Daniil Granin (1919-2017)

Ein Autor meiner Jugend Daniil Granin gehört zu den Autoren, die in der DDR immer mit wirklicher Begeisterung gelesen wurden.
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Daniil Granin (1919-2017)
Daniil Granin – einer der letzten sowjetisch-russischen Zeugen der Zeit
Gipfelstürmer und Stadtbewohner

Daniil Granin – in der Volksbibliothek meiner Kindheit und Jugend stand er kurz hinter den Erinnerungen des deutschen Schauspielers Alexander Granach ("Da geht ein Mensch" ).

Von Granin habe ich damals "Dem Gewitter entgegen" gelesen. Ein Roman um den Kampf der Metereologen für den wissenschaftlichen Fortschritt . Ich fand das Buch spannend erzählt, weil die Menschen, die da forschten und kämpften, lebensnah beschrieben waren, weil ihr Alltag und ihre Konflikte miterzählt wurden und nicht nur ihre Heldentaten. Das Buch erschien 1956. Schon 1954 hatte er mit "Bahnbrecher" literarisch Verkrustungen aufgebrochen. Stalin war ein Jahr tot.

Granins wichtiges Thema als Kriegsteilnehmer waren der Krieg und seine Grausamkeit. Er selbst kämpfte als Infanterist.

Gemeinsam mit Ales Adamowitsch gab er das "Blockadebuch" heraus, in dem das Schicksal von Menschen im belagerten Leningrad aufgezeichnet ist mit allen schrecklichen Details, von denen einige auch erst nach 1989 gedruckt werden durften.

Über die Blockade sprach er auch in einer Rede vor dem deutschen Bundestag 2014.

https://www.bundestag.de/parlament/geschichte/gastredner/rede_granin/261326

Das ist eine bewegende und teils schockierende Lektüre, wenn Granin das alltägliche Leben in dieser von Hunger, Kälte und dem Grauen heimgesuchten belagerten Stadt schildert.

Daraus ein entsetzliches Detail: Wie wollte man dem Hunger entgehen? Er griff sich seine Opfer in den Häusern, auf der Arbeit, in den eigenen vier Wänden der Menschen inmitten von Töpfen, Pfannen und Möbelstücken. Unvorstellbares diente als Nahrung. Man kratzte den Leim von den Tapeten und kochte Ledergürtel. Die Chemiker in den Instituten destillierten Firnis. Man aß Katzen und Hunde. Und dann kam der Kannibalismus…

Ein Kind stirbt, gerade mal drei Jahre alt. Die Mutter legt den Leichnam in das Doppelfenster und schneidet jeden Tag ein Stückchen von ihm ab, um ihr zweites Kind, eine Tochter, zu ernähren. Und sie hat sie durchgebracht. Ich habe mit dieser Mutter und ihrer Tochter gesprochen. Die Tochter kannte die Einzelheiten nicht. Aber die Mutter wusste alles. Sie hat sich selbst gezwungen, nicht zu sterben und nicht wahnsinnig zu werden, weil sie ihre Tochter retten musste. Und gerettet hat.

Danil Granin - mit ihm ist einer der letzten sowjetisch-russischen Zeugen der Zeit gegangen. Juri Trifonow , Boris Polewoi, Jewegenij Jewtuschenko, die "alte Garde" verschwindet.

Wenn es solche Nachrufe gibt, denke ich an meine Jugendjahre. Die sowjetische Literatur rang immer um Wahrhaftigkeit und musste dabei ständig zwischen dem Dienst an der Partei und einer erstarrten Obrigkeit und dem Dienst am wirklichen Leben mit seinen Konflikten balancieren. Darum hatte die sowjetische Literatur auch immer Ermutigendes trotz der Begrenzungen, die dieses Riesenland seinen Menschen aufererlegte.

22:27 06.07.2017
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Geschrieben von

Magda

Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die normalen gebracht haben. (George B. Shaw)
Magda

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