teilweise immer noch das Mittelalter. Sexuelle Belästigung wird nicht angezeigt, denn, wenn der Mann das erfährt, verprügelt er sowohl Mutter als auch Tochter.

Mir sind hier in Deutschland Fälle bekannt geworden, wo der (rumänische) Mann dachte, er könnte hierzulande die „Tradition“ fortführen und seiner Frau Gewalt androhen. Ich habe mal mit der Stadtverwaltung Fellbach in Baden-Württemberg eine Broschüre über Gewalt in der Ehe ins Rumänische übersetzt und auch in einem solchen Fall gedolmetscht.

Sie sind der Überzeugung, dass Rumänien nicht – wie manchmal dargestellt – der Unterlegene in einem unfairen internationalen, bzw. europäischen Wettbewerb sei, sondern dass es für die Versäumnisse der letzten Jahre selbst die Verantwortung trägt. Wie sind Sie zu dieser Einschätzung gelangt?

Als ´89 die Revolution stattfand und Ceaușescu exekutiert wurde, war ich zwar - wie die ganze Welt - schockiert über die Art und Weise, dachte und hoffte aber auf eine neue Zeit. Man konnte es spüren: das Volk war beseelt, sie wollten Demokratie, Freiheit, Wohlstand und Meinungsfreiheit. Leider hat sich zu dem Zeitpunkt niemand gefunden, der den RumänInnen den Begriff „Demokratie“ erklärt hat und so wurde er gleichgestellt mit: „Ich mache, was ich will“. Wie brandgefährlich das war, konnte man in den nächsten Jahren dann erleben. Es ging zuerst los mit Privatisierung jeglicher Art.

Über Nacht bildeten sich Kilometer lange Schlangen an der Grenze zu Ungarn. Der Rumäne hatte plötzlich ein „Business“. Man fuhr nach Ungarn, kaufte die halbe Plastikindustrie in Form von Schüsseln, Tellern, Boxen etc. auf und verkaufte diese zu horrenden Preisen in Rumänien wieder. Manche (je nach Kundschaft und Häufigkeit derartiger Exkursionen) wurden fast über Nacht reich.

Sie schmissen ihre Jobs. Die ohnehin am Boden liegende rumänische Industrie brach zusammen. Der Grundstein für die ersten „Boutiques“ wurde gelegt. Das waren kleine Tante-Emma-Läden in Kioskform, die 24 Stunden offen hatten und wo man das Nötigste einkaufen konnte. Aber das Rumänien der damaligen Zeit hatte keine Ahnung von Privatisierung, Selbstständigkeit, Buchhaltung, Steuern, Betriebskosten etc. - zumindest im privaten Bereich nicht. Diese Boutiques endeten kläglich, die Existenz der Besitzer war ruiniert. Typisch rumänisch: man legt los bevor man sich informiert.

Die Industrie schaffte es nicht mehr, sich aufzurappeln. Ausbildungsbetriebe und Berufsschulen wurden abgewickelt und geschlossen, das Handwerk ging ebenso vor die Hunde. So fristete Rumänien sein Dasein über Jahre, geprägt von Skandalen und Korruption, von Telenovelas, von Skandalpresse und von Politikern, die den Hals nicht voll kriegen. Das hat sich bis heute nicht geändert wie man am derben Rausschmiss der höchsten Korruptionsstaatsanwältin Rumäniens, Frau Codruța-Kövesi, sehen kann. Was soll man da noch sagen, außer, dass man in Rumänien schon immer den Bock zum Gärtner machte.

