Staatsmann und Federfuchser

Otto von Bismarck Am 1. April 1815 wurde Otto von Bismarck geboren. Über ihn können sich weder Historiker noch Politiker einig werden. Aber der intrigante Polit-Genius einte Deutschland
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Staatsmann und Federfuchser
Otto von Bismarck im Berliner Tiergarten

Foto: Sean Gallup/AFP/Getty Images

Momentan bin ich verwirrt, weil heute - am 1. April - der 200. Geburtstag eines Mannes wiederkehrt, der in Deutschland mehr als umstritten ist: Otto von Bismarck (1815-1898)

Ich kenne ihn nur vom Geschichtsunterricht und der ist lange her. Ich kenne ihn auch weniger als Person der Geschichte, denn als Indikator für politisch-ideologische Bewegungen in beiden deutschen Staaten. Er selbst schien mir gar nicht so interessant, umso mehr dagegen die Art des Umgangs mit ihm. Ein Mann, über den die Meinungen sehr auseinandergehen. Ein Mann, über den man aber eine Meinung hat, eine Lehrmeinung.

Was ist das für ein emsiger Emser Depeschenredakteur, der damit – angeblich - einen erwünschten Krieg auslöste. Was ist das für einer, dem Theodor Fontane – bei aller Bewunderung – sehr kritisch gegenüberstand ihn als genialen Staatsmann pries und als kleinlichen Federfuchser beschimpfte. Was für ein rachsüchtiger kleiner Geist lamentierte er. "Er hat die größte Aehnlichkeit mit dem Schillerschen Wallenstein: Genie, Staatsretter und sentimentaler Hochverräther“

Ein Agent des

Hegelschen Weltgeistes

Es war eine Sensation als 1985 der 1. Band der Bismarck-Biographie des DDR-Historikers und Marxisten Ernst Engelberg, in beiden deutschen Staaten erschien und große Anerkennung und Würdigung fand. Einer der Lobsänger war Rudolf Augstein., der im Spiegel von 1985 schrieb: In einer Zeit, wo außer den Deutschen selbst alle Welt die Annäherung der beiden "Klumpen" (Bismarck), der beiden Deutschländer, beredet und befürchtet, setzt Engelberg einen Eckstein, von dem aus man sich geschichtlich und kulturell verständigen könnte. Die DDR verdankt ja ihre Existenz nicht nur Hitler, sondern auch Bismarck. Engelberg zeigt uns den Mann in seinen sozialen Bezügen und Vorurteilen, zeigt ihn uns als einen, der nicht anders konnte, als er tat, der aber auch konnte, was er wollen konnte. ... Wer meint, ein DDR-Historiker müsse in dem Sozialisten-Unterdrücker Bismarck einen puren Finsterling sehen, findet sich auf das angenehmste enttäuscht. Schon Marx und Engels hatten das nicht getan, die dem System Bismarck herzlich feind waren. Sie sahen in ihm einen Agenten des Hegelschen Weltgeistes.

Ein unhistorischer

Bismarck-Schub

Mein eigener Bismarck-Schub ist eher unhistorisch und hat mit einer höchst altmodischen Sehnsucht nach einer gewissen altmodischen „Väterlichkeit“ zu tun. Die Gründe liegen in meiner Biographie – ich bin ein vaterloses Kind. Vor allem aber hat sie mit der Entdeckung der Briefe an seine Verlobte und späteren Frau zu tun. Es muss eine große Harmonie, Liebe und Wertschätzung gewesen sein zwischen Johanna von Putkamer, spätere von Bismarck und Otto von Bismarck.

Diese Briefe sind wunderbar. Auch die Literaturhistoriker meinen, dass sie Bismarck einen hervorragenden Platz in der Briefliteratur des 19, Jahrhunders sichern. Überhaupt schreibt da eine Gestalt, die – ohne an die Nachwelt zu denken - alles von sich zeigt und doch auch schon zeigt, was für ein genialer diplomatischer Menschenüberreder er sein konnte.

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Aus einem der Brautbriefe - herrlich in seiner Mischung aus Romantik, Alltag und Ironie

Manchmal geht mir durch den Sinn, dass die Deutschen auf die Amerikaner mit ihrer reichlich unverschleiertten Machtpolitik so besonders empört reagieren, weil sie ein dejavu haben: Einen Kanzler, dessen Spruch noch ziemlich präsent ist: „Macht geht vor Recht“. Einer ,der bewundert wurde und bekämpft und am Ende aber die Politik der Saturiertheit – wir haben jetzt genug – postulierte, dann irgendwann den Bogen der Machtpolitik und -versessenheit überspannte und am Ende – wie es vielen Älteren geht - nicht erkannte, wann es Zeit ist, „von Bord zu gehen“. http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/2/25/1890_Bismarcks_Ruecktritt.jpg/412px-1890_Bismarcks_Ruecktritt.jpg

Der Lotse geht von Bord

Ein erzreaktionärer Mann, ein kleinlicher Intrigant, ein grandioser Machtspieler, ein Zyniker, ein Dämon, ein liebender Mann.

Fontane jedenfalls lässt sein schönes Bismarck-Grab-Gedicht enden: „Lärmt nicht so! - Hier unten liegt Bismarck irgendwo.“

Anmerkung: Es amüsiert mich übrigens, die Wertung eines Historikers wie Ulrich Lappenküper von der Bismarck-Stiftung zu lesen: "Er war kein Visionär, er war kein Politiker, kein Staatsmann, der in langen Dimensionen gedacht hat, es gibt von ihm dieses sehr treffende Bild: Der Politiker, der Staatsmann, ist wie ein Wanderer im Wald, der nicht weiß, aus welcher Ecke des Waldes er am Ende wieder heraustreten wird. Natürlich hatte er Ziele... aber anders als die preußische Geschichtsschreibung lange getan hat, war Bismarck nicht ein Staatsmann, der vom ersten Tag seiner politischen Aufgaben an nur dieses Ziel im Blick hatte, nämlich die deutsche Reichsgründung."

Der Historiker Franz Schnabel meinte, ihm fehle "die Einsicht, daß es in einer so verworrenen Welt Aufgaben gibt, die weit über den Staat hinausgehen, und daß es dringend notwendig wurde, den Staat auf seinen ursprünglichen Zweck zurückzuführen, nämlich das Gute, das Rechte, die höhere Ordnung verwirklichen zu helfen. Er blieb dabei, daß die Aufgabe des Staatsmannes sich darin erschöpfe, den Staat zur Entfaltung zu bringen. ... In der Geschichte ... behaupten sich nur jene Mächte, die sich weltgeschichtlichen Zielen widmen. Und es ist der einzige Maßstab, nach dem Völker und Kulturen gemessen und unterschieden werden können, ob in ihnen ein Glaube lebte an eine höhere Weltordnung."

Diese Einschätzungen klingen so gegenwärtig. Sie ergehen offensichtlich stets an Politiker und im Moment auch an Politikerinnen. Ständig ist eine Art Weltglauben, ein höheres Ziel von ihnen gefordert. Seltsam, denn und meist haben sie keins, sondern das Talent zur rechten Zeit zu erkennen, wann man die Gelegenheit beim Schopfe fassen muss und dann wird der "Weltgeist" erfüllt.

09:55 01.04.2015
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Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

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