Auf in den Stellungskrieg

Syrien Die jüngste Rede von Präsident Assad ist von der Hoffnung geprägt, Breschen in das Lager seiner Gegner schlagen zu können und den Kampf noch nicht verloren zu haben
Auf in den Stellungskrieg
Assads Auftritt vor der syrischen Nationalflagge
Foto: AFP-Photo

Es war eine Rede der großen Absagen. Syriens Präsident Bashar al-Assad will nicht kapitulieren, nicht mit seinen Feinden verhandeln, die er getrost Todfeinde nennen kann, und nicht ins Exil gehen, auch wenn die russische Diplomatie andeutet, es könnte das Beste sein. Wo sollte er auch hin, wer würde ihn aufnehmen? Wo wäre er mit seiner Familie sicher?

Seit dem Auftritts Assad an diesem 6. Januar 2013 in der Nationaloper von Damaskus dürfte auch die Bitte von Vizepräsident Faruk al-Scharaa hinfällig sein, die Opposition solle doch in Verhandlungen über die Bildung einer Übergangsregierung eintreten. Als dieses Angebot kurz vor Weihnachten lanciert wurde, war in der entsprechenden Erklärung erstmals nicht von „islamistischen Terroristen“ die Rede, die Syrien zerstören wollten, weil sie als „Agenten der Golfstaaten“ handen. Die Nationale Koalition als Dachverband des Anti-Assad-Lagers im Ausland hat sich der Offerte brüsk verweigert – es sei zu spät, das Regime über alle Maßen diskreditiert, dass es nur noch den schnellen Abgang geben dürfe.

Alles oder nichts

Das musste – und das sollte wohl auch Staatschef Assad in die Hände spielen. Ihm konnte unter diesen Umstanden gar nichts anderes übrig bleiben, als seine Anhängern mit der Parole „Jetzt erst recht! Alles oder nichts!“ auf ein Durchhalten um jeden Preis einzuschwören. Diese Botschaft richtet sich an die Anhänger aus der regierenden Baath-Partei ebenso wie an die Streitkräfte – die Eliten-Einheiten der Assad besonders ergebenen Luftwaffe, die loyalen Republikanischen Garden und die Territorialmilizen. Solange sie nicht zerfallen und demoralisiert sind, muss das Anti-Assad-Lager – ohne massiven militärischen Beistand aus dem Ausland – den großen Enthauptungsschlag schuldig bleiben, auch wenn Nachrichten über Desertionen und die Flucht hochrangiger Offiziere (zum Teil sind es Generäle) in die Türkei, nach Jordanien und in den Libanon nicht abreißen.

Derzeit überwiegt der Eindruck, keine der Konfliktparteien ist in der Lage, eine strategische Initiative zu ergreifen, die dazu führen könnte, die Schlacht um Syrien zu entscheiden. Die Streitkräfte der Regierung halten trotz aller Rebellenangriffe das Kernland um die Hauptstadt, das Hinterland der Häfen von Tartus sowie Latakia und die Höhenzüge des Dschebel al-Alawia und Jabal an-Nusayriyah, der syrischen Ausläufer des Libanon-Gebirges. Für den Notfall fände sich hier ein Rückzugsgebiet, das auch für den Assad-Clan in Frage käme. Für seine Elitebrigaden gilt das sowieso. Diese Bergwelt könnte Refugium und Bastion sein, um vom Bürger- auf einen Guerilla-Krieg umzusteigen.

Gebiete an der Grenze zur Türkei und zum Libanon wurden hingegen von den Assad-Verbänden aufgegeben. Worauf sich die Führung in Damaskus einzustellen scheint, das ist ein Abnutzungskrieg, der den Gegner in Schacht hält und irgendwann zermürbt. Das damit bewahrte Patt könnte irgendwann zu einem Konflikt-Stadium führen, das beide Lager zu der Einsicht zwingt, ohne fremde Hilfe nichts gewinnen zu können. Nur was dann? Werden dann doch von außen – mutmaßlich von türkischem Territorium aus – Flugverbotszonen errichtet, um den im Westen schon sicher geglaubten Regime Change in Damaskus durchzusetzen. Und letzten Endes Anleihen beim libyschen Muster zu nehmen? Oder wird dann UN-Vermittler Lakhdar Brahimi größere Chancen haben, mit seiner Idee einer großen internationalen Syrien-Konferenz durchzudringen, die alle an einen Tisch zaubert und einer politischen Lösung den Vorzug gibt?

Die eine oder andere Bresche

Die Zeit muss nicht unbedingt gegen Präsident Assad laufen. Bisher kann er sich noch darauf verlassen, überaus heterogenen Widersachern gegenüber zu stehen. Die Nationale Koalition unter Moas al-Chatib, des ehemaligen (sunnitischen) Imams Umayyaden-Moschee in Damaskus, ist klar ein Geschöpf der Amerikaner. Die Golfstaaten, besonders Saudi-Arabien, haben andere Favoriten im Anti-Assad-Lager. Ganz zu schweigen von der fundamentalistischen Internationale der Gotteskrieger, die aus Irak und dem Jemen nach Syrien eingesickert sind und in diesem Land einen neuen Brückenkopf für den Vormarsch eines radikalen Islam im arabischen Raum gefunden glauben. Gelingt es der syrischen Führung, in diese Front die eine oder Bresche zu schlagen, könnte ihr das neue Spielräume eröffnen.

12:49 07.01.2013
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Lutz Herden

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