Unser Essen ist zu billig!

Ernährung Julia Klöckner will niemanden umerziehen. Sie fordert nur eine Untergrenze für Kampfpreise
Unser Essen ist zu billig!
Macht sie doch!

Foto: Imago Images/snapshot

Was ist Ihnen Ihr Essen wert? Neuerdings wird diese Frage nicht mehr nur von so seltsamen Menschen gestellt, die ein zivilisiertes Zusammenleben auch am Grad der Esskultur festmachen, zum Beispiel von mir. Sondern von der Bundeslandwirtschaftsministerin, die qua Amt dafür zu sorgen hat, dass die Bauern noch was zum Beißen haben. Halt, Julia Klöckner heißt ja eigentlich „Ministerin für Ernährung und Landwirtschaft“, aber das mit dem Ernährungsgedöns war ihr nie so wichtig. Und jetzt ist es ihr auch einerlei, wenn sie sagt, ich soll doch bitte wegen meiner Wertschätzung mehr für Lebensmittel ausgeben.

Ich habe mir die Augen reiben müssen. Von einer CDU-Politikerin lese ich Sätze und frage mich, ob sie Rhetorikstunden bei ihrer Vorgängerin Renate Künast (2001 – 2005, so lang ist das schon her) genommen hat. Da fallen Vergleiche, die Slow-Food-Aktivisten gar nicht mehr in den Mund nehmen wollen, so abgenutzt kommen sie ihnen vor. Da ist zum Beispiel der vom Öl. Wenn es für ihren Motor bestimmt ist, geben die Deutschen Unsummen aus, füllen sie es aber in Form von Olivenöl in den eigenen Körper ab, darf’s nichts kosten. Ist zwar noch immer richtig, hat aber schon so ’nen Bart.

Sie müssen schon entschuldigen, wenn es hier nicht wie gewohnt um die schönen Seiten des Essens geht. Aber als verantwortlicher Esser ist man eben gehalten, nicht alles zu schlucken, auch nicht das, was aus dem politischen Discounter kommt.

Was ist falsch daran, fragen Sie? Es ist der pauschale Ansatz der Ministerin. Ich gebe wirklich gern viel Geld für Essen aus, auch um Produzenten zu unterstützen, die mit einer besonderen Verantwortung für Mensch und Umwelt arbeiten. Meiner Erfahrung nach hat aber noch kein Wirt sein Schnitzel auf bio umgestellt, nur weil ich mehr Trinkgeld gegeben habe. Doch genau das wünscht sich die Ministerin, wenn sie von mehr Wertschätzung spricht.

Normalerweise wird man gleich der Verbotsabsicht bezichtigt, wenn man sagt, das Essen ist viel zu billig und man sollte beispielsweise Fleisch teurer machen. Dafür gibt es so viele vernünftige Gründe. Und wer denen nicht zugänglich ist, schreit gleich, die Deutschen sollten alle zu Vegetariern umerzogen werden. Es ist schon bemerkenswert: Julia Klöckner unterstellt niemand irgendwelche Umerziehungsversuche. Eigentlich möchte sie nur eine Untergrenze für billig.

Genau betrachtet läuft das, was die Landwirtschaftsministerin von Wertschätzung und höheren Preisen erzählt, auch wieder auf die Selbstverpflichtungsleier hinaus, mit der sie seit Jahren Unpolitik betreibt. Bitte, lieber Kunde, gib freiwillig mehr Geld, dann kommt auch irgendwie mehr Geld bei den armen deutschen Landwirten an, und ohne die musst du ja schließlich verhungern. So ungefähr. Um ein bisschen Druck zu machen, hat sie jetzt eine Kommission eingesetzt, die gleich eine Fleischabgabe vorgeschlagen hat, als Solidarzuschlag für die Tierzüchter.

Hallo, Frau Klöckner, siehe Zuckerstrategie, Tierwohl-Label, Kükenschreddern: Diese ganzen Freiwilligkeitsappelle haben nie funktioniert. Bei Industrie und Landwirtschaft nicht, und auch bei den Verbrauchern werden sie nicht ankommen. Die rechnen im Zweifel noch geiziger mit dem, was sie im Portemonnaie haben. Das hat ihre Politik ihnen schließlich beigebracht.

Trotzdem fordere ich schon mal vorsorglich eine Schonfrist und Übergangszeiten, bevor mein Kilo Hühnerschenkel teurer wird als 2,72 Euro.

Jörn Kabisch schreibt als Der Koch für den Freitag regelmäßig über Küchen- und Esskultur

06:00 18.02.2020
Geschrieben von

Jörn Kabisch

Food-Journalist, Blattmacher, Stellvertretender Chefredakteur des Freitag von 2008 - 2012
Jörn Kabisch

Ausgabe 13/2020

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