Shakespeares „Sturm“ in Berlin: Tust du nicht hören mich sprechen?

Theater Jan Bosses Inszenierung der wörtlichen Neuübersetzung von Jakob Nolte feiert Shakespeares Sprache als Groteske. Durchaus gelungen, aber etwas ziellos
Ausgabe 36/2022

Nun, eine richtige Premiere war das nicht, denn Jan Bosses Inszenierung von Shakespeares Der Sturm war schon bei den Bregenzer Festspielen zu sehen. Premierenfeeling kam am Deutschen Theater Berlin trotzdem auf: minutenlanger Applaus, von hinten (wo die Jüngeren sitzen) sogar Jubel, allerdings auch ein eifriger, energischer Buh-Rufer. So viel Emotion kann eine Premiere dem Berliner Publikum also noch entlocken! Und dann auch noch mit einem 400 Jahre alten Stück! Was war geschehen?

Gut zwei Stunden vorher war er losgebrochen, der Sturm. Jener, den Prospero (Wolfram Koch), einst Herzog von Mailand, nun festsitzend auf einer Insel, mithilfe des „luftigen Geists“ Ariel (Lorena Handschin) entfesselt, um die Schiffe seiner Feinde zu zerstören und sie zu sich auf die Insel zu befördern. Aber auch jener sprachliche Sturm, den die Neuübersetzung Jakob Noltes darstellt. Das Unerhörte: Shakespeares altenglisches Original wörtlich zu übertragen. Das klänge schon bei modernem Englisch komisch, doch hier wird es streckenweise gänzlich grotesk.

Vexierbild des Adels

„Was ist die Stunde vo‘ de‘ Tag?“ fragt Prospero etwa immer wieder Ariel. „Nach der mittleren Saison“, antwortet der. Insbesondere die spezielle Stellung des Verbs „to do“ („Tust du lieben mich?“) und die vielen Verkürzungen („Ich‘ll küssen deinen Fuß“) sorgen für das Entstehen einer bizarren Fantasiesprache. Das ist witzig, ja, aber es passt auch erstaunlich gut. Nicht nur, weil Prospero eh ein Zauberer ist und auf dieser Insel vieles verzaubert wird, warum sollte also nicht auch die Sprache wie verhext sein? Sondern auch, weil so das Archaische, das diesem Text anhaftet, an Gewicht gewinnt. Natürlich ist ein Text aus dem 17. Jahrhundert merkwürdig und wirkt fremd, warum das nicht unterstreichen?

Die Inszenierung dient sich daher konsequent dem Text an. Bosse und seinem Ensemble gelingt es durchaus, passende Bilder dafür zu finden. Grotesken und Obszönitäten werden herausgestellt und betont. So sorgen die neapolitanischen Trunkenbolde Stephano (Jeremy Mockridge) und Trinculo (Tamer Tahan) für einige Lacher, während sie saufend, wixend und prahlend die Bühne (Stéphane Laimé) – auf der zahlreiche Seile von der Decke hängen, die mal als Sitz, mal als Fessel, mal als Wald dienen – in einen Saustall verwandeln. Dadurch, dass Tahan zugleich Alonso, den König von Neapel und Mockridge dessen Sohn Ferdinand, der sich in Prosperos Tochter Miranda (Linn Reusse) verliebt, spielen, entsteht ein amüsantes Vexierbild des europäischen Adels.

Außerdem wird gesungen, sogar sehr gut, und zwar im englischen Original – Hell is empty and all the devils are here. Shakespeare als Ohrwurm, das trifft den Ton.

Worum es genau geht, bleibt dabei allerdings auf der Strecke. Die Aufführung wurstelt immer wieder streckenweise vor sich hin, ohne dass eine dramatische Motivation deutlich würde. Mag sein, dass auch das dem Text inhärent ist. Doch es wirkt eher, als fehle hier die zusammenbindende Idee, die über die Ausmalung der Sprache hinausgeht. So bleiben auch der Hintergrund des Stücks, der europäische Kolonialismus, und die Problematisierung der Figur Caliban (Julia Windischbauer) – die als rassistische Karikatur zumindest gedeutet werden kann – gänzlich unterbelichtet.

Der Sturm William Shakespeare, Übersetzung: Jakob Nolte Regie: Jan Bosse, Deutsches Theater Berlin

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