Real verliert Ehrengast

Spanien König Juan Carlos hat sich in den Ruhestand verabschiedet und überlässt seinem Sohn Felipe den Thron. Das Land wird daran nicht zerbrechen
Williger Werbeträge: Juan Carlos beim Champions League-Finale in Lissabon
Williger Werbeträge: Juan Carlos beim Champions League-Finale in Lissabon

Foto: Laurence Griffith/ AFP/ Getty Images

Es gab Monarchen, die unter dramatischeren Umständen gehen mussten. Im Weltkriegserinnerungsjahr 2014 wäre der letzte deutsche Kaiser Wilhelm II. zu nennen, der ins niederländische Exil entkam, statt vor einem Kriegsverbrecher-Tribunal zu stehen. Sein Land sah er so wenig wieder wie sein Verbündeter Karl I., nachdem Österreich-Ungarn am 11. November 1918 kapitulieren musste. Die beiden Monarchien zugeschriebene nationale Selbstvergewisserung hatte ausgedient, ihr staatstragendes Mandat erst recht.

Dem Thronverzicht des spanischen Königs Juan Carlos fehlt eine derart historische Aura. Sein Abgang erinnert an die Demission abgewählter oder gescheiterter Regierungschefs. Ein pragmatischer Entschluss ohne Ehrensalut und Reiterei. Sind deshalb aufflammende Debatten über Spaniens Monarchie überflüssig, weil dieselbe ein Schattendasein fristet und kaum der rhetorischen Mühe wert ist, als Anachronismus verklagt zu werden?

Vermutlich würde es dem Land keinen Identitätsverlust bescheren, müsste die parlamentarische Monarchie der parlamentarischen Demokratie weichen. Schließlich wurde das von der Republik 1931 abgestoßene Königtum noch zu Leb- und Herrschaftszeiten des Diktators Franco reaktiviert, auch wenn es sich danach in den Dienst einer demokratisierten Gesellschaft stellte. Dass die gegen franquistische Rückfälle auch dank des Königs immun war, zeigte sich am 23. Februar 1981. Während die Putschisten ein ganzes Parlament als Symbol für die in ihren Augen verhasste Demokratie als Geisel nahmen, beschwor Juan Carlos vor einer Fernsehkamera seine Treue zur Verfassung. Insofern trifft nicht zu, dass zu recht muss gehen, wer ohne Spuren geht.

Nur verspielte das Königshaus leider viel Vertrauen, als die Eurokrise millionenfach soziale Existenzen schröpfte. Zwar beteuerte Juan Carlos, die hohe Jugendarbeitslosigkeit lassen ihn nicht schlafen, doch sah man ihn nie bei den Indignados an Madrids Puerta del Sol, stattdessen bei der Elefantenjagd in Botswana oder bei Gala-Veranstaltungen des spanischen Fußballs wie zuletzt beim Champions League-Finale in Lissabon. Da schien der König als Werbeträger gefragt. Ein Markenzeichen wie Real Madrid, nur eben nicht so erfolgreich wie die "Königlichen". Das einzusehen, hieß Konsequenzen ziehen.

AUSGABE

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 23/14 vom 5.06.2014

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur „Politik“, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen. Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zum Freitag. Dort arbeitete es von 1996 bis 2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

Lutz Herden

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