Haben wollen, ohne zu bezahlen

Die Konsumentin Ob man es "Wardrobing" nennt oder von "Fauxsumern" spricht: Viele Konsumenten geben die Dinge, die sie kaufen, sofort wieder zurück. Was ist da los?
Katja Kullmann | Ausgabe 20/2014 12
Haben wollen, ohne zu bezahlen

Unser heutiges Thema ist ein hochkomplexes. Da spielen Über-Ich und „Inneres Kind“ mit, Gier und Sublimation, es ist zum Ausrasten kompliziert. Unser Thema ist diesmal nämlich der Fantasiekonsum. Das Scheinkaufen, der Zwang, sich bunt blinkernde Waren besorgen zu müssen. „Ich will das haben! Ich brauch das! Jetzt!“ Gekoppelt allerdings an den unmittelbar einsetzenden Folgezwang, die Waren zu retournieren – „Leider kann ich es mir ja gar nicht leisten. Außerdem: Sooo toll ist es auch wieder nicht. Also bitte, hier haben Sie’s zurück, ist nur ein ganz kleiner Fleck/Kratzer/Macke dran, sonst aber noch so gut wie unbenutzt, ehrlich!“

Ja, es wird geshoppt wie bescheuert – aber es wird auch zurückgegeben wie blöd. Das behaupten jetzt jedenfalls mehrere Studien aus verschiedenen Ländern mit Kapitalismusanschluss. Jede neue soziale Praxis muss, sobald sie zur Massenbewegung wird, griffig benannt werden. Wie oft in solchen Fällen, stammen die Begriffe auch hier aus dem angloamerikanischen Raum.

„Wardrobing“ heißt es zum Beispiel, angelehnt an den Begriff der Garderobe („wardrobe“), wenn Menschen sich Kleidung besorgen, um sie auch zu tragen – allerdings nur einmal. Dann wird das schöne Zeugs zurückgegeben. Besonders oft kommt das bei Anlassmode vor, wie es der Einzelhandel nennt, bei Festtagsanzügen und Abendkleidern, für die man, aller Wahrscheinlichkeit nach, nie wieder Verwendung haben wird, einfach, weil ein Standardmenschenleben höchstens alle achteinhalb Jahre einen Gala-artigen Anlass bietet. Und in achteinhalb Jahren ändern sich nicht nur Moden und Geschmäcker, sondern auch die Körpermaße.

Es sind zunehmend aber auch Alltagsstücke – Jeans und Turnschuhe –, die von den Verbrauchern nach dem Kurzzeitbesitz wieder verstoßen werden. Hierzulande gibt es noch keine verlässlichen Zahlen. Der US-Einzelhandelsverband NRF bezifferte den Schaden auf umgerechnet knapp 6,5 Milliarden Euro im Jahr. Meist muss die getragene Kleidung gereinigt und gebügelt werden, bevor sie wieder in Umlauf kommt. Speziell für den Online-Handel ist das ein mittelschweres Problem. Das Bestellportal Zalando und der Kurierdienst Hermes schätzen, dass hierzulande schon jeder zweite online gekaufte Artikel zurückgesandt wird. Eine repräsentative Studie des IT-Verbands Bitkom bestätigt dies: Jeder dritte Online-Käufer gab an, öfter ganz ohne Kaufabsicht etwas im Internet zu bestellen, „einfach nur mal so“, auch Elektrogeräte und Möbel. Die Rücksendung ist für den Kunden ja kostenlos.

Menschen, die auf eine solch schwer berechenbare, nachgerade heimtückische Art am Kapitalismus teilnehmen, fassen die Trendforscher zur Gruppe der „Fauxsumers“ zusammen – „faux“ ist Französisch und bedeutet „falsch“. Nach Bitkom-Angaben sind es vor allem die 30- bis 40-Jährigen. Die Marktforscher der Market Intelligence Group (Sitz: Indore, Indien) bezichtigen eher die 14- bis 35-Jährigen des „Pseudo-Konsums“. Der Grund: „Der Millenium-Generation fehlt das Geld zum Kaufen.“

Was lernen wir daraus? Auf das Auswählen, das Vergleichen, den Prozess der Aneignung kommt es an – auf das bloße Dabeisein im großen Preis- und Qualitätsvergleich. Die Teilnahme am Spiel des Warenfetischismus, wie Karl Marx es nannte (das ist hier stark verkürzt ausgedrückt, jaja!), verschafft beinahe so viel Befriedigung wie das finale Besitzen der Dinge. Wenn nicht genug Geld da ist, wird das Einkaufen eben simuliert. Nicht nur die Waren sind in der Überflussgesellschaft austauschbar. Auch das Shopping an sich erweist sich inzwischen als quasi religiöse, jedenfalls schwer symbolische Handlung. Ja, es ist alles sehr, sehr unheimlich.

06:00 17.05.2014
Geschrieben von

Katja Kullmann

Stellvertretende Chefredakteurin
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