„Eine Sonde ins Milieu“

Interview Mit dem Projekt „Supermagnets“ beleuchten Holm Friebe und Annika von Taube Ängste der Gegenwart
Katja Kullmann | Ausgabe 33/2015

der Freitag: Frau von Taube, Herr Friebe, Sie beide kuratieren eine Ausstellung zum Thema Supermagneten, Untertitel: „The Power of Attraction“. Geht es da eher um Kunst oder um Naturwissenschaft?

Holm Friebe: Um beides. Magneten haben buchstäblich etwas Anziehendes, sie haben die Menschen seit Jahrhunderten fasziniert. Das tun sie jetzt wieder, seit es eine neue Generation von sehr starken Neodyn-Magneten gibt. Die Kulturgeschichte ist voller Verweise auf den Magnetismus. Weil er unsichtbar ist, hat er von jeher Bilder provoziert, mystische Ideen. Und der Magnet als Ding für sich ist das perfekte Readymade, weil es Spaß macht, damit zu spielen. Magneten sind leicht fetischisierbare Objekte.

Annika von Taube: Als Holm mir erstmals so einen Supermagneten in die Hand drückte, dachte ich: „Was ist das denn?“ Es war ein kleines aus mehreren Teilen zusammengesetztes Objekt. Als ich versuchte, es auseinander zu nehmen, merkte ich, wie stark die Kräfte sind, die da wirken. Das hatte gleich eine unglaubliche Ambivalenz, beim Anfassen. Und tatsächlich sind Magneten nicht ungefährlich. Man kann sich irre verletzen damit. Zum Beispiel, wenn man mit Magneten Piercings simuliert.

Wie macht man das?

HF: Man packt die beiden Teile eines Magnetenpaars zum Beispiel auf die Vorder- und Rückseite des Ohrläppchens. Auch Minimagneten können ungeheure Zugkräfte entfalten, von zehn bis zu einhundert Kilogramm. Das wird sehr schnell schmerzhaft.

Der Schriftsteller und Fantasie-Unternehmer Rafael Horzon zeigte sich bei Facebook neulich auf einem Foto mit zwei solchen Magneten-Piercings am Kinn. Ist Magnetschmuck ein Sommertrend in Berlin-Mitte ?

HF: Darauf wollen wir hinarbeiten, auch über Berlin hinaus. Mit Magneten kann man auch Dinge piercen, die sich eigentlich nicht piercen lassen, etwa die Gläser einer Sonnenbrille.

AvT: Wir sind überzeugt, dass sich das durchsetzen wird. Und wir wollen ganz bewusst beobachten, wie sich ein solcher craze, eine Begeisterungswelle, starten und auch steuern lässt.

Erst dachte ich, das Wort „Supermagnet“ sei eine ironische Wortschöpfung. Aber es ist ein offizieller Technikbegriff, es gibt Spezialhändler dafür.

HF: Ja, Neodyn-Magneten kommen bei Fenstern zum Einsatz, bei denen es einen selbsttätigen Schließmechanismus gibt. Ich vermute, auch bei Apple-Laptops spielen sie eine Rolle. Da sind die Kabelanschlüsse magnetisch.

AvT: Neodyn ist ein Metall aus der Gruppe der Seltenen Erden.

HF: Ich stieß zuerst im Kunstzusammenhang darauf, in Pierre Granoux‘ Galerie Lage egal. Granoux ist auch bei unserer Ausstellung dabei. Er hat eine connection, über die er Neodyn-Magneten bezieht, in sehr starken Ausführungen. Irgendwann fing er an, Papierarbeiten in seiner Galerie mit diesen Magneten aufzuhängen. Die Dinger lagen bei ihm herum. Als ich ihn einmal besuchte,spielte ich damit herum und dachte sofort: „Das will ich auch haben!“ So ging es los.

Zu Holm Friebe

Holm Friebe ist Mitbegründer des Berliner Thinktanks Zentrale Intelligenz Agentur und Autor. Sein jüngstes Buch heißt Die Stein-Strategie: Von der Kunst, nicht zu handeln

Foto: Presse

In Privatwohnungen ist die Ära der Korkpinnwand jedenfalls vorbei. Stattdessen nutzen viele nun Magnetwände oder Kühlschrankmagneten für ihre Postkartensammlung oder Notizen.

