Korrekt aber ohne Anteilnahme*

Fremdenfeindlichkeit Dieser Beitrag erschien schon einmal anderswo. Über ihn haben wir viel diskutiert und ich hatte mit dem Vorwurf zu tun, ich sei fremdenfeindlich und bediene Klischees.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Fremdheit auf dem

Alexanderplatz

Die erste Erfahrung der Fremdheit machte ich auf dem Alexanderplatz. Schon kurz nach der Wende war dieses bis zur Verödung aufgeräumte und übersichtliche Zentrum der „sozialistischen Hauptstadt“ von Menschen bevölkert, die mir fremd waren. Und nicht nur das. Sie alle schienen mit diesem Platz nach kurzer Zeit vertrauter zu sein, als ich selbst es jemals gewesen war. Sie benutzten ihn und erfüllten ihn mit einem Leben und Treiben, das bis dahin nur zu ganz wenigen Anlässen dort geherrscht hatte. Sie hatten dafür auch keine Erlaubnisse eingeholt, wie es in der DDR üblich war, sie setzten voraus, daß Handel und Schaustellung dort jetzt erlaubt ist, wie überall sonst auf der Welt.

"Das ist nicht mehr die Stadt, das ist nicht mehr der Platz, den ich zwar gelangweilt, aber dennoch in heimatlicher Verbundenheit als zu meinem Alltag gehörend, erkenne, ab jetzt beginnt etwas Anderes, Neues, nicht nur auf dem Alexanderplatz, sondern überhaupt in unserem Leben", so empfand ich.

Fremde in einer

fremden Welt?

Die ersten Ausflüge durch die geöffnete Mauer in den Westteil der Stadt begannen: zum Beispiel nach Berlin-Kreuzberg. oder Berlin-Wedding. Ich erinnerte mich an Beobachtungen wie der folgenden: Ein junger Türke/Berliner drängt sich vor einem älteren Berliner in eine Ladentür. Der ältere beschimpft den Jungen, wütend, haßerfüllt, der Junge lacht herausfordernd zurück, wütende Blicke kreuzen sich... Durch ein Warenhaus drängen sich türkische Frauen, sie achten nicht auf Entgegenkommende, sind nur aufeinander fixiert, alle anderen Kunden in diesem Geschäft existieren für sie einfach nicht. Sie schotten sich ab in einer Welt, die ihnen ebenso fremd ist, wie mir. Ich sah nur die Szenen, die mir bestätigten, wie fremd ich bin, wie fremd mir andere sind.

Konflikte der kleinen Art, wie ich sie beobachtete, wurden umrahmt von den Wellen des Ausländerhasses, die durch ganz Deutschland gingen, kakophone Begleitung einer kurzfristigen, nicht als real empfundenen Einheitsharmonie, vielleicht auch Vorboten erster Ängste und Enttäuschungen. Natürlich wollte ich tolerant sein. Ich wollte dem Bild der alles verstehenden, weltbürgerlichen Person, wie ich sie aus toleranten, gut gemeinten Büchern und Filmen entnommen hatte, entsprechen.

Viel Theorie

die mir nicht „half“

In der Folgezeit las ich darum viel nach. Ich wollte auch theoretisch über das Phänomen, das sich überall in meinem Umfeld zeigte, Bescheid wissen. Ich stellte fest, dass sich für alle Erscheinungen von Rassismus und Fremdenhaß theoretische Erklärungen finden lassen, dass dies aber im normalen Alltag nichts nützt, weil man mit Verallgemeinerungen im Kopf, seien es rassistische, seien es theoretische oder antirassistische, nur die Klischees auswechselt, nicht aber zu Kommunikation mit konkreten Menschen kommt. Wenn zum Beispiel eine zutiefst deutsche und darum zutiefst pessimistische Person wie die Sozialwissenschaftlerin Birgit Rommelspacher über die Tatsache meditiert, dass alles Fremde zum Beispiel schmerzlich an nicht gelebte Möglichkeiten erinnert, die eigene Selbstgerechtigkeit in Frage stelle und damit eine narzisstische Kränkung sei, dann ist das eine Verallgemeinerung, die niemandem etwas nützt, sondern nur einen neuen theoretischen Stolperstein aufrichtet, von dem niemand weiß, ob es ihn wirklich gibt.

Der urdeutsche Hang

zum ganz Ordentlichen

Und überhaupt: dieser urdeutsche Hang, alles ganz gründlich zu tun, sei es im Guten, sei es im Bösen, bis hin zum Monströsen. Auch an mir konnte ich ihn entdecken. Gleichzeitig entdeckte ich in links-progressiven Kreisen, oder solchen, die sich dafür halten, einen Hang zum Tabuisieren von Problemen. Und es stellte sich heraus, dass es Sprachregelungen gab zu MigrantInnenfragen, die es ermöglichten, Dinge zwar zu benennen, aber dennoch zu verschweigen. Das erinnert an die Methoden der Öffentlichkeitspolitik in der ehemaligen DDR und vollzieht sich unabhängig von politischen Auffassungen in allen Medien. So war es unmöglich, dass Leute über ihre Ängste, zum Beispiel vor Unbekanntem, Fremdem, sprachen. Das ist aber wichtig, auch wenn diese Ängste irrational zu sein scheinen, sie müssen besprochen werden

Und, alle waren bereit, den Rassismus bei anderen zu entdecken, nur nicht bei sich selbst .

