Glühwein mit dem Taxi

Contra Wenn das „Fest der Liebe“ in diesem Jahr ausfällt, gewinnen Familien und das Klima
Glühwein mit dem Taxi
Die „schönste Zeit des Jahres“ genießt bei längst nicht allen einen guten Ruf: Heuchelei! Konsumterror! In Zeiten der Corona-Pandemie steht das Fest nun als Infektionstreiber erstmals grundsätzlich in Frage. Gut so?

Foto: Imago Images

Die Coronaregeln wurden weiter verschärft. Bald klingt die Frage kindisch, was nun aus Weihnachten wird, so ernst ist die Lage. Was der Profifußball nicht kapieren will, ahnen Kinder längst: Weihnachten mit dem üblichen Tamtam muss gecancelt werden. Wie schlimm wäre das? Die Schulfreunde mit Familie im Ausland können ihre Oma ja auch nicht besuchen, und ob die ganze Bagage zu Opa nach Bochum fahren sollte, das klingt nach einer Entscheidung über Leben und Tod. All das ist traurig genug. Andererseits: Onkel Thorsten, wohnhaft in Berlin-Kreuzberg, findet Weihnachten sowieso extrem blöd, und Adib aus Syrien findet viel doofer, dass Fußball ausfällt. Es kommt auf die Perspektive an.

War Weihnachten – also, außer für den Handel – denn jemals „systemrelevant“? Die Konsumkritik ist so alt wie der Heiligabend bei den Hoppenstedts. In der Covid-Krise wirkt das Fest besonders anachronistisch, Lieder wie Leise rieselt der Schnee kann man nicht singen, ohne ins Grübeln zu geraten, sich schuldig zu fühlen. Denn: Wir haben ja noch die Klimakrise. Der Müllverbrauch ist durch die Pandemie gestiegen. Wenig idyllisch sieht es traditionell nach Neujahr aus: Nadelbäume auf den Straßen im Januar, dazwischen Silvestermüll. Selbst wenn diesmal nur wenige über die Tage in den Süden fliegen, um der Folklore zu entfliehen, die Entschleunigung durch die Pandemie wird unser Klima nicht entlasten, zum Take-away- und Hygienemüll, zum pandemiebedingten Anstieg des Individualverkehrs kommt der Onlinehandel, der im Dezember immer schon heiß läuft.

Was wäre die Alternative? Kein Konsum ist auch keine Lösung, schon gar nicht für den Einzelhandel. Kaufen Sie doch Kunst von armen Künstlern, gehen Sie mit dem Porzellan zum Stamm-Inder, in Wiebkes Buchladen oder von mir aus zu Thalia.

Es ist auch so: PflegerInnen und ÄrztInnen werden Dienst haben. Sollte man für noch mehr „schöne Bescherung“ sorgen? Wir können wohl kaum mit Glühwein auf dem Balkon stehen und wie im Frühjahr applaudieren. Ob den Leuten der Sinn nach Besinnlichkeit steht, deren Existenzen gerade auf dem Spiel stehen, denen überhaupt das Geld für Geschenke fehlt?

Ehrlich: Ich möchte in diesem Jahr auch keine krebserregende Kerze anzünden (angeblich machen es sich die Deutschen übrigens mit 2,4 Kilo Kerzen pro Jahr gemütlich). Mir ist eher nach Zündeln! Eva Menasse brachte mich darauf. Sie hatte in der Süddeutschen Zeitung Empfehlungen bereit, wie wir den zweiten Shutdown überstehen sollen. Empfahl eine weltfremde Innerlichkeit, intensive Zeit mit den Liebsten. Beklommen fragte man sich: Noch intensiver? Ich musste an Weihnachten denken. Wozu wohl alle Jahre wieder die zig Artikel mit Ratschlägen, wie man die Nerven behält? In vielen Haushalten steigt die häusliche Gewalt an Feiertagen an. In diesem Jahr verbringen alle noch viel mehr Zeit miteinander, als emotional gesund ist. Der himmlische Rat müsste also lauten: #flattenthecurve, auch die der Nerven rund um die Weihnachtskrippe.

Nur wie? Angenommen, ein Wunder geschieht, und es schneit. Dürften wir Schlitten fahren, vielleicht wenigstens zur Christmette? Seien Sie nicht kindisch. Vielleicht dürfte Gott in Absprache mit den Virologen zu einem Weihnachtsspaziergang der Kirchen raten, begrenzte Teilnehmerzahl per Onlineticket, dafür mehrere Slots. Später wäre ein Glühweintaxi erlaubt. Man dürfte in der sternenklaren Nacht vor der heimischen Garage stehen und an Frieden denken. Und früh schlafen gehen. Mehr Konzepte gerne an leserbriefe@freitag.de.

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Lesen Sie hier das Gegenargument von Elsa Koester zu diesem Text

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06:00 26.11.2020
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Ausgabe 02/2021

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