Angela, die Revolutionärin

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Gestern saß ich eine Weile vor dem Schloss in Niederschönhausen in der abendlichen Sonne. Vor mir die renovierte rosa Fassade, im Rücken das milde Licht. Ein schöner Ort und eine prima Tageszeit über Macht nachzudenken über Niedergänge und auch über Merkel, aus aktuellem Anlass.

Merkel - auf der einen Seite weckt sie die - mich persönlich nachhaltig erheiternde - Assoziation einer grausamen Sphinx und auf der anderen Seite die einer märkischen Mutti. Und ich denke mir, die Frau gibts eigentlich gar nicht. Sie scheint eine Projektion zu sein.

Ich behaupte: Merkel ist eigentlich eine Revolutionärin, nur niemand sieht es und sie wird deshalb auch mal schlimm enden. Ich hoffe, nicht so schlimm, wie Olympe de Gouges, weil sie - wir sind modern - nicht auf eine Barrikade steigt. Die Medien finden andere Mittel eines Tages, sie aus dem Wege zu bringen.

Merkel bringt Politik aufs Wesentliche. Sie entkleidet Politik all des Brimboriums, das auch "Faszination der Macht" genannt wird und das die Menschen für das Ganze nehmen. Männer in der politischen Verantwortung tun ja immer so, als seien diese formalen Machtrituale das Wesentliche.

Wenn Merkel Brimborium macht wirkt es sofort als das, was es ist, nämlich lächerlich. Stellen Sie sich bloß mal vor, sie stünde mit Sarkozy Hand in Hand auf den Schlachtfeldern des ersten Weltkrieges. Die Leute würden sich doch auf die Schenkel klopfen. Sowas können nur Männer inszenieren. Auch Kniefälle gehen nur bei Männern.

All das, was ein bisschen transzendent ist, was nach Häuptlingsrauch schmeckt oder nach dem Schweiß der Alphatiere riecht, das geht bei ihr nicht. Erinnern Sie sich? Einmal als sie - in einem luftunfreundlichen Kleid - die Arme hob, sah man den Riesenschweißfleck. Gott war das peinlich. Ein schwitzender Mann hingegen überhaupt nicht.

Was macht sie da die Merkel mit unserer schönen Politik, was macht sie? Sie hebt die Arme an der falschen Stelle, hat halt kein Talent für große Gesten, zeigt nur die Konformität, das Machbare, die Grenzen. Gut, die gabs vorher auch schon, aber sie konnten - im Schatten des Brimboriums - besser versteckt werden. Merkel zeigt immer, wo der Spaß aufhört. Und das ist nicht schön von ihr.

Wenn man so an Kohl denkt: Er und Gorbatschow in diesen groben Strickjacken. So grob gestrickt wie die Deutsche Einheit, bei der man keine der Zwei+Vier Maschen fallen lassen durfte. Wie sah das trotz allem weltmännisch aus. Eine Frau in Strickjacke ist eine Frau in Strickjacke - gar nichts eben. Unwesentlich.

Oder Gerhard Schröder: "Und grüßen Sie Ihre Familien" sprach er zu den Arbeitern des Philipp-Holzmann Konzerns. Gerhard der Retter war da und nicht lange danach war es der Insolvenzverwalter. Aber es waren eben große Gesten. Es hatte etwas, das keine Mutti mit ihrem Küchenkabinett vermitteln kann.

Sie hat kein Charisma, die Angela. Nee, hat sie nicht. Sie entzieht den Leuten die Möglichkeit, sich Macht groß vorzustellen, sie macht sie klein und schon schreien die Leute: Machtmissbrauch. Sie spricht ja nicht mal ein Machtwort. Sie ist machtverliebt, sagen ihre Kritiker. Aber wohinein soll sie denn verliebt sein? In ein schwindendes Phänomen? Die Macht in der Politik ist ja auch nichts mehr. Sie ist längst auf dem Marktplatz gelandet. Reines Kalkül.

Und das ist das Revolutionäre an Merkel, dass sie - in aller Nüchternheit - das alles zeigt und dafür werden sie sie eines Tages hinhängen. Ich schwöre. Neben Schröder im Reichstag.

10:50 23.07.2010
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Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

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