Vertrumpte Sprache

Politikunterricht Robert Habeck erklärt in seinem Buch "Wer wir sein könnten" die politische Welt
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Vertrumpte Sprache
Die Balance von postuliertem Anspruch und einfacher Zugänglichkeit, auf die unser grüner Taschenakademiker abfährt, gelingt Habeck in Vollendung

Foto: John MacDougall/AFP/Getty Images

Um es gleich zu sagen: Robert Habeck ist mit „Wer wir sein könnten“ ein gutes Buch gelungen – gemessen an der Tatsache, dass es von einem Politiker verfasst wurde.

Habeck ist ein Mensch, der sich nicht über mangelndes Selbstbewusstsein beklagen kann. Der promovierte Philosoph, der in kurzer Zeit zum stellvertretenden Ministerpräsident in Schleswig-Holstein wurde, ist der Shooting-Star der deutschen Politik. Die launische Welle des Geschickes beschert seiner Partei derzeit traumhafte Umfragewerte. Ein Glückskind, der auch deshalb so populär ist, weil sein leicht arroganter Tonfall derzeit irritierenderweise von vielen als knorrige Sachlichkeit aufgefasst wird. Jedenfalls wirkt Habeck keinesfalls cremig. Allenfalls konziliant.

Aber kommen wir zum Buch. Habeck ist Philosoph und Schriftsteller, das merkt man dem Text an. Seine Grundthese, Sprache sei Realität, ist ein nominalistischer Ladenhüter der Philosophie - aber herrje, es geht in diesem Buch ja nicht um philosophische Originalität, sondern um Politik und darum, die eigenen Vorstellungen zu verkaufen.

Habeck spricht mit seinem Buch den typischen Grünen-Wähler an: Typ Akademiker, der „sozusagen gebildet“ ist – was heute so als Bildung durchgeht: So tun also ob, mit ein, zwei schlauen Argumenten in der „Tasche“.

Diese Balance von postuliertem Anspruch und einfacher Zugänglichkeit, auf die unser grüner Taschenakademiker abfährt, gelingt Habeck in Vollendung. Er schreibt eingängig, flüssig, verweilt nicht allzu lange bei einzelnen Thesen, es gibt kaum komplizierte Gedankensprünge und er bemüht sich redlich, seine Grundthese anhand aktueller Fragen „durchzudeklinieren“, so dass der Leser nicht überstrapaziert wird und doch auf der nächsten Party in der Lage ist, echt schlaues Zeug zum Besten zu geben.

Sagen wir so: Robert Habeck hat zweifellos Recht, auch wenn seine These natürlich überspitzt ist. Denn Sprache schafft auch, nicht ausschließlich, politische Realität. Daher sollte die politische Klasse auf ihre Sprache achten. Das ist aber, offen gesagt, eine Binse. Lernt man in der Schule. Dafür muss man keine philosophischen Sentenzen aus dem Oberseminar zu Ludwig Wittgenstein bemühen. Und darin liegt das Problem dieses Buches. Oder vielleicht ist es sein Trick. Wie auch immer. Dass die politische Sprache verroht oder besser gesagt „vertrumpt“, das liegt offen zu Tage. Ist eine modische Floskel. Das weiß man auch, wenn man kein Blitzmerker ist. Und dass diese Zeit einer weltweit grassierenden prä-faschistoiden Sprachcourage ein himmelschreiender Zustand ist, das leuchtet jedem ein. Dass wir also alle, nicht nur die Politiker, auf unsere Sprache achten sollten – geschenkt. Zweifellos: Ein wichtiger Hinweis. Aber dazu braucht man doch kein ganzes Buch!

Man fragt sich: Ist das hier der altbekannte grüne Moralismus? Habeck wäre nicht der gewiefte Politiker, der er ist, wenn er nicht versuchen würde, diesen Einwand aus der Welt zu schaffen, Denn natürlich weiß er, dass am Horizont die Sorge vor einem Neusprech droht. Und tatsächlich liegt ein feines Odeur zwischen den Zeilen dieses Buches. Ist sie wieder zurück, die biedere moralistische Verbotskultur der Grünen? Man will es nicht beschreien. Aber sagt uns hier ein grüner Politiker nicht wieder einmal, was man denken und sagen und tun darf? Jedenfalls muss man kein politischer Rechter sein, um Habecks Plädoyer als neue Version des grünen Rigorismus misszuverstehen: Hier das Richtige. Dort das Falsche.

Zugegeben: Habeck möchte redlich die Dinge auf den Punkt bringen, ohne selbst die sprachliche Verrohung weiterzutreiben. Soviel muss ihm unbedingt zugestanden werden. Aber bedarf es nicht eines besonderen Fingerspitzengefühls, in der Politik den richtigen Weg zu gehen? Jenseits von Rhetorik? Die Wahrheit ist – das stammt jetzt von Hegel, okay – konkret. Solange man dieses Buch mit den klugen Abhandlungen zur Kulturgeschichte, zur Idee der literarischen Romantik und zur Liebe liest, klingt das großartig. Was will man mehr als einen philosophischen Kopf in der Politik? Platon wäre entzückt! Doch was Habecks Predigt für die Praxis des politischen Alltags bedeutet, wenn es um eine klare Entscheidung geht statt um die windelweiche Formulierung eines vermerkelten Kompromisses – das würde man gerne weniger lyrisch hören! Zumal von einem Politiker, der sich warm läuft, eines der wichtigsten Staatsämter der Republik zu bekleiden. Wenn die Grünen die kommenden Wahlen in der Mitte gewinnen wollen – und das werden sie –, dann wird ihnen der feine humanistische Zungenschlag von den Höhen der Kanzel herab nicht mehr weiterhelfen. Spätestens am Tag nach der Wahl werden sie mehr als diesen rhetorischen Humanismus benötigen, um dieses Land in eine bessere Zukunft zu führen.

Der Beitrag erschien am 11.11.2018 in Kultura-Extra

23:01 11.11.2018
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Geschrieben von

Jo Balle

Journalist und Autor
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Jo Balle

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