Auch die Ostdeutschen

gelten als Fremde**

Überhaupt litt der Ostdeutschen Möglichkeit, sich gründlich über den Umgang mit Fremden Gedanken zu machen an der Tatsache, daß sie selbst Gegenstand einer Art deutsch-deutscher „Fremdelei“ wurden. Bücher über sie, von westdeutschen Autoren, angefüllt mit himmelschreienden Klischees, stempelten sie zu provinziellen, kleingeistigen, obrigkeitshörigen Kreaturen ab. In diesem Umfeld gedeiht kein ruhiger Dialog. Im Gegenzug sahen sich die Ostdeutschen selbst als Opfer einer „Kolonialmacht“, und sich in diesem Opferstatus einrichtend, wollten sie ihn nicht mit anderen Benachteiligten in diesem Land teilen. Mehr und mehr lernte ich ausländische Frauen kennen und konnte erfahren, daß es "die Ausländerin" eben nicht gab. Aber einige von ihnen beklagten den Hang ihrer vor allem westdeutschen Schwestern, ihnen zu erklären, worin feministische Positionen heute zu bestehen haben, was Frauenpolitik zu enthalten hat und wie sehr sie, die Migrantinnen, an traditionellen alten Zöpfen hängen. In diesen ähnlichen Erfahrungen trafen wir uns, aber es führte nicht automatisch zu mehr Nähe. „Ausländische“ Frauen, die ich in Projekt-Zusammenhängen traf, waren kämpferisch, offensiv und zielbewußt. Sie verbaten sich jede Art von betreuerischer und damit vereinnahmender Attitüde, zu der wir im Osten doch sehr neigen. Eher konnten sie uns erklären, wie und wo es langgeht.

Die Situation brachte es mit sich, daß wir in unserem damaligen Projekt mit Frauen aus fernen Ländern zu tun bekamen. Und hier stellte sich heraus, daß es überhaupt kein Rezept für den Umgang miteinander gibt. Es ist wahr, daß die Begegnung mit dem Fremden immer zur Auseinandersetzung mit sich selbst zwingt, wie es klug in soziologischen-psychologischen Werken steht. Aber das gilt für die Begegnung mit jedem anderen Menschen, gleich welcher Nationalität er oder sie angehört. Immer wieder habe ich dennoch das Gefühl, daß die Freundlichkeit gegenüber MigrantInnen zu einer aus der Vergangenheit hergeleiteten Pflichtübung wird, dass wir hier bloß ja nichts mehr falsch machen wollen und darum alles verkehrt wird. Das ist die eine Seite oder Strömung in der Gesellschaft. Die andere, schlimme Strömung identifiziert sich selbst über den Haß auf alles Fremde, ideologisiert ihre eigene Unsicherheit und schafft eine Atmosphäre brutaler Ablehnung und Drohung.

Die Realität ist von gegenseitigen Erwartungen geprägt, die immer wieder auch gegenseitig, von den Einheimischen und denen, die zu uns gereist, gekommen, geflüchtet sind. enttäuscht werden.

Viele von ihnen tragen die Probleme der Welt mitten hinein in unser Land. Das weckt Betroffenheit, aber auch Furcht in den Menschen. Gelegentlich entsteht daraus auch der Wunsch, die Augen zu verschließen oder sich jene weg zu wünschen, deren Anwesenheit uns klarmacht, daß wir in einer Welt leben, die voller Konflikte, Ungerechtigkeit und schwelender Gewalt steckt. Das ist nicht gerade heldenhaft, aber menschlich.

Toleranz ist ein

guter Anfang

Das Wort Toleranz halte ich dennoch in Ehren, auch wenn es von vielen anderen als zu passiv und nicht kämpferisch genug angeschwärzt wird. Für mich ist es kein Synonym für Gleichgültigkeit, sondern eine reale Einschätzung der eigenen Fähigkeiten. Es bedeutet, sich einzusetzen für Gesetze, die Ausländer nicht diskriminieren, für einen höflichen und unaggressiven Umgang miteinander. Es bedeutet aber auch die Einsicht in die Tatsache, daß sich Multikulturalität nicht per Akklamation und Anordnung erzwingen läßt. Sie entsteht über lange Zeiträume und immer wieder nur durch ein auch politisch gefördertes Klima gegenseitiger, freundlicher Duldung. Es bedeutet auch die Fähigkeit, Mißverständnisse in Kauf zu nehmen und die Fremden, Anderen vor allem als Individuum ernst zu nehmen und nicht als Repräsentanten einer fremden anderen Kultur allein zu sehen. Es bedeutet, zu erkennen, daß auch die eigene Anpassungsfähigkeit Grenzen hat, nicht nur die der Fremden. Überhaupt wird zuviel Salbungsvolles geredet über dieses Problem und zu wenig Konkretes.

Mehr Realismus und das Bekennen zu eigenen Gefühlen der Irritation und der Unsicherheit im Umgang mit Fremden, Ausländerinnen, Asylbewerberinnen, Flüchtlingen wäre besser.

Nur so entsteht ein Miteinander, das aus dem Herzen kommt und nicht aus dem Willen, mit der Vernunft alles politisch ganz korrekt zu machen.

Der Beitrag ist ein bisschen „leitartikelig“. Die gegenwärtigen Debatten zeigen aber deutlich, dass nichts so verheerend ist, wie das Verschweigen von Problemen und damit meine ich nicht Sarrazins „Das wird man doch noch sagen dürfen“. Er ist auch ziemlich lang und breit, aber ich lasse ihn mal so stehen.

* Inzwischen gab es einen interessanten Beitrag zum Thema „Politische Korrektheit“ https://www.freitag.de/autoren/mdell/schiessen-sie-nicht-auf-den-pappkameraden

Ich benutze den Begriff "korrekt" trotzdem, weil ich nicht „nachbessern“ will.

** Gertrud Höhler nennt ja in ihrem Buch Angela Merkel die „Fremde aus Anderland“.

17:05 04.11.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die normalen gebracht haben.(George B. Shaw)
Magda

Kommentare 76

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