Humboldts Kosmos, so hohl

Berlin Unser Autor amüsiert sich über die gescheiterte Eröffnung eines leeren Schlosses
Humboldts Kosmos, so hohl
Hier soll dieses Jahr noch das Humboldt-Forum eröffnet werden. Sieht doch schon ganz nett aus. Bitte an festes Schuhwerk denken!

Foto: John MacDougall/AFP/Getty Images

„Glückwunsch, jetzt sindsie auch noch Berliner,“ sagte die Bezirksbeamtin zu mir, als ich mich erfolgreich umgemeldet hatte. Da schwang ein sarkastischer Unterton mit, denn das liebste Klischee der Berliner über ihre Stadt ist wohl, dass sie zu voll sei. Tatsächlich ist sie das nicht immer, weshalb Philosophie Magazin-Redakteur und Freitag-Autor Nils Markwardt nicht davon lassen kann, leere U-Bahn-Wagen zu fotografieren und in seine ironische, lose Bildreihe Partyhauptstadt Berlin aufzunehmen.

Die Leere ist rar in der Hauptstadt – so rar, dass sie selbst zum Ausstellungsgegenstand wird. Der größte und teuerste Kulturbau der Stadt zeugt davon: das Humboldt-Forum. Eigentlich sollte hier im November bereits eine Elfenbein-Ausstellung gezeigt werden. Ein noch nicht fertig gestelltes Brandschutz- und Klimakonzept könnte aber die äußerst empfindlichen Exponate schädigen. Daher weigerten sich etliche Museen, unter anderem der Louvre und das Museum of Modern Art, aktuell noch, ihre Leihgaben zu senden.

Nun steht der opulente Bau leer – und sollte zunächst dennoch 2019 eröffnen. Das ist nur konsequent, schließlich geht es bei dem wieder aufgebauten Hohenzollern-Schloss, das von der SED zugunsten eines Marx-Engels-Platzes gesprengt wurde, um mehr als olle Kunst.

Eine monumentale Hülle kehrt so zurück in die Hauptstadt, für bislang circa 600 Millionen Euro. Warum nicht einfach die Eröffnung verschieben? Das fragte sich Welt-Autor Boris Pofalla und befand: In Berlin funktioniere ohne Druck, ohne Deadline gar nichts. Dabei dachte der Kollege vermutlich zu sehr an seine journalistische Arbeit. Denn: Das Humboldt-Forum möchte natürlich im Humboldt-Jahr 2019 eröffnet werden, ob nun mit oder ohne Exponate. Namenspate Alexander von Humboldt dürfte das einsehen, schließlich widmete er sich in seinen Wissenssammlungen nichts Geringerem als dem „Kosmos“. Und dieser besteht, wie wir 250 Jahre nach seinem Tod um einiges klüger wissen, zu weiten Teilen aus gar nichts.

Mit der verzögerten Fertigstellung und einem gesprengten Kostenrahmen ist das Humboldt-Forum schon jetzt ein echter Berliner. Und weil der Schlossplatz eine lange Rückbaugeschichte hat, werden von der Initiative „Humboldt 21“ seit der Grundsteinlegung für das Schloss im Jahr 2013 Spenden für den Abriss gesammelt. Für 2050 wurde schon mal provisorisch die große „Jubiläums-Schloss-Sprengungs-Party“ angekündigt.

Seit Mitte Juni ist nun klar: Aus der Eröffnung im Humboldt-Jahr wird nichts. Journalisten dürfen trotzdem schonmal besichtigen. Zunächst zieht nun statt Hochkultur die Tür des Berliner Techno-Clubs „Tresor“ ein. Sie soll die „Freiräume“(!) der Stadt repräsentieren. Toll! Pressevertretern wird zur Begutachtung empfohlen, festes Schuhwerk zu tragen, schließlich handele es sich um eine „Baustellenbegehung“. Und: Das unfertige Forum hat Seltenheitswert. „Die Räume der Berlin Ausstellung sind erstmalig der Presseöffentlichkeit zugänglich und werden in diesem Zustand – ohne Ausstellung – nicht mehr zu sehen sein", verkündet die Pressemitteilung geradezu alarmistisch. Das werden die Reporter noch ihren Kindern erzählen!

„Die Verflechtungen in der Welt erkennen, Fremdes im Eigenen und Eigenes im Fremden entdecken“, verspricht das kommende Programm des Humboldt-Forums. Sehr richtig: Wer noch nie eine gewisse innere Leere in Berlin verspürt hat, hat die Stadt nicht wirklich kennengelernt. Aber genug gemeckert. Froh sein sollten sie, die Berliner, über die paar ungefüllten, überdachten Quadratmeter, die ihnen noch bleiben. Luft, Platz, Leere, das sind die eigentlichen Attraktionen dieser Stadt. Die Kuratoren des Forums täten gut daran, weder offene Türen noch Elfenbein oder sonstige Relikte in das Forum zu stellen. Etwas Selteneres und Wertvolleres als Freiraum gibt es in der Hauptstadt ohnehin nicht.

06:00 18.06.2019
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 3