Irgendwann kam dann Roșia Montana. Rumänien hatte bereits im Jahr 2000 eine der schwersten Umweltkatastrophen Europas erlebt, als im nordrumänischen Baia Mare der Damm eines Auffangbeckens brach. 100.000 Kubikmeter giftigen Schlamms verseuchten Flüsse und kontaminierten das Trinkwasser von 2,5 Millionen Menschen – sogar bis nach Ungarn und Serbien. Wer hatte Schuld? Die korrupte Politik. Ähnlich verhält es sich mit den abgeholzten Wäldern, Rumäniens nächste ökologische Katastrophe. Am Anfang jeder Geschichte dieser Art steht ein oder eine Handvoll PolitikerInnen, welche den Deal einfädeln und unermesslich reich dabei werden. Die Bevölkerung muss das dann ausbaden. Statt aber die Ursache zu bekämpfen, bekämpft die Bevölkerung die Symptome. Nun, da kann man nicht annehmen, dass sie aus der Geschichte lernen, oder?

Man muss sich in Rumänien erst einmal klar werden, welchen Anteil die Politik an dem Elend hat und weshalb das so ist. Wie die katastrophal niedrige Wahlbeteiligung der letzten Jahre zeigt, bleiben viele am Wahlsonntag statt zur Urne zu gehen, lieber auf dem Dorf, gehen ins Stadion, Grillen oder liegen auf der Couch und schauen die Lieblingstelenovela. „Was interessiert mich die Politik? Die machen eh, was sie wollen! Du kannst ja eh keinen wählen, einer schlimmer als der andere!“ Das zum weiteren Verständnis der Demokratie, den Rechten UND auch PFLICHTEN der BürgerInnen. So schade! Das Land ist wunderschön, die Mehrheit des Volkes aber leider unbelehrbar.

„Das Land hatte mal Gelehrte und kompetente Menschen. Wo sind die geblieben? Ausgewandert“, schreiben Sie. Bedauern Sie, dass so viele gute ausgebildete Leute das Land verlassen? Was sind Ihrer Meinung nach die Hauptgründe für diese Entwicklung?

Natürlich bedauere ich das! Ich bin in Temeswar (rum. Timișoara) aufgewachsen. Mit jeder Menge Kultur! Auch wenn man sich nicht die abendliche Vorstellung in der Oper leisten konnte, ging man am Sonntagmorgen in die preisgünstigere Vorstellung. Es gab Vorlesungen, Ausstellungen, Theater - Respekt und Kultur in einem Satz.

Und heute? Heute sind sie die meisten weg. Die Gründe sind einfach: der Wunsch, über Nacht reich zu werden, Perspektivlosigkeit, Verzweiflung über die im Land herrschenden Zustände... Um nochmals auf die Teenie-Mütter zu kommen: Ende 2017 gab es in Rumänien 94.896 Kinder, wo mindestens ein Elternteil auf den Feldern Europas schuftete, und 17.425 Kinder, wo BEIDE Eltern weg waren. Woher sollen diese Kinder eine richtige Erziehung genießen? Wer soll sie aufklären? Woran sollen sie sich Beispiele nehmen?

Sie selbst stammen aus dem westrumänischen Banat. Wie denken Sie über diese Region?

Das Banat war schon immer etwas aufgeschlossener, westlicher. Durch die Schwabenzüge wurde es mit Menschen bevölkert, welche fleißig und traditionsbewusst waren und welche loszogen, um sich eine Zukunft aus dem Nichts aufzubauen. Mein Ur-ur-ur-großvater hat den ersten Baum geschlagen für den Kirchenaltar der Gemeinde Steierdorf (rum. Anina). Aus dem Nichts. Sie waren angekommen und wollten sich eine Zukunft aufbauen. Im Banat hat man in Frieden koexistiert: Rumänen, Deutsche, Ungarn, Serben, Juden, Roma, Makedonier, Türken. Kein Streit, keine Probleme.

Ich persönlich bin nicht mit diesem „Deutschtum“ groß geworden - im Gegenteil: Ich ging in einen rumänischen Kindergarten, später in eine rumänische Schule, wo ich als zweitbeste des Jahrgangs mein Abi ablegte. Mir kann man also Deutschtum und Gehirnwäsche nicht vorwerfen. Dann begann irgendwann die Auswanderungswelle. Ich wollte es lange nicht wahrhaben, aber mit der Auswanderung der Banater Schwaben ging auch der Niedergang des Banats einher. Nicht nur Bevölkerung verschwand, es verschwand eine ganze Kultur, es verschwand noch mehr Wissen aus dem Land.

