Pop oder the Power of Love

Musik-Neuerscheinungen Wer sich vom AfD-Vorwurf, Linksgrüne seien notorische Spaßbremsen, nicht beeindrucken lässt, ist die Popmusik. Der Sommer 2023 wartet mit einer hohen Dichte hörenswerter Album-Neuerscheinungen auf. Weiterhin Haupttrend dabei: Retro.

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Keine Pop-Musik ohne Love
Keine Pop-Musik ohne Love

Foto: Isaac Lawrence/AFP via Getty Images

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Sicher – auch Alben-Rezensenten kommen in den aktuellen schweren Zeiten nur schwer umhin, aus den musikalischen Werken von X oder Y irgendeinen tieferen Sinn fürs Große und Gesamte herauszudestillieren. Und wenn schon nicht das: sich wenigstens zum aktuellen Popskandal Nummer eins eindeutig zu positionieren. Aktuell ist festzustellen: Dem (pop)musikalischen Schaffen haben weder die Vorwürfe gegen die Brachialrocker von Rammstein noch die D'Annunzio-reife Reallife-Putschoper made in Russia merklich etwas anhaben können. Die Handwerker und Handwerkerinnen der schönen (oder auch kritischen) Tonfolgen machen wie gehabt ihren Job, oder vermitteln zumindest den Eindruck, dass sie ihrem Metier auf professionelle Weise weiter nachgehen. Lediglich der Rezensent ist da etwas eigen und wünscht sich, rein politisch gesehen, dass sich etwa ein Dietmar Bartsch – am besten im Namen seiner Partei – stärker als bisher zu vernehmen gerade macht für das Menschenrecht auf Spaß im Leben.

Es müssen ja nicht gleich Rosen, der Weltfriede und die allumfassende Liebe sein. Aber ein bisschen mehr davon – am besten von allen dreien – wäre in diesen Zeiten schon nicht schlecht. So in etwa könnte man auch die Message der Neuerscheinungen von Jessie Ware, Alison Goldfrapp, Peter Fox, Herbert Gröenemeyer, Element of Crime, Fatoni und Erobique auf den Punkt bringen. Vier der sieben Aufgeführten sind gestandene Boliden ihres Fachs. Bei den verbliebenen dreien handelt es sich um Newcomer(innen) oder aber die Spezies ewige Independents und Nischen-Bediener. Generaltrend bei allen sieben: Retro. Was alles andere als etwas Ungewöhnliches ist – ist doch das freie Sich-Bedienen aus der popmusikalischen Stil-Backlist schon seit Jahren der popmusikalische Haupttrend schlechthin.

Im Detail fällt der Blick zurück auf frühere Popmusik-Epochen stark unterschiedlich aus. Die Britin Jessie Ware legte im April mit That! Feels Good! ihr mittlerweile fünftes Studioalbum vor. Der Titel ist durchaus programmatisch zu verstehen. Der Slogan ist ein Holzhammer-Verweis auf die guten, alten Zeiten der Disco-Ära. Auch stimmlich macht Jessie Ware einschlägigen Vorbildern wie Donna Summer oder Sade alle Ehre. Funky aufgemischter und auch sonst mit allen RnB-Finessen versehener Blue-Eyed Soul legen den roten Faden für die insgesamt zehn Songs. Die Clips zum Album – etwa zu Begin Again (siehe oben) oder Pearls – sind choreografisch oppulent in Szene gesetzt. Fazit: eindeutig ein Fall für die Duffy-und-Adele-Schiene – wobei auch vergangene Veröffentlichungen dieser bislang noch ihrer großen Entdeckung harrenden Künstlerin eine sichere Bank sind für gepflegte Zeitreisen in die Goldenen Siebziger – inklusive Anklänge an eine weitere Sängerin dieser Epoche, Chi Coltrane.

Während Jessie Ware sich in ihrer neuen Veröffentlichung die Ära von Saturday Night Fever vorgeknöpft hat, ist eine andere Bolidin des Britpop in der von House, Rave und frühem Techno gelandet: Alison Goldfrapp, die bessere Hälfte des vor allem durch den Glamrock-Hit Ooh La La im Gehör gebliebenen Electropop-Duos Goldfrapp. Farbenfroh-psychedelisch geht es entsprechend auch in den Clips zu The Love Intention zur Sache. Die Message ist ähnlich wie die bei der Kollegin: Love Bombing und gute Laune als Rezepte, den Widrigkeiten der Welt Paroli zu bieten – notfalls getreu der alten Gelassenheits-Erkenntnis: »Wenn der Tag nicht dein Freund war, war er eben dein Lehrer«. In der Summe hört sich The Love Intention so an, als wäre Nina Hagen kamillenteegestärkt im Aufnahmestudio erschienen in der Absicht, eine komplett entspannte Produktion auf die Beine zu stellen. Sicher sind Nina und Alison zwei musikalisch verschiedene Planeten (vor allem stimmlich). Alison Goldfrapp groovt und pulsiert sich durch Songs wie Love Intention und Neverstop, dass man gedanklich den Moment antizipiert, an dem auch Techno-Altstar Marusha wieder aus der Versenkung hervortritt. In einem Satz: Love – United!

