Journalist sicher: Babyboom wird ausbleiben

Corona „Sexperten“ prophezeien einen Kindersegen. Aber haben die Leute in der Krise wirklich plötzlich mehr Lust auf Sex?
Journalist sicher: Babyboom wird ausbleiben
Sex? Jetzt? Ich müsste dann auch nochmal mit dem Hund raus ...

Foto: Jeff J Michell/Getty Images

Selten wurde sichtbarer, wie dumm es ist, öffentlich prophetisch zu werden. „Nur eine Grippe“, unkte noch so mancher vor wenigen Wochen. Das erinnert an Zukunftsforscher, die noch zur Jahrtausendwende verkündeten, das Internet werde sich nicht durchsetzen. Schön blamiert. Merke: Seriöse Journalisten, Wissenschaftler, Politiker sollten nicht wahrsagen.

Das hält manchen Experten freilich nicht auf. Der Berliner Kurier titelte am 1. April – kein Scherz – mit den Worten des Münchner Sexual- und Partnerschaftsmediziners Dr. Axel-Jürg Potempa: „Sexperte ist sicher: In 9 Monaten kommt der Baby-Boom.“ Krise bedeute Stress, und der würde über Verkehr kompensiert, so der „Sexperte“. Es war nicht die erste Meldung dieser Art. Einige glaubten, die Quarantänemaßnahmen führten bei Paaren, die nun unfreiwillig mehr Zeit miteinander verbringen, zwangsläufig zu mehr Sex – und weil die Experten scheinbar von Verhütung nichts ahnen, auch zu mehr Kindern.

Ähnlich orakelten Journalisten der New York Times, als Mitte der 60er Jahre in Nordamerika für mehrere Stunden der Strom ausfiel. Eine Studie der Universität von North Carolina verzeichnete später keinen Anstieg der Geburtenraten. Offenbar fallen die Leute nicht übereinander her, nur weil es kurz dunkel ist.

Derweil erreichen uns solche Meldungen: Der Porno-Streaminganbieter xHamster meldete Ende März ein deutlich gestiegenes Nutzungsaufkommen. Konkurrent Pornhub nutzt die Krise, um neue Besucher mit kostenlosen Premiumangeboten zu überzeugen. Und bereits Anfang März freute sich der Porno-DVD-Anbieter Erotik.com über explodierende Umsätze. Bestellungen aus dem besonders gebeutelten Nordrhein-Westfalen verdreifachten sich. Es hieß: Die Deutschen hamstern Pornos.

Haben die Menschen also doch mehr Sex, nur eben eher mit sich selbst? Vielleicht sitzen sich viele Paare nun zum ersten Mal seit Jahren des berufsbedingten Aus-dem-Weg-Gehens und Erschöpft-ins-Bett-Fallens gegenüber, schauen sich tief in die Augen und fragen sich: Sex? Jetzt? Einfach so? Es ist doch Krise! Wir müssen heimarbeiten, Freunde anrufen, uns Sorgen machen, können doch jetzt nicht …, haben wir noch genug Klopapier?

Ein guter Journalist orakelt nicht. Allerdings meinte ein geschätzter Chefredakteur einmal zu mir: In der Kolumne ist alles erlaubt, was sonst verboten ist. Daher breche ich mit Freude die Regel und prophezeie: Der weihnachtliche Corona-Babyboom, er wird ausbleiben.

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06:00 10.04.2020

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