Die nun leer stehenden Häuser wurden an sogenannte „Kolonisten“ vergeben, welche als erstes das Parkett in den Zimmern rausrissen und danach lästerten, die Deutschen hätten sich keine Fußbodenbretter leisten können. Das ist leider keine Anekdote. Und als das Haus dann richtig „verwohnt“ war zogen sie ins nächste. Es gab ja genug leerstehenden Wohnraum, ganze ehemalige deutsche Dörfer. Und die Häuser, teilweise richtige architektonische Schmuckstücke aus der K&K Zeit, brachen der Reihe nach ein und wurden zu einem trostlosen Haufen Erde.

In einem Ihrer Kommentare klingen Sie ziemlich verzweifelt. Sie schreiben, sie könnten kein Verständnis mehr aufbringen und schildern dabei Ihrer Erfahrungen als Dolmetscherin. Was haben Sie in dieser Tätigkeit erlebt, das Sie den Glauben an die Fähigkeiten und das Potential der RumänInnen verlieren ließ?

Ich könnte einige Bücher damit füllen, habe aber zu Beginn meiner Tätigkeit eine Art Verhaltenskodex unterschreiben müssen und mich verpflichtet, keine Details darüber zu erzählen. Ich kann es aber allgemein schildern. Ich habe für die Stadt, die Polizei, in Schulen und Kindergärten gedolmetscht.

Mir sind Schicksale begegnet, dass es mir die Nackenhaare aufstellte. Da waren aber auch Schicksale, die mich tief berührt haben und mich Tage lang beschäftigt haben. Mir ist heftigste Beratungsresistenz begegnet, krasse Frechheit, rohe Gewalt, unglaubliche und schmerzhafte Frauenfeindlichkeit oder aber grenzenlose Naivität. Die ganze Palette.

So gut wie keine dieser Personen, für die ich gedolmetscht habe, war in einer Stadt groß geworden; alle kamen vom Land. Deswegen habe ich auch so eine Wut auf die Orthodoxe Kirche Rumäniens. Sie unterstützt nämlich diese mittelalterlichen Zustände. Wenn man beispielsweise in Deutschland ungewollt schwanger wird, hat man die Möglichkeit, sich beraten zu lassen. Bis man diese Zustände in Rumänien erreichen wird, werden noch weitere 100 Jahre vergehen.

In Bayern und Baden-Württemberg leben die beiden größten rumänienstämmigen Communities in Deutschland. Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu den RumänInnen in ihrer Heimat Baden-Württemberg, der Sie auch ihre fotografische Arbeit widmen, beschreiben? Haben Sie Kontakte zu Ausgewanderten aus Rumänien?

Ja, natürlich. Nicht viele, aber es gibt sie. Ich habe aber noch Freunde in Rumänien, die versorgen mich regelmäßig mit Neuigkeiten oder fragen nach Rat.

Was glauben Sie, müsste sich in Rumänien ändern, damit die Menschen dort bleiben? Halten Sie es überhaupt für möglich, dass sich die Verhältnisse derart verändern lassen?

In allererster Linie müsste sich die Mentalität ändern. Das ist schon mal undenkbar; deshalb klinge ich vielleicht auch so verzweifelt. Abgesehen davon muss sich das Gefühl einer Einheit einstellen. Rumänien ist sich uneinig. Banater möchten unabhängig werden, Ungaren vertragen sich nicht mehr mit Rumänen. Es gibt in Rumänien ganze Landstriche, wo man in Geschäften als Rumäne oder Rumänischsprechende nicht bedient wird, weil man nicht Ungarisch spricht! Moldauer und Oltenier werden im Banat diskriminiert, Roma werden gehasst.

