Nichts als Zeichensprache

Echo Mehrere Künstler kündigen an, ihre Preise zurückgeben zu wollen. Vielmehr denn symbolische Akte braucht es jedoch eine Debatte über die Ursachen für Antisemitismus
Nichts als Zeichensprache
Der Echo ist ein Echo

Foto: Imago/Metoldi Popow

Insgesamt zwölf versilberte Metalltrophäen verschiedener Echo-Preisträger sollen aufgrund einer Kontroverse um antisemitische Textzeilen eines Rap-Duos an den Verleiher zurückwandern. Wie macht man so etwas? Kommt das ins Altmetall, gibt es da Pfand drauf? Bevor sich jemand über die Idiotie dieser Fragen belustigt: Die Bild-Zeitung hat sie dem Bundesverband Musikindustrie, der den Echo austrägt, tatsächlich gestellt und eine Antwort bekommen: „Bezüglich der Rückgabe von Preisen werden wir uns selbstverständlich mit den Labels und den Künstlern in Verbindung setzen.“

Das dürfte ein unangenehmes Schlussmach-Telefonat werden mit Marius-Müller Westernhagen, dem Pianisten Igor Levit, dem Klassik-Ensemble Notos Quartett, dem Dirigenten Enoch zu Guttenberg und dem „fünften Beatle“ Klaus Voormann, die allesamt ihre Preise wieder loswerden wollen. Einen „unfassbaren Fehltritt der Echo-Jury“ nannte Levit die Vergabe an Kollegah und Farid Bang, ein „schmutziges Menetekel für die Entwicklung in unserem Land“ ist der Preis gar für zu Guttenberg. Über Nacht scheint sich die schimmernde Trophäe in ein infiziertes Symbol verwandelt zu haben. Erinnerungen werden wach an Marcel Reich-Ranickis legendäre Ablehnung des Deutschen Fernsehpreises 2008, der noch auf der Bühne davor mahnte, er wolle nicht in einer Reihe mit dem „Blödsinn, den wir hier heute Abend zu sehen bekommen haben“ genannt werden.

Der Eklat hatte damals eine kurze, aber erhellende Debatte darüber zur Folge, welche Entwicklungen das deutsche Fernsehen angenommen hat. Dürfen wir nun eine ähnliche Qualitätsdebatte um Verrohung, Sexismus, Rassismus und Antisemitismus in der Popmusik erwarten? Eher nicht, denn im Unterschied zum Fernsehpreis ist der Echo primär eine Auszeichnung für kommerziellen Erfolg. Nominiert wird, wer massenhaft verkauft hat.

Somit ist der Preis in der Tat ein „Echo“, und zwar nicht, weil die Preise nun geradewegs zum Verleiher rücksiedeln, sondern weil sie größtenteils ein Widerhall des Publikumsgeschmacks sind. „Man muss ein Zeichen setzen“, sagte Igor Levit, aber wie so oft, wenn diese Phrase fällt, ist nicht ganz klar, was das für ein Zeichen sein soll. Wird der überragende Erfolg im Pop-Genre, den zwei Rapper unter anderem mit geschmacklosen Zeilen erzielt haben, nun durch Preisrückgaben geschmälert? Wird es die über 200.000 Käufer von Kollegah und Farid Bangs Album auch nur peripher interessieren, wenn Künstler aus der klassischen Musik einige Tage nach der Verleihung plötzlich medienwirksam ihre Empörung neben ihrer Trophäe in der Mottenkiste wiederentdecken?

Eher nicht. Die Ankündigung seitens des Echos, man werde die Preisvergabe prüfen und ändern, kann auch in Zukunft den an die Oberfläche gespülten Schmutz höchstens unter den Teppich kehren. Durch seine starke Orientierung an Plattenverkäufen ist der Pop-Echo eher ein Seismograf, weniger eine Huldigung, auch wenn die opulente Gala es anders vermuten lässt.

Wichtiger wäre eine Debatte darüber, warum Werke mit menschenverachtenden Inhalten bei jungem Publikum solchen Erfolg haben oder sie, wie bei einigen anderen Künstlern, nicht lange vor der Nominierung von der zuständigen Bundesprüfstelle indiziert wurden. Wäre das irgendwem tatsächlich sauer aufgestoßen – die Gelegenheit zum Ranicki-Rundumschlag war da. Die einzig glaubwürdigen sechs Zauberworte lauten: „Ich nehme diesen Preis nicht an.“

14:07 18.04.2018

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