Von unserer Welt

Literatur Eddy de Wind überlebte Auschwitz. Seine Erinnerungen von 1946 können wir jetzt wieder lesen

Sommer mit sengender Hitze, Frühlingserwachen. Es gab Jahreszeiten auch in Auschwitz-Birkenau. Das ist die banale, immer noch frappierende Erkenntnis, die ein Leser macht, wenn er zum Beispiel die Aufzeichnungen Ich blieb in Auschwitz des Holocaust-Überlebenden Eddy de Wind liest. Noch im Lager begonnen, erscheinen sie 1946 erstmals in seiner Heimat, den Niederlanden, und liegen nun auf Deutsch und zeitgleich in mehr als 20 Ländern vor.

Eddy de Wind nannte seinen Ich-Erzähler „Hans“, vielleicht war das die zwingende Abspaltung, um das alles aufschreiben zu können. Hans fragt zu Beginn: „Wie weit ist es bis zu den blau verschwommenen Bergen? (...) Für uns ist es weiter, viel weiter, unendlich weit. Die Berge sind nicht von dieser Welt, nicht von unserer Welt. Denn zwischen uns und den Bergen liegt der Stacheldraht.“ Es gibt einige solcher literarischen, sehnsuchtsvollen Passagen, und es kommt einem unangemessen vor, zu schreiben, dass sie schön zu lesen sind. De Winds Zeitzeugnis ist auch spannend geschrieben. Und kaum literarisch „verschlüsselt“ sind die Schilderungen der furchtbaren Alltage im Lager.

Hans lebt in Block 9 und kann sich als Arzt immer wieder durchwursteln, muss nur einmal raus zum Straßenbau, darf sonst drinnen im Krankenblock bleiben, hier sinnlose Tätigkeiten verrichten oder: schreckliche. Einmal gilt es, die Leichen, die auf einen Laster geworfen werden, ordentlich zu stapeln. Hans versucht ihnen möglichst auszuweichen. Und fühlt sich danach „unfassbar schmutzig“. Friedel, seine Frau, lebt in Block 10, im Versuchsblock, versucht, zu überleben. „Dort leben Frauen, geschändet von Sadisten, die sich Professoren nennen, so wie noch nie eine Frau geschändet worden ist, nämlich im Schönsten, was sie hat: in ihrem Frausein, der Möglichkeit, Mutter zu werden.“ Einmal bittet Hans den Lagerarzt, seine Frau zu verschonen, der sich einmal gnädig zeigt. Es soll Mengele gewesen sein.

Die Nachkommen von Eliazar de Wind, Rufname Eddy, wissen nicht viel über ihn, heißt es im Nachwort, sein Überleben von Auschwitz sei „Dreh- und Angelpunkt“ seines Lebens gewesen, er habe kaum über die Vergangenheit gesprochen. „Die Trauer um all das, was unwiederbringlich verloren gegangen war, hätte ihn sonst erdrückt.“

Geboren 1916 in Den Haag, wächst er in einer jüdisch-mittelständischen Familie auf, seine Eltern betreiben ein Porzellangeschäft. De Winds Vater stirbt an einem Hirntumor, da ist er drei, die Mutter heiratet noch einmal, 1936 stirbt Louis van der Stam an einem Herzinfarkt. Lustigerweise heißt auch der dritte Mann Louis. Sein Stiefvater, schreiben die Nachfahren, habe sich sehr darüber geärgert, dass der Stiefsohn ihn „Louis der Dritte“ nannte.

In Vergessenheit geraten

Das Verhältnis zu seiner Mutter ist eng. Vielleicht ist das auch der Grund, warum de Wind sich freiwillig für das Durchgangslager Westerbork meldet, wo seine Mutter interniert ist. Er ist nun gezwungen, jüdische Landsleute für die Deportation auszuwählen oder ihnen eine Galgenfrist zu gewähren, indem er sie krankschreibt. Was ihm nach dem Krieg nicht verziehen wird, von Überlebenden, deren Angehörige in Auschwitz ermordet wurden.

Obwohl auch de Winds Mutter, ihr Ehemann und auch sein Stiefbruder deportiert und in Auschwitz ermordet wurden. Obwohl er selbst nach Auschwitz gekommen ist. Ebenso mit Unverständnis wird aufgenommen, dass seine Ehe mit Friedel in die Brüche geht, 1957. Zurück in den Niederlanden kommt de Wind auch in eine Gesellschaft zurück, die vergessen will. Ich blieb in Auschwitz erscheint in einem kleinem Verlag, gerät dann aber in Vergessenheit.

Der Psychiater und Psychoanalytiker spezialisiert sich auf Kriegstraumata. Als einer der Ersten beschäftigt er sich wissenschaftlich mit dem sogenannten KZ-Syndrom von Holocaust-Überlebenden. Bis in die 1980er Jahre forscht er intensiv, wie Traumata an die Nachkommen weitergegeben werden. Auch darüber würde man gerne mehr lesen.

Info

Ich blieb in Auschwitz – Aufzeichnungen eines Überlebenden 1943 – 45 Eddy de Wind Christiane Burkhardt (Übers.), Piper 2020, 240 S., 20 €

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06:00 27.01.2020
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Ausgabe 32/2020

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