Dann müsste man endlich ein Verständnis für Europa und die europäische Causa schaffen. Man müsste Aufklärung in Sachen Europa betreiben, man müsste den Menschen Perspektiven schaffen und auch DARÜBER aufklären. Man müsste Startups unterstützen, sinnvolle Ideen ausbauen, regionale Produkte und deren Vertrieb dem Auslandseinerlei vorziehen. Man müsste endlich die Auswanderung stoppen, die Flüchtlingspolitik überprüfen, das nationalistische Denken durch Aufklärung eindämmen.

Kein Mensch verlässt freiwillig seine Heimat, etwas treibt ihn da weg. In diesem Fall ist es der rumänische Staat, der an seinem eigenen Ast sägt und den Menschen alles nimmt, was ihnen Auftrieb geben könnte: Perspektiven. Es müsste endlich Schluss mit der heimlichen Herrschaft der Kirche sein, es müsste die Bereitschaft keimen, ZUSAMMEN am Aufbau des Landes mitzuarbeiten, gemeinsam etwas für das Land zu erreichen.

Heute assoziiert man in Europa Rumänen / Rumänien mit: Diebstahl, Mord, Raubmord, Vergewaltigung, Prostitution, Bettelei, Roma, Altmetall, Banden, Sozialleistungsabschöpfer, Kriminalität. Das muss sich ändern. Rumänien muss sich in die EU integrieren. Korruption muss eingedämmt werden, Seilschaften müssen durchtrennt werden. Aber das ist eine Illusion. Mit ein wenig Neid und ganz großer Bewunderung schaue ich nach Polen, Tschechien, Kroatien oder in die Slowakei... SO wird das nie, nie, nie in Rumänien werden. Und schon wieder macht sich Verzweiflung breit.

Sie haben die Rumänische Revolution von 1989 erlebt. In Ihrer Heimatstadt Temeswar (rum. Timișoara) schossen Sie Fotos der Aufständischen. Unter welchen Umständen haben Sie damals das Land verlassen?

Ich habe das Land 1985 verlassen - vier Jahre vor der Revolution. Ich bin nach Deutschland der Liebe wegen und nicht wegen der Wurst in den Regalen oder den bunten Lichtern, welche überall blinkten. Ich habe mit meinem Mann zusammen die Schulbank gedrückt und als er 1981 Rumänien verließ habe ich bis 1985 versucht, ihm zu folgen. Dafür habe ich einiges in Kauf genommen, bis er mich 1985 mit 14.000 DM aus Rumänien rauskaufte. Auch das war ein dreckiger Deal des damaligen Regimes. Das Prinzip war das gleiche wie heute: den Hals nicht voll genug bekommen.

Am 1. Januar 1990 bin ich nach Rumänien gereist, um alles zu dokumentieren. Was ich in diesen Tagen gesehen und erlebt habe, hat sich in meine Erinnerung eingebrannt. Diese Menschen sind so sinnlos und vergebens gestorben. Verzweiflung und Resignation machen sich breit.

Die heutige Generation hat keine Ahnung von der Vergangenheit, von der Großartigkeit der rumänischen Städte, z.B. anno 1975. Die heutige Generation wächst mit der Mentalität von heute auf. Auch wenn es den Anschein hat, ich wäre von vorgestern oder (N)Ostalgikerin - das trifft nicht zu. Rumänien hat seine Werte verloren und dafür jede Menge Oberflächlichkeit, Rücksichtslosigkeit und Korruption generiert. Und das ist so schade... Das Land ist wunderschön, es ist fünf vor zwölf.

Simone Mathias lebt in Baden-Württemberg. Sie stammt aus dem westrumänischen Banat, von wo sie 1985 ausgewandert ist. Sie arbeitete als Rumänisch-Dolmetscherin und ist heute als Fotografin tätig. 2015 entstand von ihr die Foto-Serie "Quo vadis Banat?", zu finden hier: https://www.youtube.com/watch?v=k8ATwirdx7A

23:53 28.07.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Janka Vogel

Sozialpädagogin, Rumänistin und Migrationsforscherin. Danubius Young Scientist Award 2018
Janka Vogel

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