Johanna Montanari
Ausgabe 2317 | 21.06.2017 | 06:00

Zwischen Asylrecht und Staatsraison

Medien Für Migrationsthemen gibt es jetzt eine eigene Zeitschrift: „Z'Flucht“. Das Projekt ist in Deutschland einzigartig bisher und steht unter enormem Erwartungsdruck

Zwischen Asylrecht und Staatsraison

„Z'Flucht“ widmet sich dem hochkontroversen Thema der Migration

Foto: Dan Kitwood/Getty Images

Seit dem Sommer 2015 wurde eine Menge Geld reingepumpt in eine Forschung, die sich mit der Flucht, ihren Ursachen sowie ihren politischen Strategien auseinandersetzt. Dieses Momentum möchte eine neue Zeitschrift nutzen, die beim Nomos-Verlag erscheint und sich über die Grenzen akademischer Disziplinen hinweg Fluchtthemen widmet: Z’flucht. Das ehrgeizige Projekt ist in Deutschland bisher einzigartig und steht unter enormem Profilierungs- und Erwartungsdruck. Vorbild für Z’flucht ist das 1988 gegründete und von Oxford University Press herausgegebene Journal of Refugee Studies, dem ebenfalls ein Beitrag in der Zeitschrift gewidmet wird. Herausgegeben wird die Zeitschrift von Marcel Berlinghoff und J. Olaf Kleist von der Universität Osnabrück sowie Ulrike Krause und Jochen Oltmer von der Philipps-Universität Marburg in Verbindung mit dem Netzwerk Flüchtlingsforschung, das bereits seit 2013 existiert.

Z’flucht ist ein Journal, das peer-reviewed wird. Sprich: Mit einem externen Begutachtungsverfahren sollen akademische Qualitätsstandards sichergestellt werden. Wie hat man sich das genau vorzustellen? Im Editorial findet man wenig Positionierung und Schwerpunktsetzung und ist erst einmal etwas enttäuscht.

Möglicherweise ist die Zurückhaltung aber eine kluge Strategie bei einem hochkontroversen Thema: Wo Zweifel und Instrumentalisierung vorherrschen, gilt es erst einmal, wissenschaftliche Autorität sicherzustellen. Wer sich mit Migration auseinandersetzt, tut das allerdings selten im Stile eines Insektenforschers, ohne eine Haltung zum Gegenstand. Für die Zeitschrift ist das ein Spagat. Z’flucht enthält zwei längere „Wissenschaftliche Aufsätze“, mehrere kürzere „Forschungsbeiträge“, und einen Beitrag unter „Literatur- und Konferenzberichte“. Die zwei längeren wissenschaftlichen Beiträge nehmen überraschend radikale Perspektiven ein. In beiden wird auf Hannah Arendt zurückgegriffen. Dana Schmalz will die Frage von Flüchtlingen nicht als humanitäre oder moralische, sondern als politische Frage verstehen: „Die Situationen an der Grenze sind es auch, welche verdeutlichen, dass die Frage von Flüchtlingen keine ist, für die sich eine ,Lösung‘ formulieren lässt, welche nicht die politische Organisation von Staaten als Ganzes betrifft.“

Ein weitererer Beitrag widmet sich der Frage: „Wo und wie finden flüchtende und geflüchtete Menschen Gehör?“ Rechtswissenschaftliche Überlegungen finden Platz wie auch Überlegungen zu den Möglichkeiten von Aktivismus. Es geht um Geflüchtete auch außerhalb von Europa. Selbstreflexion wird allseits gefordert und auch geübt. So etwa in der Kritik, dass sich das Forschungsfeld am Status des Flüchtlings festmache und dabei andere Akteure möglicherweise aus dem Blick geraten. Albert Scherr unterscheidet in seinem Beitrag (nach Didier Fassin) zwei Problemdefinitionen: die „politische Ökonomie der Einwanderung“ einerseits und die „moralische Ökonomie des Asylrechts“ andererseits.

Entweder geht es also um Migrationskontrolle als Aufgabe staatlicher Regulierung oder um Flüchtlingsschutz als moralische Aufgabe. In dem Beitrag „Studentisches Forschen in Not- und Sammelunterkünften für Geflüchtete“ wird das koloniale Erbe der Wissenschaft avisiert und die Frage aufgeworfen, was dies für die Forschungsethik bedeutet. Mit einem so breiten Themenfeld müsste es eigentlich möglich sein, den Kreis der Interessierten über die Universität hinaus zu erweitern.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 23/17.