Die Farbe Rot

Israel/USA Premier Netanjahu lässt kaum Gelegenheiten verstreichen, seine Meinung über den Umgang mit dem Iran kundzutun. Besonders gegenüber der US-Regierung wird er deutlich
Die Farbe Rot
Mit einfachen Hilfsmitteln erläutert Netanjahu vor der UN-Generalversammlung das iranische Atomprogramm
Foto: Mario Tama / Getty Images

Mit einer Bombe und rotem Filzstift auf weißem Papier hat Israels Premier der UN-Vollversammlung zu verstehen gegeben: Wir haben es zehn vor zwölf. Wird der potenziellen Kernwaffen-Macht Iran nicht Einhalt geboten, ist es irgendwann zu spät. Das passte zu den Roten Linien, die Benjamin Netanjahu zuvor für die Iran-Politik der USA gezogen hatte. Als besäße er die Richtlinien-Kompetenz im Weißen Haus und könnte auf einer Gewaltpflicht gegenüber Teheran bestehen. Ein zweifelhaftes Verhalten. Warum tut sich Netanjahu das an?

Schließlich befürwortet der Republikaner Mitt Romney als Präsidentenbewerber einen Militärschlag gegen Iran ohne großes Wenn und Aber. Und Amtsinhaber Barack Obama hat die Formel geprägt, es sind alle Optionen im Spiel, von Verhandlungen über Sanktionen bis zum Krieg. Kaum anzunehmen, dass er plötzlich für einen diplomatischen Ausgleich mit der Islamischen Republik wirbt. Dieser Präsident hat verglichen mit der Bush-Administration lediglich die Rhetorik poliert und auf den Begriff Schurkenstaat verzichtet.

Allen Turbulenzen im Nahen und Mittleren Osten zum Trotz bleiben die USA vorerst in zweierlei Hinsicht berechenbar: In der Feindschaft zum Iran, die es ohne dessen Atomprogramm vermutlich genauso gäbe, und in der Tolerierung der Kompromisslosigkeit Israels gegen-über den Palästinensern. Deren Aussichten auf den eigenen Staat sind heute schlechter als zu Zeiten von George Bush, der 2002 wenigstens eine Road Map zur Zweistaatlichkeit zustande brachte. Obama hingegen blieb schuldig, was er in seiner Kairo-Rede 2009 versprochen hatte: Hilfe für das palästinensische Volk, damit es nicht vergeblich auf seinen Staat hofft. Premier Netanjahu darf eigentlich mit der Obama-Regierung zufrieden sein. Weshalb werden ihr Rote Linien aufgezeigt?

Weder Schwarz noch Weiß

Es könnte der Tag kommen, an dem ein US-Präsident die Belange seines Landes denen Israels voranstellt, weil ihm die politisch-religiösen Erben des Arabischen Frühlings keine Wahl lassen. Momentan kreist die US-Nahostpolitik in einer Warteschleife. Man muss abwarten, was aus dem zu Zeiten Mubaraks so gefälligen Ägypten unter dem Muslim-Bruder Mursi wird. Es lässt sich wenig tun gegen die vom Terror gefütterten, selbstzerstörerische Obsessionen im Irak. Man hat zu erdulden, dass Saudi-Arabien, Ägypten und die Türkei den Iran dabei haben wollen, um als Quartett nach einer Lösung in Syrien zu suchen. Und überhaupt – wie reagieren die Amerikaner, wenn Assads Diktatur einer islamistischen weicht, die einem jüdischen Staat das Existenzrecht bestreitet?

Die arabische Welt lässt sich nicht mehr nach Schwarz und Weiß sortieren. Schon vor den Umbrüchen 2011 war das Raster wenig realitätstauglich – heute ist es anachronistisch. Israel muss das beunruhigen. Durch alte Feindbilder schimmern neue Bedrohungen. In Nordafrika sind US-Botschafter nicht mehr sicher. Wo soll das enden?

In dieser Lage kann der Iran-Konflikt für einen israelischen Regierungschef auch ein Rettungsanker sein, damit die strategische Partnerschaft mit den USA nicht davon treibt. Das geht weit über hoch angereichertes Uran aus den Gaszentrifugen von Natans hinaus. Wenn Netanjahu über Rote Linien redet, sind damit auch die Grenzen Israels gemeint.

Israels Premier Benjamin Netanjahu vor der UN-Vollversammlung

12:00 03.10.2012
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Lutz Herden

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