1898: Besuch vom Spuk

Zeitgeschichte In seinem letzten Roman „Der Stechlin“ behandelt Theodor Fontane das Phänomen Sozialdemokratie wie ein Phantom, das nirgendwo Gestalt findet, aber ständig auftaucht

Mitte August 1898 leidet der Dichter an einer „kannibalischen Hitze“, die Karlsbad während seiner Sommerkur in Schach hält. Trost versprechen allein die aus Berlin von Verlegersohn Friedrich eintreffenden Druckfahnen der Buchausgabe des Romans Der Stechlin. Nach dem Vorabdruck in der Zeitschrift Land und Meer gibt es derart viele Vorbestellungen, dass die erste Auflage schon vergriffen ist. Eine Genugtuung, denn mit dem Stechlin sollte mehr denn je ein Werk gelingen, „dessen Gestalten sich in die Gestalten des wirklichen Lebens einreihen“, sodass man in Erinnerung an eine bestimmte Lebensepoche, so Theodor Fontane im Tagebuch, nicht mehr genau wisse, „ob es gelebte oder gelesene Figuren waren. Ähnlich wie manche Träume sich unserer mit der gleichen Gewalt bemächtigen wie die Wirklichkeit“. Es ist jener Anspruch, der den Autor veranlasst haben dürfte, mit dem Alterswerk auf den ausholenden Gesellschaftsroman zurückzukommen, wie er ihn erstmals um 1875 herum mit Vor dem Sturm verfasst hat. In dichter Folge gezeichnete Charakter- und Sittenbilder sollen ein Zeitalter spiegeln, das mit unverkennbarer Melancholie und Schmerz verabschiedet wird.

Die Handlung beginnt im Spätsommer des Jahres 1895, als zwischen Rheinsberg und Ruppin die Kutsche der Eisenbahn hinterherfährt, Zeitungen aus Berlin noch am Tag des Erscheinens zu haben sind, die Klitsche der Fabrik weicht, Landpfarrern eine sozialdemokratische Denkungsart nicht fremd sein muss. Die Anmut des wehmütigen Abgesangs aufs provinzielle Idyll trägt besonders der alte, nicht übermäßig begüterte Junker Dubslav von Stechlin in sich, der „Typ eines Märkischen von Adel“ und eines jener „erquicklichen Originale“, bei denen sich „selbst die Schwächen in Vorzüge verwandeln“, vermerkt Fontane. Häufig sitzt Dubslav auf einer Bank am Stechlin-See, dessen dünnes Schilf und einsamen Wald vor Augen, den Ort Stechlin im Rücken und sein Anwesen, den Stechlin – mehr Kate als Schloss –, im Sinn. Von der Sympathie für den großen König Friedrich beseelt, kann er dem Geltungsbedürftigen und Gestriegelten des Wilhelminischen wenig abgewinnen. Erst recht nicht, wenn es sich dazu versteigt, das alte Preußen begraben statt beerben zu wollen. Fontane bescheinigt dem Major a. D. eine „aus dem Herzen kommende Humanität“, die sich unmöglich verträgt mit Streberei und Hoffart, aber Pflichten zugetan bleibt, wie sie Stand und Herkunft setzen. Als ihn der in Berlin bei den Kürassieren dienende Sohn Woldemar besucht, gesteht der Alte beim Spaziergang, die Konservative Partei wolle ihn haben für eine Nachwahl in der Grafschaft, um ihr Reichstagsmandat zu verteidigen. Einer aus den alten Familien soll ran, die Integrität eines Stechlin wird gebraucht, auf dass die Landeskinder im Kreis Rheinsberg-Wutz davon absehen, dem Sozialdemokraten Feilenhauer Torgelow gewogen zu sein.

Nirgends Gestalt

Spätestens hier stößt ein Phantom zur Personage des Romans, das nirgends Gestalt findet, trotzdem unablässig auftaucht in Gespräch und Predigt, Fluch und Segen, Mutmaßung und Erwägung. Da Fontane eisern dem Prinzip gehorcht, nur zu schildern, was er wirklich kennt oder zu kennen glaubt, tritt im Stechlin kein erklärter Sozialdemokrat auf, doch fehlt es nicht an Zeitgenossen, die es sein könnten. Die Gesinnung ist ihnen vertraut, und August Bebel kennen sie auch. Selbst Dubslav habe „im Leibe, was die richtigen Junker alle haben – ein Stück Sozialdemokratie“, finden Woldemars Regimentskameraden Rex und Czako, als sie den alten Herrn besuchen. „Wenn sie gereizt werden, bekennen sie sich selbst dazu.“

