Ein Hundstag mit Kind – und Trost von Gabin

Sommer Unsere Kolumnistin erlebt mit ihrem Kind eine TV-Geschichtsstunde bei tropischen Temperaturen
Katharina Schmitz | Ausgabe 28/2019 2
Ein Hundstag mit Kind – und Trost von Gabin
Viereckige Augen? Drohen nur bei Nichtbildungsfernsehen

Foto: Thomas Koehler/Imago Images/Photothek

Nicht die Welt, so dramatisch war es freilich nicht, aber die Luft stand still, unwirklich – und dann auch noch die Waldbrände. Das Kind und ich waren zurückgekehrt von Oma, wir waren mal wieder zu zweit miteinander, was selten vorkommt. Die Stadt schien ausgestorben, so wie Paris im Hochsommer immer, wenn die Pariser die Fensterläden zugeklappt und der Stadt den Rücken gekehrt haben.

Ein Hundstag. Wie ein Tag in meinem Paris vom Sommer 1989, im Herbst sollte mein Praktikum in einer Buchhandlung mit Namen Le Roi des Aulnes beginnen, was übersetzt Erlkönig heißt. Die Buchhandlung nannte sich nach Goethes berühmtestem Gedicht, seit 1993 hat sie geschlossen. Man hatte sich spezialisiert auf deutsche Literatur und pflegte ein besonderes Interesse für DDR-Literatur, zum Beispiel für Christa Wolf. Ich verliebte mich in Christoph Meckels flirrende Erzählung Licht aus dem Jahr 1980 über einen Mann, der durch Zufall von der Affäre seiner Frau erfährt. Die Novelle beginnt mit dem Liebesbrief, den Gil im Gartenlaub findet, seine Frau hatte ihn nie abgeschickt. Gil verheimlicht seine Entdeckung. Seine Frau stirbt bei einem Unfall. Immer noch unvergessen die Szene, in der der Ich-Erzähler beschreibt, wie das Paar einmal im Süden sitzt, in einem Café am Rand einer Serpentinenstraße. Sie trinken Kaffee und ihre Zeitung flattert im Wind.

Just wo ich das schreibe, denke ich, dass ich in die kommende Sommerfrische vielleicht Suchbild. Über meinen Vater aus dem Jahr 1980 mitnehmen könnte, Meckels „literarisches Porträt seines Vaters, welcher so teuflisch leise in das NS-Regime verstrickt war“ und „das vielleicht wichtigste Buch einer ganzen Generation von Söhnen darstellt“, wie man zu seinem 80. Geburtstag 2015 schrieb.

Oma hat zwar Privatfernsehen, aber kein W-Lan. Geht gar nicht länger als eine Woche für das Kind. Auch deshalb wollte das Kind zurück. An diesem Hundstag in der Stadt guckten wir dann von morgens bis spät fern. Die Vorhänge brachten etwas Zwielicht, ich hätte so gerne Fensterläden geschlossen wie in Paris, so etwas haben wir aber nicht. Stundenlang fernsehen. Nie wieder habe ich das seit der Kindheit gemacht, schon gar nicht mit den Kindern. Das Kind freute sich. Es lief eine dieser Sonntagnachmittagskomödien, sie lief aber nur nebenher. Das Kind machte was, ich machte was. Jeder für sich. Beide tranken wir Wasser mit Pfefferminze und Zitrone.

Am Abend zappte das Kind auf arte, es lief Bryan Singers Operation Walküre – Das Stauffenberg-Attentat. Das Kind war sofort gebannt, ich auch (und ein wenig beklommen). Als die Attentäter im Bendlerblock (wo die Dreharbeiten ja dann doch stattfinden durften) hingerichtet werden, fragt das Kind: „Warum laufen die nicht weg?“ Aber es sind ja doch keine Feiglinge! Und öfter hatte ich gesagt, wenn ich nicht wusste, was ich historisch korrekt sagen soll: „Kind, das ist kein Abenteuerfilm.“ Ich erinnerte die Ambivalenzen rund um das Attentat auf Hitler, das sich am 20. Juli jährt, die Debatten über den Film, aber das alles konnte ich ja schlecht dem Kind referieren, dafür war der Film leider auch zu spannend. Der Film sei eine „Geschichtsstunde für Anfänger“, las ich später nach, immerhin.

Tags darauf reiste auch das Kind wieder ab zur nächsten Oma. Ich war allein, was selten geschieht. Abends zappte ich mich in Action Man (1967) und Jean Gabins deutsche Synchronstimme. Und wie er vor dem Banküberfall mit seiner Mutter telefoniert, tröstete mich.

Katharina Schmitz schreibt im Freitag als Die Helikoptermutter über die Unzulänglichkeiten des Familienlebens

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06:00 20.07.2019
Geschrieben von

Ausgabe 27/2020

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