HF: Wer ganz vorne dran ist, lässt seine Wohnung mit Wandfarbe mit magnetischer Wirkung streichen. Wenn es stimmt, dass Kunst und Design Seismografen für gesellschaftliche Veränderungen sind, dann stehen die Zeichen gut, dass mit den Supermagneten nun tatsächlich ein neuer craze entsteht. Einer, bei dem wir mit unserem Projekt nun die Agenda mitgestalten.

Zur „Power of Attraction“, die Sie mit der Ausstellung versprechen: Es gibt im Englischen das Wort „to mesmerize someone“, jemanden in den Bann ziehen. Ich nehme an, das geht auf Franz Anton Mesmer zurück, der den Magnetismus im 18. Jahrhundert erforschte?

AvT: So ist es wohl. Mesmer entwickelte die Idee eines „animalischen Magnetismus“. Zu seiner Zeit explodierten die Naturwissenschaften geradezu , die Schwerkraft, die Elektrizität, alles Mögliche wurde neu entdeckt und mit großem Eifer erforscht.

HF: Die Frage, auf die man eine Antwort suchte, lautete: Woher kommt die Lebensenergie? Um 1770 herum glaubte man, der Urkraft von allem Menschlichen auf der Spur zu sein. Bei Mesmers „animalischem Magnetismus“ geht es um eine imaginierte Kraft, die den Kosmos durchströmt. Er fand damals einfach einen sexy Begriff dafür. So wie wir es heute mit der Osteopathie erleben: Auch das ist reiner Aberglaube – aber für viele klingt es sexy nach Wissenschaft.

AvT: Mesmer war ein ernsthafter Aufklärer. Kein Spinner, kein Freak! Seit der Antike hat der Magnetismus auch einen dunklen Anklang. Man stellte sich vor, dass man damit höhere Mächte anzapfen konnte. Im Mittelalter wäre jeder, der sich mit dem Magnetismus beschäftigte, unter Hexereiverdacht gefallen.

HF: Magneten wurde auch eine gewisse Heilkraft zugesprochen.

Was wieder in den Bereich Aberglaube oder Esoterik fällt, richtig? In den 90ern machte ich aus Recherchegründen mal eine Kaffeefahrt mit, da wurden Bettdecken mit eingebauten „Magnetstreifen“ verkauft, die alle möglichen schädlichen Strahlen abhalten sollten. Ich konnte es nicht fassen, dass Dutzende Rentner Tausende von D-Mark für diesen Mist ausgaben.

HF: Es stimmt, vieles, was man in der Aufklärung entdeckte, woran man damals glaubte, wie Mesmer es tat, driftete irgendwann ab ins Okkulte. Aber zunächst wurde diese Grenze gar nicht gezogen. Auch die Alchemisten haben sich bekanntlich geirrt. Aber sie waren seriöse Wissenschaftler ihrer Zeit und haben ernst zu nehmende Entdeckungen gemacht. Nur dass sie eben kein Gold schufen, wie sie es eigentlich vorhatten, sondern sie erfanden versehentlich das Porzellan.

AvT: Es gibt Abbildungen von „Mesmerisierern“ aus dem 18. Jahrhundert. Sie waren etwas Ähnliches wie Hypnotiseure, konnten Menschen zu Konvulsionen, heilsamen Muskelkrämpfen, bringen. Das reichte auch in die Vorstellung von telepathischen Möglichkeiten hinein. Es ging einfach darum, die Geisteskraft irgendwie aus sich herauszuholen, sichtbar zu machen. Sehr beliebt war die Glasharmonika zur atmosphärischen Untermalung solcher Sitzungen. Sie war sozusagen der Vorläufer des späteren Theremins, eines Instruments, das um 1920 erfunden wurde und mit Magnetfeldern arbeitet.

Zu Annika von Taube

Annika von Taube ist Kunsthistorikerin und Journalistin und hat als Beraterin mit verschiedenen Galerien zusammengearbeitet, immer an der Schnittstelle von Kunst und Medien

Foto: Christian Werner

Das Theremin war wiederum der Vorläufer des Moog-Synthesizers, der 1964 erfunden wurde.

