Bringdienste bringen’s nicht

Die Konsumentin Lebensmittel liefern lassen, statt selbst einzukaufen? Danke, nein. So viel Zeit hat doch kein Mensch. Umweltfreundlich ist es auch nicht gerade
Ausgabe 38/2015
Der Hase läuft zu langsam
Der Hase läuft zu langsam

Bild: Imago/Teutopress

Bezahlen soll man bekanntlich immer, ständig, überall. Und das nicht nur für Dinge, die man anfassen, irgendwohin stellen oder bei Wut aus dem Fenster werfen kann. Auch Dienstleistungen, heute oft „Services“ genannt, kosten Geld. Für manche bleche ich ohne Murren. Ich nenne sie Dienstleistungen der Kategorie AÜN, wobei das AÜN für „alltagsüberlebensnotwendig“ steht. Der Friseurbesuch oder die Schuhreparatur: Hier greife ich auf handwerkliche Fähigkeiten zurück, die sich jemand über Jahre draufgeschafft hat. Ohne solche Fachleute wäre ich oft aufgeschmissen.

Es gibt auch Service-Angebote, die für mich in die Kategorie MNS fallen, MNS wie „Muss nicht sein“. Das könnte ein Rumba-Seminar sein oder eine Farbberatung. Oder wenn man jemanden, der sich Coach nennt, dafür bezahlt, dass man ihn oder sie mit den eigenen Seelenverknotungen zulabern darf, die längst kein Mensch aus dem – bislang noch kostenfrei zugänglichen – Freundeskreis mehr hören will. („Hilfe, ich kann mich nicht entscheiden! Die Zeit heute ist so unübersichtlich!“) Oft haben MNS-Dienstleistungen mit Trost oder Liebe zu tun, mit Angelegenheiten, von denen schon in der Bibel die Rede ist. Vielleicht sind MNS-Services also auch irgendwie wichtig, na gut.

Schließlich gibt es noch Services der Kategorie WTF. (Da Schimpfwörter in einer Zeitung nichts zu suchen haben, verzichte ich hier auf die Erklärung des Kürzels, sie lässt sich aber leicht online finden.) Seit das Internet in Betrieb ist, hat sich die Angebotspalette im WTF-Segment ungeheuer verbreitert. Das neueste große Ding sind da jetzt Lebensmittelbringdienste. Sie heißen food.de, lebensmittel.de oder bringmeister.de: Der Kunde oder die Kundin klickt sich einen digitalen Warenkorb zusammen und lässt sich die Sachen nach Hause bringen.

„Das kennen Sie sicherlich auch: Parkplatzsuche, langes Anstehen an der Supermarktkasse und schwere Lebensmittel schleppen“, heißt es beim Bringdienst mytime.de, der auf seiner Startseite zuletzt (Stand: 14. September) mit Rabatten für Gartengeräte und Gleitgel warb. „Nö, Parkplatzsuche kenne ich nicht, denn: Isch abe gar keine Auto“, dachte ich und lernte: Erst ab einem Bestellwert von 65 Euro (bei anderen Anbietern ab 40 Euro) ist die Lieferung frei. Sonst fallen Transportgebühren zwischen 2,99 und 4,99 Euro an, gegebenenfalls noch ein „Frische-Aufschlag“. Alle Anbieter wollen zudem noch etwas von meiner Zeit haben: Ich müsste mir jeweils zwei bis fünf Stunden für die Lieferung freihalten, müsste also einen Vor- oder Nachmittag zu Hause absitzen, bis der Gemüsemann endlich zweimal klingelt. (Ein Wunschtermin kostet überall extra.)

Bei allyouneedfresh.de heißt es unter dem Stichwort Umweltgarantie: „Wir verwenden für den Transport und die Übergabe biologisch abbaubare Liefertüten.“ Meine eigene Umweltgarantie ist, glaub ich, viel geiler: Ich nehme seit Jahren dieselben Einkaufsbeutel mit, da muss man gar nichts abbauen.

Nachdem ich das Bringdienst-Fiasko auf diese Art ausgiebig untersucht hatte, erklärte ich der Chefredaktion: „Leute, diesmal fällt keine Spesenrechnung an, kein Testkauf nötig! Ich weiß auch so schon, wie der Hase läuft. Er läuft mir zu langsam und verbraucht mir zu viel Sprit dabei. Außerdem: Tütenschleppen beugt Adipositas vor! Im Supermarkt kann man Supermenschen kennenlernen! Bis mein 80. Geburtstag kommt, bin ich also dagegen und schreib das dann mal so auf, ja?“

Katja Kullmann schreibt in ihrer Kolumne Die Konsumentin über Lust und Last des Geldausgebens

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Geschrieben von

Katja Kullmann

Stellvertretende Chefredakteurin

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