Religion und Staat: Streit der Tabuwächter

Islam. Der folgende Beitrag könnte den Eindruck hervorrufen, es gebe nur Tabuwächter. Dem ist natürlich nicht so. Tabuwächter fallen nur besonders geräuschvoll auf.
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Wäre ich Kind, Enkel oder Urenkel zum Beispiel türkischer und moslemischer Einwanderer, würde ich - bei meinem Temperament und meinem Klassenhintergrund - vermutlich etwas anderes schreiben als diesen Beitrag. Mit meiner Weltsicht und meiner Art, mit Konflikten umzugehen, würde ich manchen Zeitgenossen freundlich empfehlen, sich um Ihr Bier zu kümmern.

Ich hätte nämlich keine Lust, auf bestimmte Formen der "Religions-" oder "Islamkritik" auch nur am Rande einzugehen.

Da ich kein Moslem bin und auch nicht als Moslem wahrgenommen werde, komme ich aber kaum in Situationen, in der Zeitgenossen von mir verlangen, dass ich mich erkläre oder womöglich verteidige. Allein schon damit lebe ich in einer anderen Realität. Das heißt nicht, dass Angehörige einer "Minderheit" nicht ebenfalls in ganz unterschiedlichen Realitäten leben oder ankommen können. Es ist aber im allgemeinen schwieriger, nicht in einer Schublade zu bleiben, in die man immer wieder gesteckt wird.

So, wie ich gemeinhin wahrgenommen werde, fühle ich mich bei diesem Thema zu Recht oder Unrecht relativ unabhängig. Ich kann mühelos nicht nur für sehr wahrscheinlich halten, dass es eine fließende Grenze zwischen Glauben und Kulturimperialismus gebe, anstatt mich bei diesem Thema genervt abzuwenden oder als Erstes und Letztes damit zu kontern, der Begriff des Kulturimperialismus sei auf ganz andere Akteure gemünzt als auf Moslems. Ich kann im Kulturimperialismus auch ein Problem sehen. Ich kann allerdings keine Sicht nachvollziehen, die nur Moslems Kulturimperialismus zutraut.

Es gibt neben vielen anderen islamischen Lebensweisen auch einen Islam der Gekränkten und der Tabubewacher. Ihr Verhältnis zu ihrer Religion kann unterschiedlich sein; gemeinsam empfinden sie Kränkungen aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit.

Ihnen gegenüber stehen Tabubewacher

  • des Abendlandes
  • des Atheismus
  • des liberalen oder evangelikalen Christentums
  • des Verfassungsgebots der Trennung von Staat und Religion
  • der Menschenrechte

Und so weiter. Die Liste ist zweifellos verlängerbar.

Islamische und nichtislamische Tabuwächter beleidigen sich gegenseitig. Das bevorzugte Mittel dazu ist das Wort; mitunter kommt aber auch Gewalt dazu. Und manchmal reicht schon die reine Existenz und Lebensführung eines anderen Menschen, um einen Tabubewacher herauszufordern.

Der Tabuwächter nimmt meistens eine Position verfolgter Unschuld ein. Allerdings sind auch offensive Phasen möglich. Offensiv verlangt der fundamentalistische Nichtmoslem "Bekenntnisse" vom Moslem - zum Beispiel zur Verfassung. Das scheint eine recht sichere Bank zu sein. Und offensiv verlangt der fundamentalistische Moslem in passenden wie in unpassenden Situationen "Respekt" für seine Religon, oder gegebenenfalls für seine Kultur.

Dabei glaubt der "islamkritische" Tabubewacher, die Verfassung zu verteidigen.

Manchmal kaufen ihm das sogar Moslems ab. Das passiert nicht nur, wenn sie auf die Verfassung pfeifen - was ja auch unter Moslems vorkommen soll -, sondern auch, wenn einer der wichtigsten Gründe für sie, in Deutschland zu leben oder Deutsche zu sein, gerade die Verfassung ist. Umso verletzender ist für sie unter diesen Umständen ein Generalverdacht.

Und auch ein Christ mag den "verfassungstreuen" Tabuwächtern ihre Deklarationen möglicherweise abkaufen. Ist er bibelfest, erinnert er sich vielleicht an den Anspruch, man müsse Gott mehr gehorchen als den Menschen.

Moslems wird gerne Buchgläubigkeit vorgeworfen. Dabei wird übersehen, dass jeder glauben darf, was er will. Laut Verfassungsrechtlern steht das so im Grundgesetz. Tabuwächter, die das Verfassungstabu gegen böse Moslems bewachen, vergessen das gern.

Und die buchgläubigsten Zeitgenossen sind häufig nicht Moslems, sondern ihre alltäglichen "Kritiker" - die unsachlichsten unter ihnen halten sich für die größten Experten. Sie bringen es fertig einem Moslem vorzuhalten, "der Koran" oder "die Hadithen" verpflichteten ihn zu diesem oder zu jenem (möglichst verfassungswidrigen) Verhalten.

Dabei gibt es sowohl Christen als auch Moslems, die nur sehr selten oder gar nicht in ihren heiligen Büchern lesen. Sie halten diese Bücher womöglich nicht einmal für heilig. Manche nennen sich Christen oder Moslems, weil ihre Eltern und Großeltern ebenfalls welche waren.

Viele halten die Wahrheiten ihrer Bücher für relativ, für einander widersprechend, für gegeneinander wägbar.

Aber das kann der Islamkritiker einfach nicht glauben. Die Beweislast liegt beim Angeklagten, dem Religionsangehörigen.

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06:01 05.11.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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