HF: Genau. In den 1960ern, im Zuge der sexuellen Befreiung, wurden dann auch die Theorien des Psychoanalytikers Wilhelm Reich wiederentdeckt, der in den 1930er Jahren einen Orgonakkumulator entwickelt hatte. Das, was er „Orgon“ nannte, war für ihn ein eine natürliche, biologische Energie – er sprach von der „sexuellen Energie“, die irgendwie etwas Physikalisches war, aber gleichzeitig auch etwas Metaphysisches. Das war im Prinzip derselbe Gedanke wie 150 Jahre zuvor – Mesmer all over again.

AvT: Auch viele Künstler kamen Anfang des 20. Jahrhunderts auf Themen zurück, die die Metaphysik berührten, im weiteren Sinne auch den Magnetismus. Etwa Andre Bréton und seine écriture automatique, das automatische, also unbewusste Schreiben. Es ging ihm darum, assoziativ zu arbeiten, sein Inneres nach Außen zu holen und etwas Konkretes damit anzufangen. Das war bei Bréton weitgehend frei von okkultistischen Erwägungen, das waren sehr zielgerichtete methodische Ansätze.

In der Weimarer Zeit kippte vieles aus diesem Feld aber stark ins Dunkle, fast schon ins Mittelalterliche zurück, und schließlich auch ins Braune. Der britische Okkultist Alisteir Crowley war ja zum Beispiel ein Superstar jener Tage. Die Sehnsucht nach „höheren Kräften“, die alles zusammenhalten, scheint groß gewesen zu sein. Vielleicht lag das an den technischen Neuigkeiten, die in der Moderne schlagartig über die Menschen hereinbrachen, Glühbirnen, Straßenbahnen, Telefone. Gleichzeitig erblühte die Freikörperkultur, eine „Zurück zur Natur“-Bewegung, und das war alles nah dran an der Esoterik – oft auch mit protofaschistischen Zügen.

AvT: Ja, da ist etwas dran. Es gab hierzulande in okkultistischen Zirkeln etwa den Glauben an „Vril“, eine Art kosmische Urkraft, die ihre Besitzer zur Beherrschung der Welt befähigte. Die Erbauer von Atlantis sollen sie besessen, die Briten damit ihr Kolonialreich aufgebaut haben, glaubte man. Es ging da auch um die Vorstellung einer „arischen“ Lebensform. Faktisch war „Vril“ aber eine satirische Erfindung. Edward Bulwer-Lytton – der sich übrigens eingehend mit Magnetismus beschäftigte – hatte die Kraft in seinem Roman The Coming Race von 1871 einer unterirdisch lebenden Menschenrasse zugeschrieben. Jene Menschen waren in Bulwer-Lyytons Satire den Erdbewohnern weit überlegen.

HF: Gerade las ich ein Buch von Carl Christian Bry aus dem Jahr 1924, Verkappte Religionen heißt es. Bry versucht, die sozialpsychologischen Tendenzen seiner Zeitauf einen magischen Trug zurück zu führen. Und im Grunde ist das heute alles wieder da, von Yoga bis Vegetarismus bis hin zu Verschwörungstheorien, die in Phänomene wie Pegida münden. Alles taucht heute wieder auf. Nur der Magnetismus nicht. Bis ... jetzt. Ich kann mir vorstellen, dass, wer an feindliche Strahlungen oder Chemtrails glaubt, auch eine starke Meinung zum Magnetismus hat.

Manche stellen sich ja auch vor, dass ihnen von Wlan-Netzen Geschwüre wachsen, oder dass ihre Gehirne damit umprogrammiert werden. Und ich kenne jemanden, der hat seine gesamten Schlafzimmermöbel ausgetauscht, vor allem das Bett: Es darf keinerlei Metallteile mehr enthalten, keine Nägel, nichts. Weil Metall eben schädliche Energien übertrage. Mir tun solche Menschen beinahe leid, weil sie sich so an ihre Ängste ketten. Man darf aber keinen Witz darüber machen, die werden richtig böse! Die Sehnsucht nach etwas Übergroßem ist auch heute wieder riesig – und wenn man schon nicht an „gute“ Kräfte glauben kann, dann wenigstens an „böse“ Kräfte. Wie wollen Sie es vermeiden, dass Ihr Supermagneten-Projekt in solchem Kontext gelesen wird?

