Lutz Herden
03.10.2012 | 12:00 10

Die Farbe Rot

Israel/USA Premier Netanjahu lässt kaum Gelegenheiten verstreichen, seine Meinung über den Umgang mit dem Iran kundzutun. Besonders gegenüber der US-Regierung wird er deutlich

Die Farbe Rot

Mit einfachen Hilfsmitteln erläutert Netanjahu vor der UN-Generalversammlung das iranische Atomprogramm

Foto: Mario Tama / Getty Images

Mit einer Bombe und rotem Filzstift auf weißem Papier hat Israels Premier der UN-Vollversammlung zu verstehen gegeben: Wir haben es zehn vor zwölf. Wird der potenziellen Kernwaffen-Macht Iran nicht Einhalt geboten, ist es irgendwann zu spät. Das passte zu den Roten Linien, die Benjamin Netanjahu zuvor für die Iran-Politik der USA gezogen hatte. Als besäße er die Richtlinien-Kompetenz im Weißen Haus und könnte auf einer Gewaltpflicht gegenüber Teheran bestehen. Ein zweifelhaftes Verhalten. Warum tut sich Netanjahu das an?

Schließlich befürwortet der Republikaner Mitt Romney als Präsidentenbewerber einen Militärschlag gegen Iran ohne großes Wenn und Aber. Und Amtsinhaber Barack Obama hat die Formel geprägt, es sind alle Optionen im Spiel, von Verhandlungen über Sanktionen bis zum Krieg. Kaum anzunehmen, dass er plötzlich für einen diplomatischen Ausgleich mit der Islamischen Republik wirbt. Dieser Präsident hat verglichen mit der Bush-Administration lediglich die Rhetorik poliert und auf den Begriff Schurkenstaat verzichtet.

Allen Turbulenzen im Nahen und Mittleren Osten zum Trotz bleiben die USA vorerst in zweierlei Hinsicht berechenbar: In der Feindschaft zum Iran, die es ohne dessen Atomprogramm vermutlich genauso gäbe, und in der Tolerierung der Kompromisslosigkeit Israels gegen-über den Palästinensern. Deren Aussichten auf den eigenen Staat sind heute schlechter als zu Zeiten von George Bush, der 2002 wenigstens eine Road Map zur Zweistaatlichkeit zustande brachte. Obama hingegen blieb schuldig, was er in seiner Kairo-Rede 2009 versprochen hatte: Hilfe für das palästinensische Volk, damit es nicht vergeblich auf seinen Staat hofft. Premier Netanjahu darf eigentlich mit der Obama-Regierung zufrieden sein. Weshalb werden ihr Rote Linien aufgezeigt?

Weder Schwarz noch Weiß

Es könnte der Tag kommen, an dem ein US-Präsident die Belange seines Landes denen Israels voranstellt, weil ihm die politisch-religiösen Erben des Arabischen Frühlings keine Wahl lassen. Momentan kreist die US-Nahostpolitik in einer Warteschleife. Man muss abwarten, was aus dem zu Zeiten Mubaraks so gefälligen Ägypten unter dem Muslim-Bruder Mursi wird. Es lässt sich wenig tun gegen die vom Terror gefütterten, selbstzerstörerische Obsessionen im Irak. Man hat zu erdulden, dass Saudi-Arabien, Ägypten und die Türkei den Iran dabei haben wollen, um als Quartett nach einer Lösung in Syrien zu suchen. Und überhaupt – wie reagieren die Amerikaner, wenn Assads Diktatur einer islamistischen weicht, die einem jüdischen Staat das Existenzrecht bestreitet?

Die arabische Welt lässt sich nicht mehr nach Schwarz und Weiß sortieren. Schon vor den Umbrüchen 2011 war das Raster wenig realitätstauglich – heute ist es anachronistisch. Israel muss das beunruhigen. Durch alte Feindbilder schimmern neue Bedrohungen. In Nordafrika sind US-Botschafter nicht mehr sicher. Wo soll das enden?

In dieser Lage kann der Iran-Konflikt für einen israelischen Regierungschef auch ein Rettungsanker sein, damit die strategische Partnerschaft mit den USA nicht davon treibt. Das geht weit über hoch angereichertes Uran aus den Gaszentrifugen von Natans hinaus. Wenn Netanjahu über Rote Linien redet, sind damit auch die Grenzen Israels gemeint.

Israels Premier Benjamin Netanjahu vor der UN-Vollversammlung

Kommentare (10)

anne mohnen 04.10.2012 | 20:03

Netanjahu mag noch so ein eloquenter Redner sein, sein TV-Auftritte, seine Rede vor der UN-Vollversammlung noch sehr auf Zustimmung seiner Anhänger und auf Provokation seiner Gegner abgestellt gewesen sein. Bibi geht dem Verbündeten USA mächtig auf die Nerven. Da wird sich auch nichts daran ändern, sollte Romney Präsident werden. Für die USA ist eine militärische Auseinandersetzung mit Iran z.Z. undenkbar: strategisch wie auch finanziell!

Innenpolitisch wird Netanjahu immer mehr zu einer Witzblattfigur, vor allem für die Linke. Ami Kaufmann zufolge habe Netanjahu weltweit Menschen so zum Lachen gebracht, dass sich schließlich alle die Bäuche halten müssten. Die Onlinegemeinde von +972 war dann auch sehr kreativ beim Verballhornen von Netanjahus Cartoon.

ebertus 04.10.2012 | 20:54

Einfach als Frage, welche Thema gerade bei wem auf dem "no go" Index steht, wo sich "Deutsche" gefälligst rauszuhalten haben - wie eben bei der Beschneidungsdebatte gelernt. Natürlich ist schon ein notwendiger, manchmal durchaus komischer Spagat, dem beispielsweise die sog. Antideutschen unterworfen sind:

Einerseits voller Support für das "greater Land of Israel" incl. Apartheid, wie bei Ami Kaufman, Carlo Strenger, Peter Beinart und anderen, kritischen Juden beinahe resignierend-fatalistisch nachzulesen, zu empfinden ist.

Andererseits in Mehrzahl Atheisten und Beschneidungsgegner von den medialen Flaggschiffen wie JungleWorld bis hin zu klärgrubigen, anonymen Zweimann-Blogs.

Vielleicht mal bei einem ausgemachten Israel-Hardliner und dennoch wohl Beschneidungsgegner wie Michael Wolffsohn nachzulesen, wie von mir auch auf dem eigenen Blog thematisiert.