Choreografie des Urlaubs

Die Helikoptermutter Handtuch war gestern – neuerdings können Strandliegen online reserviert werden. Ein Hoch auf den Strandkorb!
Ausgabe 32/2018
Das Handtuch muss morgen nicht erst ausgelegt werden. Es bleibt einfach liegen
Das Handtuch muss morgen nicht erst ausgelegt werden. Es bleibt einfach liegen

Foto: Fotoagentur Nordlicht/Imago

Mein Strandkorb auf Amrum ist etwas anderes als die Liege am Pool des 400-Sterne-Hotels auf der einschlägigen Insel, die der Tourist aus Deutschland und Großbritannien noch in der Nacht, je nach Pegelstand, mit seinem Handtuch reserviert. Noch bis Mitte der 1990er Jahre, also bis zur Invasion der Smartphone-People, latschte er Stunden später, mit Bild oder Sun unterm Arm, aufreizend entspannt (etwas untertourig, mit bisschen Standgas) zur annektierten Liege und lieferte den Beweis, dass menschgewordene Brathähnchen durchaus einfache Texte lesen können.

Treue Leser der Bild erfuhren Anfang des Jahres Neues vom „Handtuchkrieg“; da hatten sich die britischen Kriegstreiber tatsächlich eine neue List ausgedacht: Der Reiseveranstalter Thomas Cook startete einen neuen Service. In verschiedenen Hotels auf einschlägigen Inseln konnten Engländer online vorab eine Liege reservieren. Zum Glück währte der strategische Vorteil nur kurz, weil Cook seine Idee nach Deutschland expandierte, Öger Tours und Neckermann zogen nach. Für nur 25 Euro kann man jetzt wirklich von einem All-inclusive-Urlaub sprechen.

Da war unser Strandkorb doppelt so teuer, und wir mussten dafür an den kleinen Kiosk am Strand und konnten auch nicht per EC-Karte bezahlen, um in den Genuss der Wochenpauschale zu kommen. Dafür konnten wir anzahlen. „Wollt ihr den mit der Nummer 471?“ Den wollten wir und kriegten den rostigen Schlüssel für das rostige Schloss, mit dem man den Strandkorb öffnet, als wäre es ein Bretterverschlag. Vorher drehten wir den Korb noch zum Horizont. Drinnen Kunstleder in Sonnengelb und Campariorange, man klappt die Fußsitze raus und die klapprige Holzablage, die Zeitung flattert im Wind, das ist schön.

Auch schön ist, nach Leuten wie uns zu schielen. Auf Amrum sind fast nur Leute wie wir. Aber es gibt feine Unterschiede. Da ist die Familie, die in britischweißen Polohemden und Shorts gekleidet kommt, perfekt choregrafierte Tage bei maximal 22 Grad und Brise verbringt, bis eines Tages der Laurenz seinen kleinen Bruder hinter den Bretterverschlag eines geschlossenen Strandkorbs hebt. Schreit der Vater in seiner knickerbockerartigen Aufmachung: „Bist du denn bescheuert, Laurenz???“ Tags darauf beziehen die aus dem Schwäbischen ihr Domizil, mit dabei eine elektrische Wünschelrute. Die Kinder scannen den Sand direkt vorm Strandkorb nach „Schätzen“ ab, schon nach zwei Minuten gleitet aus Papas Hosentasche unbemerkt ein Euro in den Sand. „Papa, ein Euro!“ Dann wollen sie gehen, ein Hering vom Sonnenzelt fehlt, nun kommt das Ding endlich zu einem echten Einsatz. Faszinierend auch die Frau in so etwas wie schwarzer Motorradmontur, die sich an den frisch gemieteten Korb lehnt, versonnen ein Eis schleckt. Später geht wie immer der Surfertyp nach Hause. Mein Mann findet, Sonnenbrillen, die mit einem Gummi am Hinterkopf gehalten werden in Verbindung mit penibel halbdomestizierten Locken, deuten auf außereheliche Aktivitäten hin. Frau und Mann gucken jedenfalls demonstrativ nur in unserem Kosmos erkennbar in verschiedene Richtungen.

Es ist 18 Uhr, die Leute von der DLRG holen die Flagge rein, durch die Lautsprecher tönt ein Lied, das das Herz ergreift und einen schaudern lässt, irgendwie an dunkle Zeiten erinnert. Wir packen ein. Das Brett kommt davor, und weil hier niemand klaut, lässt man manches einfach da, den Strandball, das Handtuch. Bis morgen, Strandkorb.

Katharina Schmitz schreibt im Freitag als Die Helikoptermutter über die Unzulänglichkeiten des Familienlebens

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