Vorerst aber schwören sich die Konservativen im Dorfkrug von Stechlin auf die Parole ein: „Was um den Stechlin herum wohnt, das ist für Stechlin“ – also wird er gewinnen. Dabei platziert Fontane mit dem Kapitel Wahlmeeting einen fast publizistisch anmutenden Einschub, um dem Zeitgeist in der Mark die Ehre zu geben. Wenn die Honoratioren aus solchem Anlass zusammenkämen, heißt es, habe der Gendarm Unke nichts zu tun, als ihnen die symbolische Präsenz von Staatsautorität zu gönnen. Träfen sich freilich Anhänger der Sozialdemokraten oder Fortschrittspartei, wäre das anders. Da könnte Unke unangenehm werden, sollte etwa über die Pressezensur oder das Dreiklassenwahlrecht hergezogen werden. Natürlich lässt sich im Jahr 1895 auch bei den Sozialdemokraten nicht mehr so leicht zupacken wie einst im Namen des Sozialistengesetzes. Doch sitzen im Dorfkrug genügend Leute, die wie seine Majestät, Wilhelm II., nichts sehnlicher wünschen, als die „rote Pest“ gründlich „auszuseuchen“. Welche Dreistigkeit, sozialdemokratische Agitatoren über Land zu schicken, damit sie Landarbeitern und Glasbläsern einreden, von Adel und Kirche sei nichts mehr zu erwarten. Die würden bloß immer auf den Himmel vertrösten, die SPD aber wolle für Gerechtigkeit sorgen, für den Achtstundentag und sonntags einen Ausflug nach Finkenkrug.

Der Abstieg

Als Dubslav von Stechlin in den Reichstag soll und – wie er selbst am besten weiß – dem totalen Kladderadatsch entgegensieht, ist die SPD längst als Massenpartei unterwegs, hat mit Bebel einen populären Führer und gut zwei Millionen Wähler. Diese bildeten – schreibt Friedrich Engels im Stechlin-Jahr 1895 in seiner Einleitung zu Marx’ Schrift Die Klassenkämpfe in Frankreich – die „zahlreichste, kompakteste Masse, den entscheidenden ‚Gewalthaufen‘ der internationalen proletarischen Armee“. Bei der Reichstagswahl am 15. Juni 1893 hat die Partei erneut hinzugewonnen, diesmal drei Prozent, und liegt mit einem Anteil von 23,3 deutlich vor den Konservativen. Da kann es passieren, dass unter den Beobachtern dieses Aufstiegs so mancher aus „umstürzlerischen Ansichten“ kein Hehl mehr macht und sagt, was er denkt. Der Pastor Lorenzen zum Beispiel, Lehrer des Stechlin-Sohns Woldemar von Kindheit an. Fontane legt dieser Figur Urteile in den Mund, die schwer nach Sakrileg klingen.

„In unserer Obersphäre herrscht außerdem eine naive Neigung, alles Preußische für eine höhere Kulturform zu halten“, sagt er im Gespräch mit Melusine von Ghiberti, Gräfin aus Berlin, die ihn aufsucht, um den Beistand des Seelsorgers für Woldemar und ihre Schwester Armgard zu erbitten, wenn sich beide demnächst vermählt haben. „Sie zweifeln an unserer Gesellschaftsform?“, fragt sie Lorenzen rundheraus und bekommt zu hören: „Wenn ich zweifle, so gelten diese Zweifel nicht so sehr den Dingen selbst als dem Hochmaß des Glaubens daran. Dass man all dieses Mittelmäßige für etwas Besonderes und Überlegenes und deshalb, wenn’s sein kann, für etwas ewig zu Konservierendes ansieht, das ist das Schlimme.“ Eine Schlüsselszene des Romans, in der Fontane das überlebte friderizianische wie übermütige wilhelminische Preußen vor sich selbst und jähem Fall warnt.

Offenbar hat der Abstieg „um den Stechlin herum“ schon begonnen, wenn am Wahltag alles auf den Sozialdemokraten Torgelow zuläuft. Nie tritt der bei Fontane auf, nie sagt der ein Wort, hat aber „die kleinen Leute hinter sich“. Und das ausgerechnet in Rheinsberg, das die Rittmeister und Rübenkaiser der Mark für ihre Domäne halten. Ruht doch im Park unter der abgebrochenen Pyramide das Herz des Prinzen Heinrich, des Großen Friedrichs Bruder. Als gegen Abend das Wahlfiasko feststeht, ist Fontane voll der sarkastischen Anteilnahme für eine gehobene Gesellschaft, die sich im Prinzregenten damit tröstet, dass statt des erhofften Triumphs die gebackenen Forellen und Rehrücken heraufdämmern. Die Genrebilder des Romans gewinnen an Schärfe, und so wenig das Parteidiner der Konservativen des Fidelen entbehrt, schmerzt Dubslav die Niederlage. Als er bald darauf in seiner „Kate“ stirbt, wird Pastor Lorenzen am Grab sagen: „Er war kein Edelmann nach der Schablone, wohl aber ein Edelmann nach jenem alles Beste umschließenden Etwas, das Gesinnung heißt. Er war recht eigentlich frei, … wenn er’s auch oft bestritt.“ – Fontane hatte sich selbst einen Nachruf geschrieben.

06:00 01.05.2019
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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