HF: Der Magnetismus hat ein Imageproblem, eindeutig. Ich glaube aber grundsätzlich, dass künstlerische Arbeit besser ist, wenn der Künstler das Bedürfnis, urteilen zu wollen, gleich an der Garderobe abgibt, und sich stattdessen voll auf sein Interessenfeld, seinen Gegenstand einlässt. Das ideelle Stichwort dazu wäre: „Neue Durchlässigkeit“.

AvT: Die Arbeiten, die wir ausstellen, bilden ein Gegengewicht zur esoterischen Lesart. Die meisten unserer Künstler bearbeiten Magneten einfach als Material, sehr straight, neugierig.

HF: Als Kuratoren und mit den eingeladenen Vortragsrednern versuchen wir, eine Esoterik-bereinigte Sicht auf Magneten zu ermöglichen. Es geht um das Phänomen als solches, den Flirt mit der Naturwissenschaft, die Faszination für Anziehung, Abstoßung, für Felder, Kräfte, darum, was man mit dem Magnetismus praktisch alles machen kann. Angefangen mit einer Arbeit von Erich Reusch von 1970, mit statisch aufgeladenen Elementen in einem Plexiglaskasten. Oder die Arbeit von Pe Lang, der fast schon industrieanlagenmäßige High-Tech-Installationen baut.

AvT: Oder Bettina Kahno, die sich mit Nebel, Wolken, Licht, Spiegelungen beschäftigt. Wie kann ich als Künstlerin etwas sichtbar machen, was nicht greifbar ist – das berührt auch den Magnetismus.

HF: Und Filipe Natalio zeigt flüssige Nanomagneten, die er in seinem Labor herstellt, und die in der Medizin als Kontrastmittel verwendet werden. Natalio ist Materialforscher an der vordersten Front der Nanotechnologie. Es gibt etliche Substanzen, die eigentlich nicht magnetisch sind, doch magnetisch werden, sobald man sie auf Nano-Ebene herunter schreddert. Für Besucher, die fürchten, dass ihre Handys von den Magneten beschädigt werden, gibt es am Eingang zwei Boxen. Da kann man seine Uhren, Kreditkarten und Handys abgeben. Es besteht halt die Gefahr, dass das gestohlen wird, aber ...

AvT: Man kann bei uns also Risiko gegen Risiko tauschen.

Das ist dann wohl wieder der soziologische Erkenntnisstrang, den Sie mit dem Projekt auch verfolgen wollen?

HF: Ja. Es gibt, gerade in scheinbar aufgeklärten Mittelschichtsmilieus, eine immense Bereitschaft, diffuse Umweltkräfte zu unterstellen, jenseits jeder naturwissenschaftlicher Erkenntnis. Impfgegner – solche Strömungen. Leviertes Wasser ist am Prenzlauer Berg gerade das neue Ding: Es gibt da einen Laden, der sich nur damit beschäftigt, wie man Leitungswasser von „schlechten Erinnerungen“ und „schädlichen Informationen“ befreit. Da wird ein sehr gutes Geschäft gemacht. Unser Magneten-Projekt ist auch eine Sonde in dieses Milieu hinein. Wie weit geht der Irrationalismus der gebildeten Kreise?

AvT: Wir finden Magneten jedenfalls wirklich super, als Objekte, als Spielzeug, als Ding an sich. Wir wollen sie einfach populär machen.

HF: Ja, das ist ein wesentlicher Teil der Versuchsanordnung: selbst eine Art soziale Epidemiologie zu betreiben, zu schauen, wann es zur Ansteckung kommt, wann es einen tipping point gibt, an dem sich ein solches Phänomen dann wirklich ausbreitet.

Info

Supermagnets – The Power of Attraction Schau Fenster Berlin, 14. bis 29. August

06:00 13.08.2015
Geschrieben von

Katja Kullmann

Stellvertretende Chefredakteurin
Schreiber 0 Leser 34
Katja Kullmann

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