Sarrazineskes Schenkelklopfen

Sprache Jemandem einen Namen zu geben, ihn zu benennen, das vermittelt ein Schöpfergefühl, so scheint es.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

"... ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!" , heißt es bei Jesaja

Vielleicht hat die Aufregung um die Frage, ob eine bestimmte Bezeichnung rassistisch ist, damit zu tun.

Aber, wie oft haben wir schon erfahren: „Namen sind Schall und Rauch“. Worte sind einem Bedeutungswandel unterlegen. Entweder stimmt der Teil nicht mehr, der einfach nur eine Bezeichnung meint, also die Referenz oder es ändert sich das Umfeld des Wortes und es ändert seinen Sinn. So etwas ist mit dem Wort „geil“ z. B. passiert. Kaum jemand, es sei denn im Scherz, würde heute von sich sagen „Hach, bin ich geil“, weil jeder weiß, dass heute damit Erlebnisse, Produkte oder so bezeichnet werden, aber nicht mehr der eigene Zustand. Früher war das anders.

Viele, viele Bezeichnungen haben sich geändert. Das stört niemanden, wenn es als Konsens angesehen wird. Manchmal ist es auch nur Manipulation, der mit dem neuen Sprachgebrauch nachgegeben wird (zu Deutsch, dass man was nachquatscht).

Beispiel: Alle benutzen andauernd die Wendung, dass man „etwas nicht nachvollziehen“ könne, obwohl das auch nur heißt, dass man was nicht verstünde, alle sagen „das macht Sinn“, obwohl es früher mal „das hat keinen Sinn“ hieß.

Wenn man sich aber beim Sprachwandel oder bei der Verdammung von bisher vertrauten Bezeichnungen nicht „mitgenommen“ oder "enteignet" fühlt aus welchen Gründen auch immer, dann entstehen plötzlich Konflikte. Wenn Menschen erklären: Nein, wir wollen nicht (mehr) so benannt werden, dann hakt es auf einmal. Wenn Behinderte sagen würden (einige tun das auch), sie wollten eigentlich nicht „behindert“ benannt werden, dann entstünde eine ganz vernünftige Debatte. Denn die scheinen schwächer, da ist Rücksicht geboten. Wenn aber Menschen, die in irgendeiner Weise als nicht „befugt“ betrachtet werden, solche Einwände machen, dann wird das eine ziemlich biestige Debatte. Die wollen sich unserer Sprachgewohnheit bemächtigen, so scheint es. Und dann gibt’s die pc-Vorwürfe und man behauptet was von „Sprachpolizei“ und "Zensur".

Wie schon angemerkt: Sprache ändert sich, Bedeutungen ändern sich. Und manchmal sehnen sich Menschen nach der Sprache ihrer Vergangenheit oder der Kindheit zurück. Anders könne man, so der Germanist Hans Heino Ewers, nicht verstehen, dass ein solcher Furor ausbricht nur weil einige Worte in Kinderbüchern geändert wurden.

“Die Heftigkeit der Reaktionen legt den Verdacht nahe, dass sich hier eine Generation berührt fühlte, die mit der Literatur eines Otfried Preußler, eines Michael Ende oder einer Astrid Lindgren groß geworden ist und deshalb die vorgenommenen Änderungen als Angriff auf die eigene Kindheit empfinden musste“, meint er und merkt ironisch an, es sei schon merkwürdig, dass die Literaturwissenschaftler sich plötzlich intensiv mit den Kinderbüchern befassen, was sonst selten vorkomme.

Wenn Sprache sich nicht änderte, wenn es nicht möglich wäre, eine Bedeutung zu wandeln, dann ginge das Denken auch nicht mehr voran, scheint mir. Solch ein Wandel ist nicht immer logisch, weil die Menschen nicht immer logisch handeln und denken.

Der Geograph und Journalist Jürgen Schönstein hat in seinem sehr schönen Blogbeitrag dazu allerlei zusammengetragen und zusammengefasst. Er geht dabei auch noch einmal der Entwicklung dem ständigen Bedeutungswandel des Begriffes „Negro“ nach – einschließlich der Verwendung in Martin Luther Kings berühmter Rede – und meint:

  1. Benennen ist Ausübung – oder zumindest symbolischer Ausdruck – von Macht und nicht selten von Aneignung. Man braucht nur einen Atlas der Kolonialzeit aufzuschlagen …
  2. Die Begriffe, mit denen die einstigen Sklaven und ihre Nachkommen im Laufe der Geschichte bezeichnet wurden, unterliegen einem ständigen Wandel.

„Entscheidend sei, so Schönstein, wie der Begriff von den Angesprochenen aufgefasst wird. Und darüber könne nun mal lediglich der (oder die? – M.) Angesprochene befinden. Dabei spiele es absolut keine Rolle, ob der Begriff überhaupt rassistisch gemeint sei oder nicht, oder ob er „nur” historisch inkorrekt, sozial inadäquat oder vielleicht sogar nur ästhetisch unbefriedigend sei.

Ja, es ist Rassismus, in der Sarrazinschen Form, wenn „man doch noch N. sagen dürfen“ wird. Wo ist da das Problem? Es liegt in der Selbstbezogenheit und dem Mangel an Empathie gegenüber denen, die bezeichnet und benannt werden oder auch verspottet, weil sie „sich so haben“.

Übrigens gibt es ein Projekt, das sich Bibel in gerechter Sprache nennt. Das gibt Debatten, die alle so ähnlich sind wie die um das N-Wort.

12:43 28.04.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Immer mal wieder, aber so wenig wie möglich
Magda

Kommentare 436

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