Die Grünen und die Landwirtschaft: Zurück zur Natur?

Pestizide Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir wird sich stark für die ökologische Landwirtschaft einsetzen, die Bioprodukte und verminderte Nutzung von Pestiziden zu erklärten Zielen macht. Dies könnte der falsche Weg sein
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Dem Agrarministerium kommt eine besondere Rolle bei der Umsetzung des grünen Parteiprogramms zu
Dem Agrarministerium kommt eine besondere Rolle bei der Umsetzung des grünen Parteiprogramms zu

Foto: Thomas Lohnes/Getty Images

Mit Olaf Scholz als neuem Bundeskanzler ist die Ampel zur endgültigen Realität geworden und es beginnt, um mit den Worten des neues Wirtschaftsministers Christian Lindner zu sprechen, „die Zeit der Tat.“ Die Koalition aus SPD, FDP und den Grünen hat sich viel vorgenommen – allen voran die Öko-Partei, auf deren Personalien nun viel Erwartungsdruck lastet und ab jetzt fünf Ministerien führt. Auch wenn die allgemeine Aufmerksamkeit sich erwartungsgemäß auf Annalena Baerbocks Außenministerium und Robert Habecks Ministerium für Wirtschaft und Klimaschutz legt, so darf man nicht vergessen, dass die Grünen mit dem Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft unter Cem Özdemir ein weiteres gewichtiges Ressort leiten, dass nicht nur in Deutschland sondern auch auf EU-Ebene seinen Einfluss spürbar machen will.

Tatsächlich kommt dem Agrarministerium eine besondere Rolle bei der Umsetzung einiger der wichtigsten grünen Programmpunkte zu. Primär geht es um die Förderung einer ökologischen Landwirtschaft, die Bioprodukte und vor allem verminderte Nutzung von Pestiziden zu erklärten Zielen macht. Der Kampf gegen Pestizide ist seit jeher ein Kernanliegen der Öko-Partei, dessen Mitglieder schon seit Jahren eine Gesamtstrategie gegen den Einsatz von Pestiziden fordern. Schon kurz nach Abschluss des Koalitionsvertrags wurden die Grünen direkt mit der harten Realität des Regierens konfrontiert, als Umweltaktivisten die Ampel-Parteien für ihre als zu lasch angesehenen Pestizidpläne kritisierten: statt chemische Pestizide auf ein “notwendiges Maß” zu reduzieren, sollten diese doch besser komplett abgeschafft werden.

Dogma an der falschen Stelle

Der Handlungsdruck ist für Özdemir also von Anfang an groß, vor allem da ihm nun bei der Umsetzung der Farm to Fork Strategie (F2F) der EU von der grünen Basis genau auf die Finger geschaut werden wird. F2F sieht vor, Europas Lebensmittelsysteme „fair, gesund und umweltfreundlich zu gestalten,“ was unter anderem durch einen um die Hälfte verminderten Pestizideinsatz bis 2030 erreicht werden soll. Özdemir machte sofort deutlich, dass er – mit notorisch grünem Eifer – an der Umsetzung dieser und anderer Ziele arbeiten werde, um Landwirten dabei helfen, „anzukommen in einer klimaneutralen Landwirtschaft.“

Das Problem, wie es bei allzu vielen Anliegen der Grünen der Fall ist, ist die Tatsache, dass blanker ideologiegeprägter Idealismus oft im Gegensatz zu den realen Bedingungen und Erfordernissen der Welt steht, in der wir leben. Dies beginnt bei der Katastrophe namens Energiewende und endet bei Pestiziden. Denn die Bekämpfung von Schädlingen in Flora und Fauna war maßgebend für den Anstieg der Ernteerträge, der insbesondere Europas Gesellschaften Wachstum und Wohlstand verschaffte. Bis heute sind sie eine wichtige Basis für Nahrungsversorgungssicherheit und tragen zum Erhalt der politischen und gesellschaftlichen Stabilität bei.

