Die neue Zeit nach Margiela: Was hat Kunst damit zu tun?

Kunsttagebuch John Gallianos neue Kollektion wurde überall begeistert zur Kenntnis genommen – war sie doch viel mehr Kunst als „nur“ Mode. Die Schau von Tobias Spichting liegt ebenso irgendwo zwischen diesen Polen. Eins haben sie gemeinsam: Sie berühren
Ausgabe 06/2024
Düstere durch die Unterwelt wankende puppenähnliche Kreaturen präsentierten John Gallianos neue Kollektion für Maison Margiela
Düstere durch die Unterwelt wankende puppenähnliche Kreaturen präsentierten John Gallianos neue Kollektion für Maison Margiela

Foto: Imago/Xinhua

Wer in den vergangenen Tagen im Internet war, muss es mitbekommen haben, unzählige Videos davon wurden ausgespielt. Ein neues Zeitalter ist angebrochen. Der britische Modedesigner John Galliano hat auf der Pariser Modewoche seine neue Kollektion als Creative Director für Maison Margiela gezeigt. Und man kann es nicht anders sagen: Sie war weltverändernd.

Gruselige Kreaturen wankten, züngelten sich durch düstere Unterwelten. Angemalte Gesichter, die glänzten wie Porzellan, hatten etwas Puppenhaftes. Die Models aller Geschlechter trugen enge Korsetts. Halsteile. Hüftteile. Neue Formen, unnütze Accessoires. Man sah neue Walks. Neue Anmut. Dünne Spitze über Haut. Breite Hüften. Durchscheinende üppige Schamhaar-Toupets. Krauses Haar unter Hüten. Sah man sich all das an, stieg die Aufregung durch die Brust in den Kopf. Wann war etwas so Wunderbares zuletzt erschaffen worden? Alles war so voller Kunst, dass die Kardashians, die im Publikum in der ersten Reihe saßen, so lächerlich durcherzählt und überkommen wirkten. Denn das, was man da sah, das war ganz eindeutig zu erkennen, das ist die neue Zeit. Damit beginnt sie. Neoromantisch, kleinteilig, anspruchsvoll. Und vor allem schräg.

Der Körper als unsere Leinwand, so heißt es unter dem Video des Modehauses auf Youtube, drücke das Innere aus. Und hier wurde wirklich viel ausgedrückt. Die Zeit der emotionslosen Mode scheint überwunden, nach all den Jahren des unangenehmen Protzens und Streetwear-Blablas bei Louis Vuitton und den langweiligen Oversizing-Provokationen von Balenciaga, wo man schon so lange nichts Neues mehr gesehen zu haben scheint. Endlich wieder was los. Leute schrieben in den sozialen Medien, sie hätten ihre Hoffnung in die Mode wiedererlangt. Und warum das hier in der Kunstkolumne überhaupt Thema ist? Es ist davon auszugehen, dass sich dieser Epochenwechsel auch in der Kunst wiederfinden lässt.

Mode und Kunst, sie beeinflussen sich ja vielleicht. Gerade zum Beispiel ist eine großartige Ausstellung in der Kunsthalle Basel zu sehen. Der Schweizer Künstler Tobias Spichtig zeigt dort Malereien und Skulpturen. Everything No One Ever Wanted hat er seine Schau genannt. Zu sehen sind modelartige Menschenporträts, die den spitzen Gesichtern ähneln, die bisher auf den Laufstegen angesagt waren. Bilder von Menschen in Posen, die an Modefotografie erinnern. Außerdem stellt Spichtig seine Skulpturen aus, die aus mit Epoxidharz verhärteten Kleidungsstücken gemacht sind. Sie sehen aus wie verlassene Körper. Oder wie die Emotionen, die Mode nach Margiela ausdrücken soll.

Wenn man sich mit Tobias Spichtig über Mode unterhält, spricht er von Walter Benjamins Figur des Tigersprungs in die Vergangenheit, mit der Benjamin den Umgang mit dem Retrohaften im Jetzt der Mode beschreibt. Und auch in Margielas Kollektion gibt es natürlich viel Retrohaftes, aber ohne dass es alt oder ideenlos wirkt. Für Spichtig beeinflusst die Kunst die Mode. Andersherum fände er es ein bisschen langweilig.

Seine Kunst zeigt Mode als kommerzielle Praxis der Selbstdarstellung. Nicht als Diktat, sondern mit einer Subtilität, die man wirklich mitgestalten muss. Das könnte auch als oberflächlich missverstanden werden, aber bei längerer Betrachtung von Spichtigs Arbeiten entsteht eine ähnliche Aufgeregtheit, eine Dringlichkeit wie bei John Galliano. Vielleicht ruft Spichtigs Ausstellung weniger ein neues Zeitalter aus, vielleicht macht Galliano sie zum Tigersprung. Beide Künstler jedenfalls berühren. Und das möchte man doch: endlich wieder etwas fühlen.

Eingebetteter Medieninhalt

Tobias Spichtig: Everything No One Ever Wanted läuft noch bis 28. April 2024 in der Kunsthalle Basel

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