Mehr Selbstverständlichkeit

Studie Warum die „Ehe für alle“ buchstäblich Leben retten kann
Mehr Selbstverständlichkeit
Gleichstellung befreit
Bild: John Moore / Getty Images

Gegen die Ehe für alle gibt es klassischerweise von zwei Seiten Widerstand: Da sind diejenigen, die finden, es reiche jetzt mal mit den Rechten für Homosexuelle. Die Ehe sei eben nur für Mann und Frau gedacht, Punkt. Und da sind jene, die selber Teil der LGBTIQ-Szene sind und die Ehe als patriarchales Gesellschaftsmodell nicht erweitert, sondern insgesamt abgeschafft sehen wollen.

Eine neue Langzeitstudie aus den USA zeigt nun, warum beide Meinungen am gelebten Alltag vorbeiargumentieren. Die Zahl der Suizidversuche unter High-School-Schülern ist in den US-Staaten deutlich gesunken, in denen Homosexuelle heiraten dürfen. Durchschnittlich sieben Prozent weniger sind es im Schnitt, sogar 14 Prozent unter den Schülerinnen und Schülern, die sich als Bi-, Homo- oder Anderssexuell definieren – oder es schlicht noch nicht genau wissen. Es ist keine Neuigkeit, dass LGBTIQs auf Grund verbaler und körperlicher Gewaltübergriffe stärker gefährdet sind. Auf Jugendliche (ohnehin hadernd mit verwirrenden Identifikationsprozessen) wirkt Diskriminierung besonders zerstörerisch. Das Coming-out kann so zu einer enormen Bürde werden. In den Jahren bevor die Ehe für alle in einigen Staaten legalisiert wurde, lag der Wert für Selbsttötungsversuche unter ihnen bei 28,5 Prozent, im Vergleich zu 8,5 Prozent bei ihren heterosexuellen Mitschülern.

Das zeigt, dass rechtliche Gleichstellung für die gesellschaftliche Gleichstellung einen hohen symbolischen Wert hat. Gleichstellungsgesetze bauen nicht nur das Gefühl der eigenen Stigmatisierung von LGBTIQs ab. Sie beeinflussen auch das Denken und Handeln des gesellschaftlichen Umfelds, der Eltern, der Lehrerinnen und Lehrer, der Gleichaltrigen auf dem Pausenhof.

Hinzu kommt, dass auch die Kampagnen, die für die rechtliche Gleichstellung von LGBTIQs werben, einen wichtigen Unterschied bei der Selbstwahrnehmung der Jugendlichen ausmachen können. Auch in Europa zeigen verschiedene Untersuchungen, dass LGBTIQ-Jugendliche stärker als heterosexuelle gefährdet sind. Hier aber gibt es, anders als in den USA, eine große Leerstelle im Bereich der Gesundheitsberichte zum Thema. In Deutschland wurde die letzte Untersuchung, wie viel stärker homosexuelle Jugendliche suizidgefährdet sind, 1999 erstellt. Die neue Studie aus den USA könnte ein guter Anlass sein, das zu verändern. Wenn die Parteien es im Bundestagswahljahr ernst meinen mit ihren Bekenntnissen zur Gleichstellungspolitik, werden sie ein paar harte Zahlen gut gebrauchen können.

06:00 07.03.2017
Geschrieben von

Juliane Löffler

Onlinerin beim Freitag. Quelle: Papier
Juliane Löffler

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