Neulich in Mitte: Öffnet mir ein Drink das dritte Auge?

Kunsttagebuch Die Elixiere sind infundiert mit Skalarwellen, die Drinks heißen „Blue Lotus Crowns“, „Cocao Love“ und werden für die richtige Mischung ans Handy angeschlossen. In diesen Momenten muss man den Kapitalismus einfach lieben
Ausgabe 40/2023
Neulich in Mitte: Öffnet mir ein Drink das dritte Auge?

Foto: picture alliance/Everett Collection/20th Century Fox

Es gibt viele gute Gründe, nach Berlin-Mitte zu fahren, einer ist: Man kann sich hier mal andere Kulturen anschauen. Ein bisschen älteres Geld. Ein bisschen Werbeagentur, ein bisschen anintellektualisierter Kunstkram. Überall ein Hauch von Vergangenheit. Damen, die würdevoll alleine vor einem Weißwein und einer Etagere voller Meeresfrüchte sitzen. Es ist wunderbar. Und in ebenjenem Meeresfrüchterestaurant hängen grad die Fotos der Fotografin Ariane Hosemann, Schwester des berühmten Schauspielers Marc. Ihre Fotos zeigen blaue Pools, Autos unter Abdeckplanen vor weihnachtsdekorierten Einfamilienhäusern. In Amerika.

Ich erzähle das vor allem, weil Hosemann auch eine interessante Location unterhält, oder ihr Mann, ich hab es nicht ganz verstanden, jedenfalls wohnen sie wohl auch in der Wohnung, wo „Goodroom“ kürzlich eine Private View anbot. Heißt: Man hängt schön rum und kann dabei Kunst kaufen, muss aber eingeladen sein. Und das in einer Wohnung, wie man sie gern hätte. Die Hälfte würde ja schon reichen. Ein großer hübsch verzierter Ofen in der Ecke. Aus welcher Epoche? Dunkelblaue Wände, Stuck überall. Deckenbemalung. Herrschaftlich jedenfalls. Dort hatte der Kurator Johannes Fricke Waldthausen, der wiederum der Sohn des legendären Popol-Vuh-Musikers Florian Fricke ist, Kunst von Simon Denny, Isabelle Graeff, Alexander Iskin, Jeremy Shaw und Thomas Ruff aufhängen lassen. Wem das jetzt zu viele Namen sind – auch das gehört zur Kultur von Berlin-Mitte.

Eine schöne junge Frau ging mit der Preisliste herum. In der Küche hing eine Schmetterlings-/Vulva-Malerei von Lola Schnabel, der Tochter von Julian. Die verkaufe normalerweise gar nicht in Deutschland. Aus dem Nebenzimmer schallt die Frage: „So you live in New York?“, und eine Frau mit blauem Kleid, Umhang, großem Amulett, einer dünnen Kette über ihrer Nase, von Ohr zu Ohr, antwortet: „Actually, I live kind of everywhere.“ Sie steht vor einem goldspiegelnden Tisch und rührt in Flüssigkeiten, ihren „High Vitality Elixirs“. Die sie gegen „gifts“, die man ihr auch per Paypal schenken kann, anbietet. „Blue Lotus Crowns“, „Cocao Love“ heißen die Drinks, die unter anderem das dritte Auge öffnen sollen. Und da bestellen wir natürlich sofort.

„Wir verbinden Kunst, Wissenschaft und Bewusstsein“, steht auf einem Poster, die Elixiere seien infundiert mit Skalarwellen. Die Frau stellt dafür die Gläser auf ein Gerät, das aussieht wie eine Mischung aus Kochplatte und Drummachine. Dessen bunte LEDs beleuchten nicht nur blinkend drei kleine Platten, es ist auch an ein Handy angeschlossen, dessen Display eine Frequenzwelle zeigt. Auf die Frage, womit die Drinks jetzt aufgeladen werden, sagt die Elixierin, dass die Frequenz auf dem Handy die Frequenz der Liebe wäre, die in Drinks gedruckt werde. Das Getränk schmeckte angemessen bitter.

Das Gerät kostet 300 Dollar und ist laut Hersteller eine Orgon-Ladestation. „Mit einer Scalar-Wave-Druckplatte können Sie Informationen von einem darauf platzierten Objekt kopieren oder übertragen.“ Die sei auch für Wunschmanifestation zu nutzen. Skalarwellen, lese ich auf einer Website, „werden von einer sphärischen oder spiralförmigen Antenne ausgesendet und von einer Antenne des gleichen Typs aufgefangen“. Die Übertragung von Energie und Informationen funktioniert drahtlos.

Es ist doch wirklich toll, was man kennenlernt, wenn man mal die eigenen Grenzen verlässt. In diesen Momenten muss man den Kapitalismus einfach lieben. Ein drittes Auge öffnet sich zwar nirgends. Aber vielleicht sollten die Elixiere auch einfach nicht mit Weißwein kombiniert werden. Der Gastgeber befürchtete an der Bar, ich würde mich irgendwie lustig machen, aber nichts liegt mir ferner. Es ist große Kunst, mit kleinen Elixier-Performances so viel über die Gesellschaft zu erzählen.

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