Gelegenheit zum Dialog

9. Mai 2015 Warum Angela Merkel zur Siegesfeier 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nach Moskau fahren sollte
Ausgabe 07/2015
Am 9. Mai wird es, mehr als an manchen Gedenktagen zuvor, um die Zukunft Europas gehen
Am 9. Mai wird es, mehr als an manchen Gedenktagen zuvor, um die Zukunft Europas gehen

Foto: Yuri Kadobnov/Getty Images

Der 9. Mai in Moskau. Die große Siegesfeier 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Bundeskanzlerin Angela Merkel ist eingeladen. Soll sie hinfahren? Soll sie Gast mit freundlicher Miene sein, auch wenn der blutige Konflikt in der Ost-Ukraine bis dahin noch nicht beendet ist – oder beendet auf eine Weise, die westliche Beobachter erschaudern lässt? Nur darum darf es gehen, wenn die Frage erörtert wird, ob Merkel der Einladung von Russlands Präsidenten Wladimir Putin folgen soll.

Es darf nicht mehr darum gehen, ob führende deutsche Politiker etwas an einem Ort zu suchen haben, wo andere einen Sieg über Deutschland feiern. Die Frage hat sich spätestens mit der Rede Richard von Weizsäckers am 8. Mai 1985 erledigt. Deutschland war 1945 von der nationalsozialistischen Diktatur befreit worden. Das wurde spätestens vierzig Jahre nach Kriegsende von den meisten Deutschen verstanden und verinnerlicht.

Warum nach 40 Jahren? Warum dieser Zeitabstand für die große Feier der alliierten Landung an der Atlantik-Küste und dieser Zeitpunkt für die Rede des Bundespräsidenten in Bonn? Das Vorbild liefert das Alte Testament. 40 Jahre marschierte Moses mit dem Volk Israel durch die Wüste. 40 Jahre regierte König David, regierte Salomon. 40 Tage fastete Jesus in der Wüste. Die Zahl 40 bedeutet in der jüdisch-christlichen Überlieferung eine Typen-Zahl. Sie will sagen: eine lange Zeit.

Nach 40 Jahren ist ein Ereignis Geschichte geworden und nicht mehr vorrangig eine Angelegenheit der von damals her immer noch Lebenden. Zwar hat sich seit Moses’ Zeiten einiges geändert. Heute können auch nach 50 und 60 Jahren bei Gedenkfeiern Überlebende eingeladen und geehrt werden. Das geschieht zum Staunen des Publikums und zur Bewusstmachung von Geschichte, die sonst eher Büchern und Baudenkmälern anvertraut bleibt. Aber oft werden auch Veteranentreffen gezeigt, bei denen sich die Soldaten von ehedem durchweg mit Respekt, manchmal sogar herzlich begegnen. Von Freundschaften ist wohl auch die Rede, die entstanden sind über die Fronten von einst hinweg. Männer, die um des militärischen Zieles willen einander zu töten suchten, geben gemeinsam ein Beispiel für das Zusammenwirken von Geschichte und Gegenwart. Die Erinnerung hält nicht mehr den Hass lebendig, sondern verlebendigt die Mahnung zum Frieden.

Das nach 40 Jahren. Um so zuversichtlicher sollte man einer Gedenkfeier nach 70 Jahren entgegensehen dürfen. Aber so ganz stimmt das leider nicht. Russland hat im Zweiten Weltkrieg entsetzlich gelitten. Deutschland hat die Befreiung durch die Rote Armee nicht in der Weise erlebt wie die Befreiung durch Engländer und Amerikaner. Man kann niemandem zumuten, das zu vergessen. Doch hier – wie auch beim 7o. Jahrestag der Zerstörung Dresdens durch alliierte Bomber – gilt die Mahnung Bert Brechts: Rede jeder von seiner Schande – ich rede von der meinen. Eine treffende Aktualisierung des biblischen „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“ durch den gebürtigen Augsburger.

In Moskau aber wird es am 9. Mai mehr als an manchen Gedenktagen zuvor um die Zukunft Europas gehen. Russland ist in einer sehr schwierigen Lage. Es liegt im Interesse der westlichen Staaten, es liegt im dringenden Interesse Deutschlands, Polens, der baltischen Länder, dass Russland einen Weg heraus aus dieser schwierigen Lage findet. Nur so kann der Ukraine nachhaltig geholfen werden. Hier bietet das Zusammenkommen in Moskau eine Gelegenheit für Angela Merkel, Wladimir Putin, Präsident François Hollande und vielleicht auch Barack Obama, die Gespräche unter dem gemeinsam erlebten Eindruck von Geschichte und Gegenwart zu führen.

Der Autor und Journalist Jürgen Busche schreibt in seiner Kolumne Unter der Woche regelmäßig über Politik und Gesellschaft

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