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Die Liebe und das Leben in all ihren Facetten sind auch das Thema der drei herausragenden Deutschrock-Veröffentlichungen in diesem Sommer. Was kaum überraschen dürfte: Peter Fox, Herbert Grönemeyer und Element of Crime werden dieser Herausforderung auf unterschiedliche Weise gerecht. Sicherlich mit zu Buche schlagen dabei auch generationelle Faktoren. Seeed-Frontmann Peter Fox (Jahrgang 1971) ist dabei derjenige, der am ehesten noch dem Faktor Hipness Rechnung zu tragen hat. Ebenfalls zu berücksichtigen ist das Genre, in dem sich Fox seine musikalischen Meriten erworben hat: Urban, Dancehall, deutscher Reggae und Hip Hop. Dass Love Songs trotzdem mehr nach deutschsprachigem Pop klingt als nach handelsüblichen Reimen, war musikalisch-biografisch zu erwarten. Musikalisch gibt es an dem Album nichts auszusetzen. Die Texte indess müssen sacken – nichts Ungewöhnliches für Anspruchsproduktionen, welche die Pole »hip sein« und »einen Sinn im Leben finden« stetig in einen sinnergebenden Bezug zueinander zu setzen haben. Ein Highlight der Platte: das Stück Weiße Fahnen – wobei der auf dem Berliner Teufelsberg aufgenommene Clip (siehe oben) explizit mit dem Hinweis versehen ist, die Titelwahl sei NICHT als Kommentar zum Ukraine-Krieg zu verstehen.

Es müssen nicht gleich handfeste Skandale sein: Dass die Fettnäpfe auch für unbedenkliche Künstler derzeit dicht beieinander stehen, zeigte die Auseinandersetzung um Fox’ Stück Zukunft Pink. Der Vorwurf, der Sänger habe die Adaption einer speziellen Variante von südafrikanischem House nicht genügend kenntlich gemacht und somit kulturelle Aneignung betrieben, gelangte schließlich auch in ein Feature des ARD-Kulturmagazins ttt. Einen Kritik-ungefährdeten Stand, zumindest derzeit, hat diesbezüglich wohl Deutschrock-Altstar Herbert Gröenemeyer. Ebenso wie Peter Fox ist auch Grönemeyer im Metier Sinngebung unterwegs. Zwar muß der Männerversteher aus Bochum nicht mehr »hip« auf »Kick« reimen – »Herz« auf »Schmerz« allerdings ebenso wenig. Darüber hinaus ist Grönemeyer der wohl letzte Epigone sozialdemokratischer Kultur – vermutlich der Einzige, der (und das ist an der Stelle völlig unironisch gemeint) mit dem Steigerlied auf authentische Weise ein Massenpublikum in Begeisterung versetzen kann.

Musikalisch gilt für Herbert Grönemeyer, was auch für seinen groovenden Berliner Kollegen gilt: die Texte müssen erst einmal sacken. Anders gesagt: Wer darin nach tieferem Sinn sucht, wird sie zu dechiffrieren versuchen; wer nicht, wird sich mit den Slogans und der transportierten Stimmung zufrieden geben. Dem Vergnügen tut das bei beiden keinen Abbruch. Das ist los offeriert gepflegten Schmerz an der Welt – komplettiert mit der altersweisen Einsicht, dass die großen Dinge auch weiterhin dicke Bretter der Sorte bleiben, an denen die Komponente Mensch in aller Regel scheitert. Ansonsten gilt für den Deutschrock-Crooner dasselbe wie für Peter Fox: Sowohl musikalisch als auch im Hinblick auf die Musikclip-Inszenierung waltet die – im konkreten Fall mit obligatorischem 80er-Synthiebeat unterlegte – Liebe zum Detail. Anspieltipps: Angstfrei und Herzhaft.

