Vor dem 4. Juni - Hu Yaobangs Tod

Erste Kundgebungen. Zur Erklärung der nachfolgenden Übersetzung bitte die Erklärung links unter "Info" beachten.
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Samstag, 15. April 1989 --- Der 1987 abgesetzte Generalsekretär der KP Chinas, Hu Yaobang, stirbt morgens um 7:53 Uhr nach einem Herzinfarkt. Er wurde 73 Jahre alt.

Im Tagesverlauf verbreitet sich die Nachricht in Beijing, noch bevor Radio und Fernsehen sie in den Abendnachrichten bekanntgeben. Chen Xiaoping, ebenfalls von der University of Political Science and Law, informiert seinen Kollegen Wu Renhua [also den Autor des hier in Teilen wiedergegebenen Berichts, der hier von sich in der dritten Person schreibt], und sie beschließen, mit weiteren Hochschullehrern und Studenten zum Tian'anmenplatz zu gehen und dort Blumen niederzulegen. Dies stellt eine Demonstration dar.

Hu Yaobangs Familie hat das Besuchszimmer in einen Trauerraum umgewidmet. Liu Shaoqis Witwe Wang Guangmei, alte Waffenbrüder wie Li Chang treffen ein, ihre Köpfe in Trauer gebeugt. Allein an diesem Tag tragen sich 1300 Besucher ins Kondolenzbuch ein, unter ihnen Li Peng, Qiao Shi, Hu Qili, Li Tieying, Wu Xueqian, Rui Xingwen und Yan Mingfu als Parteifunktionäre, oder Xia Yan, Zhang Youyu, Zhu Houze, Ping Jiesan, Li Rui, Yu Guangyan, Hong Xiannü und weitere Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen. Hu Yaobangs Tochter Man Mei [offizieller Name: Li Heng], die zu dieser Zeit an einem religiösen Klinikum in Seattle arbeitet, kann mit ihren eigenen finanziellen Mitteln nicht nach Beijing zurückkehren und kontaktiert das chinesische Generalkonsulat in San Francisco mit der Bitte um Hilfe. Das Generalkonsulat weist sie ab; die Nonnen [des Krankenhauses] sammeln für Man Meis Reise nach Beijing.

Um 13:30 sind die Demonstrationen auf dem Tian'anmenplatz in vollem Gange, mit Bannern, die Hu Yaobang rühmen ("Die Erinnerung an den Genossen Hu Yaobang wird für immer leben"), oder die die Behörden mit Aussagen wie "diejenigen, die nicht sterben sollten, sterben; diejenigen, die sterben sollten, sind nicht gestorben". Nach 15:00 Uhr stellen nacheinander sechs Hochschulen, darunter die Volksuniversität (Renmin University) und Tsinghua-Universität Trauerposter mit elegischen Reimpaaren auf.

Die Aussage über diejenigen, die nicht sterben dürften oder die sterben sollten, geht durch alle Universitäten. Sie stammt aus einem Essay der berühmten Autorin Bing Xin. Wie die Aussage sich verbreitete, weiß man nicht, denn der Essay ist noch gar nicht veröffentlicht. Das Zentralkomitee der KP Chinas bittet das Ministerium für öffentliche Sicherheit (PSB) und das Ministerium für Staatssicherheit, die Situation an den Universitäten und vor allem am Tian'anmenplatz genau zu beobachten. Universitätsbeamte versuchen die Studentenaktivitäten in Übereinstimmung mit den Forderungen des Beijinger städtischen Parteikomitees so zu führen, dass niemand die Gelegenheit dazu nutzen kann, Störungen anzuzetteln.

Zu dieser Zeit [in den späten 1980ern] wird die Intelligentsia schlecht behandelt, und ihr Denken ist bedrückt von Kampagnen gegen Liberalisierung und gegen geistige Verschmutzung.

1989 haben viele Intellektuelle das Gefühl, sie hätten Hu Yaobang zwei Jahre zuvor mehr Unterstützung geschuldet, als er 1987 aus dem Amt entfernt wurde. Diesmal wollen sie es besser machen. Aber auch die KP Chinas lernt auf ihre Weise ihre Lektion aus den Demonstrationen von 1989 und kauft die Intellektuellen, mit 1,8 Milliarden Yuan für Zuwendungen an die Tsinghua-Universität und die Beijing-Universität, die über drei Jahre zur Subvention der Gehälter des Lehrpersonals dienen. Wu Renhua schreibt 2011 hierüber: "wir können hieran erkennen, warum intellektuelles Verhalten so schlecht geworden ist."

Fortsetzung folgt - JR

Fortsetzung hier.

Dieser Beitrag ist der erste von mehreren über die chinesische Demokratiebewegung im Jahr 1989. Sie basiert auf einem Bericht im Reportagestil, den Wu Renhua, ein früherer Hochschuldozent in Beijing, 2011 zusammenstellte. Daraus wird in diesen Beiträgen keine vollständige Übersetzung seiner Chronologie, und gelegentliche Übertragungsfehler sind nicht unwahrscheinlich. Für entsprechende Hinweise bin ich dankbar.

Wu Renhua bezieht sich zum Teil auf das, was er 1989 selbst sah, und zum Teil auf allgemein zugängliche Dokumente. Konkrete Quellen werden nur sporadisch angegeben, und über die Authenzität mancher der von ihm verwendeten Dokumente lässt sich streiten.

Wu Renhua's Bericht ist hier herunterladbar.

Zum besseren Verständnis: Wu spricht nach chinesischer Gewohnheit häufig von sich selbst in der dritten Person.

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21:12 12.05.2013
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