Demnach ist der pauschale Anspruch auf eine pestizidfreie Landwirtschaft Spiegel einer hanebüchenen Unfähigkeit die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Der UN zufolge könnte die Weltbevölkerung bis zum Jahr 2050 auf 10 Milliarden anwachsen. Um die Ernährung der Welt gewährleiten zu können, muss sich die Nahrungsmittelproduktion um satte 70 Prozent steigern. Dies kann nur durch die Nutzung von Pestiziden erreicht werden, denn durch sie ist es möglich, den Ernteertrag pro Hektar erheblich zu steigern. Dies zeigt die „grüne Revolution“, die Umstellung auf industrielle Landwirtschaft der letzten 40 Jahre, durch die sich die weltweite Getreideproduktion mithilfe von Pestiziden verdoppelt hat.

Längst keine Killer mehr

Gleichzeitig haben Fortschritte in der Forschung zu einer deutlich verringerten Giftigkeit der heute angewandten Pestizide geführt. So zeigt eine 2017 im Fachblatt Nature veröffentlichte Studie, dass die akute Herbizidtoxizität bei Mais zwischen 1990 und 2014 um 88 Prozent und bei Sojabohnen in fast demselben Zeitraum um 68 Prozent zurückgegangen ist. Dies gilt ebenfalls für moderne Insektizide, wie beispielsweise Organophosphate, die außerdem biologisch abbaubar – sie reichern sich nicht mehr in der Nahrungskette an – wasserlöslich und viel effektiver sind, was zu einer Reduzierung der benötigten Pestizidmenge geführt hat, auch in Deutschland. Benötigte man noch zwei Kilogramm pro Hektar von den heute nicht mehr verwendeten Organochloriden, so genügen teilweise weniger als 100 Gramm pro Hektar bei modernen Organophosphaten.

Die grünbesetzten Ministerien werden zweifelsohne alles dafür geben, die Pläne der alten Bundesregierung bezüglich Ökolandbau fortzuführen. Immerhin soll der Nachhaltigkeitsstrategie zufolge bis 2030 20 Prozent aller landwirtschaftlicher Flächen „unter ökologischer Bewirtschaftung“ stehen – sprich, idealerweise pestizidfrei bewirtschaftet werden. Mit Blick auf die oben genannten positiven Effekte der Pestizidnutzung wird hier ein weiterer Widerspruch der grünen Agenda offensichtlich: Ökolandbau bedeutet mehr mechanische Bodenbearbeitung und um durchschnittlich 25 Prozent geringere Erträge. Da weniger Ertrag pro Hektar durch mehr landwirtschaftlich genutzte Fläche kompensiert werden muss, erhöht sich auch der CO2-Ausstoß im Vergleich zu konventionellem Landbau – unter anderem aufgrund von mechanischer Bearbeitung durch Traktoren sowie Erosion.

Naturromantik gegen Realismus

So diskrepant der grüne Dogmatismus auch sein mag, er spiegelt eine besonders naive Interpretation der in der deutschen Kultur zutiefst verwurzelten Naturromantik wider, in dem „die Natur“ das ideale Sinnbild schlechthin für gesundes Leben im Einklang mit der Welt und sich selbst darstellt. Dabei wird übersehen, dass der Mensch Jahrtausende lang mit der Natur ringen musste, um dem Boden die oft kümmerlichen Ernteerträge abzutrotzen. Somit wird der Wunsch nach einer pureren Form des Nahrungsanbaus – Ökolandwirtschaft ohne Chemie – zum Ausdruck einer rückwärtsgewandten Politik einer zutiefst wissenschaftsfeindlichen Partei, die sich oft gegen technische Innovationen stellt.

Cem Özdemir – und natürlich auch Scholz, unter dessen Ägide Özdemir seine Politik durchsetzen will – würde gut daran tun, sich dem bewusst zu werden. Denn ein Kompromiss ist nicht schwer zu finden. Die hohe Wirksamkeit moderner Pestizide trotz relativ geringer Toxizität erlaubt schon jetzt eine präzisere und sparsamere Anwendung, als noch vor 20 Jahren der Fall war. Dies ist an sich schon ein großer Schritt in Richtung einer Balance zwischen angemessener Nutzung von Pestiziden und Minimierung etwaiger ungewollter Umweltauswirkungen. Letztendlich stellt dies die Basis für eine moderne Agrarwirtschaft dar: sie ist grün, nicht weil sie auf Chemie verzichtet – sondern genau, weil sie Technik und Forschung dieser Art auf schlaue Weise nutzt.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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