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Mehr als brachial in Szene gesetzten Weltekel zelebrieren auch die dritten im sommerlichen Deutschrock-Bundle, Element of Crime. Routiniers in Sachen Welt- wie Befindlichkeitsbeschreibung sind sie ebenso wie Fox und Grönemeyer – nur eben etwas anders. Stilistisch nehmen sie zwischen der Hipness des Berliner Urbanstyle-Athleten und den über den Dingen angelangten Weltbetrachtungen des Bochumer Altrockers eine Art Mittelposition ein. Chansonesk geprägter Schrammelrock bildet letztlich auch bei Morgens um vier den musikalisch roten Faden. Die stetig wiederkehrende Überraschung bei Element of Crime ist, dass sie ihre Melange aus Wohnzimmerrock und ambitionierten Texten auch beim nunmehr fünfzehnten Album ohne sichtbare Qualitätseinbußen durchziehen. Sicher ein Geschmacksurteil: Verglichen mit dem 2018er-Vorgänger Schafe, Monster und Mäuse klingt Morgens um vier noch ein stückweit fokussierter. Anspieltipps: die beiden Opener-Titel Unscharf mit Katze und Ohne Liebe geht es auch – im Clip oben zu sehen mit Schauspieleinlage von Charly Hübner und Lina Beckmann.

Gegen so viel Sinngebung hat es der Nachwuchs schwer. Vor allem, wenn er den erwarteten Klischees nicht Tribut zollt und (als Rapper) zeigt, was für ein harter Hund er ist, oder (als Indierocker), wie viel Grütze sich hinter der gitarreschwingenden Denkerstirn verbirgt. Ad eins: Fatoni, Rapper und Schauspieler aus München, ist weder Ghettokind noch hegt er ersichtliche Ambitionen, den Laden auf politische Weise aufzumischen. Am ehesten erinnert Wunderbare Welt an die Kameralinsen-fokussierte Blickwarte eines Quentin Tarantino – und das nicht nur deswegen, weil Fatoni im Clip zum Titelstück den Dude gibt, und in Aufnahmeschnipseln von Pulp Fiction Schulter an Schulter mit John Travolta aka Vincent Vega poussiert. Ist das noch L'art pour l'art, oder steckt da ein tieferer Sinn dahinter? Die Hörer – wie divers oder un-divers auch immer – sind aufgefordert, sich darauf selbst einen Reim zu machen. Musikalisch groovt Wunderbare Welt ein entspanntes Stück weit weg von der muskelbepackten Schwere üblichen deutschen Gangsta-Raps. Highlight: die zwischen Adriano Celentano und Schlager oszillierende Nummer Du wartest, oder das mit Danger Dan aufgenommene und bereits aufgrund der Titelaussage Aufmerksamkeit erregende Stück Danke dass du mich verlassen hast.

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Ein Unikum selbst für Indierock-Verhältnisse sind – beziehungsweise: ist – Erobique aus Hamburg. Am ehesten lässt sich das Projekt in die Sorte Kleinclub-Kultur einsortieren, für die in Hamburg einst der Pudel Club stand und musikalisch Epigonen wie etwa Die Goldenen Zitronen, Jacques Palminger oder, in Berlin, Stereo Total – die Band der vorletztes Jahr verstorbenen Frontfrau, Alleskönnerin und Minimalpop-Spezialistin Françoise Cactus. Differenziert man die Clubkultur Marke Hamburger Schule weiter aus in einen grob noch rockverhafteten Part und einen, für den das Mischpult Haupt-Arbeitswerkzeug ist, zählt Erobique zweifelsohne zu den letzteren. Grundsätzlich gilt: Mit einem Faible für die-Dinge-nicht-allzu-ernst-nehmen lässt sich No. 2 sicherlich beschwingter hören als mit der Anspruchs-Latte in der musikalischen Aktentasche. Alleinstellungsmerkmal des Fernsehmusik-Komponisten, Musikers und Entertainers Carsten »Erobique« Meyer sind vor allem die remixeten Sounds und Sound-Splits vergangener Epochen. Neben Techno-affiner Partykultur zelebrieren Stücke wie Salut Les Copines! und Aquamarina (siehe Clip oben) vor allem lustvolles Adaptieren von Musikstilen aus der großen weiten und mit Sounds vollgepackten Kiste der Popmusik.

Fazit: sieben mal Retro letzten Endes. Wobei verstärkend hinzukommt, dass die Langgedienten der Branche ständig in der Versuchung sind, sich selbst zu zitieren, und so – ob gewollt oder ungewollt –quasi Retro in eigener Sache betreiben. Auffällig ist ansonsten die explizite Bezugnahme auf das Thema Liebe – verstanden in einem weniger trivialen als vielmehr umfassenden Sinn. Ein Gegenkonzept zu den aktuell obwaltenden Turbulenzen rund um den Globus? Sicher – vielleicht eine Überinterpretation. Andererseits jedoch ein Aspekt, der in Anbetracht der gegenwärtigen Verwerfungen einiges an Potenzial hat, sich auch auf politische Weise Ausdruck zu verschaffen.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Richard Zietz

Linksorientierter Schreiber mit Faible für Popkultur. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.

Richard Zietz