Despotie der Freiheit

Zwänge Pazifismus-Debatten wie im Moment werfen die Frage auf, wie sich die Linke verhält, wenn sie Gesellschaften nicht nur reformieren, sondern revolutionieren will
Lutz Herden | Ausgabe 34/2014 74
Despotie der Freiheit
Foto: Michael B. Thomas/ AFP/ Getty Images

Der Vorgang ist dem kollektiven Gedächtnis ein wenig entglitten. Was war das für ein wildes Spektakel vor 25 Jahren, als am 14. Juli 1989 Plebejer und Patrizier die Champs-Élysées herunter tanzten, um die 200. Wiederkehr des Sturms auf die Bastille zu rühmen. Es begleiteten sie die erfrischenden Klänge einer Carmagnole oder die dumpfen Trommeln, die im September 1792 das Revolutionsheer des Generals François Kellermann Tritt fassen und der Kanonade von Valmy entgegenziehen ließen.

Mit Pomp und Pappmaschee erinnerte man sich jener großen Revolution, die den Bürger zum Citoyen erhob, während der Edelmann seinen Hut nahm und sich glücklich schätzte, war ihm der Kopf darunter geblieben. Für diesen 14. Juli 1989 schien die Frage müßig, wie denn die Guillotine dem Werk der Revolution gedient hatte. Als der Kopf Ludwigs XVI. fiel, musste man das als Zivilisationsbruch beklagen, weil sich darin die Willkür einer Diktatur entlud, oder als Zivilisationsschub bejubeln, weil das historisch Überlebte gerichtet war? Revolutionärer Terror galt jakobinischen Führern wie Robespierre und St. Just als unverzichtbar, um Restauration zu verhindern und der Revolution zu dienen. Sie hatten keine Angst, alle Schiffe hinter sich zu verbrennen, egal welche Hassorgie die internationale Reaktion gegen die „Königsmörder“ entfachte. Ihr revolutionär-demokratische Diktatur war umumgänglich, als eine Koalition der feudalen Mächte gegen das revolutionäre Frankreich mobil machte, sie schien sich überlebt zu haben, als der Terror überhand nahm, verderblich wurde und seine Urheber mit dem 9. Thermidor am 27. Juli 1794 selbst auf dem Schafott sterben ließ.   

In seinem Drama Dantons Tod lässt Georg Büchner Robespierre vor Pariser Bürgern ausrufen: „Sie sagen, der Schrecken sei die Waffe einer despotischen Regierung, die unsrige gliche also dem Despotismus. Freilich! aber so, wie das Schwert in den Händen eines Freiheitshelden dem Säbel gleicht, womit der Satellit des Tyrannen bewaffnet ist.“ Wie sollte es auch anders sein? Geschichte hätte sich wie ein alter Gichtonkel durch die Zeiten geschleppt, wäre ihren veränderungswilligen Akteuren der Mut zu konsequenter Tatkraft abhanden gekommen. Das wussten die Cromwells in England wie die Jakobiner, die Bolschewiki in Russland oder die Castro-Rebellen auf Kuba. Es gehört zum tragischen Deutschtum der halben Revolutionen von 1848 und 1918, dass sie die „Despotie der Freiheit“ scheuten und an dem scheiterten, was sie hätten historisch leisten können.

Anders die Antifaschisten, nicht Kommunisten, aus aller Welt, die es als Gebot und Genugtuung empfanden, sich 1936 dem Faschismus in Spanien bewaffnet entgegenzuwerfen, weil es eine Gefahr für die Menschheit zu bannen galt. Ein „gerechter Krieg“ sei das gewesen, hieß es einst in der DDR. Ebenso wie später Afrikas antikoloniale Befreiungskämpfe oder die Abwehr der US-Besatzung in Vietnam. Um es mit Karl Marx zu sagen, materieller Gewalt kann nur begegnet werden mit materieller Gewalt. Manchmal sind Geschichte und Gewalt einander so nahe wie Feuer und Flamme.

Wer heute als Linker glaubt, dies sei überholt, täuscht sich. Wer sagt, ich bin ein Linker, weil ich das sage, der lügt. Zu einer Gesellschaft, die Menschen in Würde leben lässt und nicht in die Tretmühlen abhängiger Arbeit und damit materieller Gewalt schickt, lassen die sich nicht überreden, die viel verlieren, wenn es diese Gesellschaft gibt. Ihre Macht und die Verfügung über materielle Gewalt zuerst. Absoluter Pazifismus oder die Friedfertigkeit von Domestizierten degradieren Linke zu Fetischdienern des Status quo. Aber vielleicht wollen sie das heutzutage.

 

06:00 22.08.2014
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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