Bildung? Dafür machen wir Urlaub in Florenz

Schulpolitik Immer mehr Jugendliche besuchen eine Privatschule. Das ist das Ergebnis eines langen Kampfes gegen das Gymnasium - von SPD und FDP. Was heißt heute elitär?
Ausgabe 22/2013

Soeben liefen Meldungen durch die Medien, nach denen in Berlin 30.000 Jugendliche Privatschulen besuchen, in Brandenburg sollen es 27.000 sein. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) warnt vor der Zweiteilung der Gesellschaft. Da hat sie recht. Ob allerdings in der GEW ein verschärftes Nachdenken darüber eingesetzt hat, wie sehr sie selbst in den vergangenen Jahrzehnten dazu beigetragen hat, dass immer mehr Eltern ihre Kinder lieber den Privatschulen anvertrauen – wenn sie sich das leisten können –, als sie auf die kostenfreien staatlichen Schulen zu schicken, darüber ist bisher nichts bekannt geworden.

Wenn man über die bildungspolitischen Diskussionen der vergangenen vier Jahrzehnte einen Titel setzen sollte, so dürfe dieser – grob vereinfacht – lauten: „Der Kampf gegen das Gymnasium.“ Dieser wurde vor allem von SPD und FDP geführt. Von der SPD, weil sie die Anforderungen des Gymnasiums für arbeiterfeindlich hält. Von der FDP, weil sie dieselben Anforderungen für arbeitgeberfeindlich hält. Beide sind sich einig in der Losung: „Hinweg mit dem überflüssigen, elitären bürgerlichen Bildungskram“.

In den Tagen, als das Gymnasium noch unangefochten war, galten Privatschulen in Deutschland als „Quetschen“ oder „Pressen“. Dort landeten Schüler, die es daheim nicht schafften. Die Gymnasien von Flensburg bis Nittingen waren so gut, dass es den Begriff Eliteschulen in der alten Bundesrepublik überhaupt nicht gab. Heute wird das Wort Elite ohne Ende strapaziert. Dabei sind auch heute die wenigsten Privatschulen leistungsmäßig elitär. Wenn heute in Berlin Eltern aus einem eher linken Spektrum der Gesellschaft ihre Kinder auf das Canisius-Kolleg der Jesuiten schicken, dann gewiss nicht aus Bildungseifer. Sie kennen ihren Goethe: „Natur und Geist – so spricht man nicht zu Christen.“ Die jungen Leute sollen mit Gleichaltrigen aus den richtigen Familien zusammenkommen. Wer diese Chance neun Jahre lang nutzt, braucht später beim Berufseintritt nicht zu befürchten, allenfalls befristete Verträge angeboten zu bekommen.

Diejenigen, die es sich leisten können oder wollen, schieben ihre Kinder früh auf eine vielversprechende gesellschaftliche Schiene. Und wenn der Sohn der sprichwörtlich alleinerziehenden Mutter, Kassiererin bei Aldi, ein Stipendium bekommt, stört das nicht. Seit die Lehrer auch an staatlichen Schulen nicht mehr verbeamtet werden, stört auch der Angestelltenstatus bei den Privaten nicht mehr. Bildung? Dafür machen wir Urlaub in Florenz!

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