Ja, ja, schon klar

Literatur Kristen Roupenian schrieb einen mitreißenden #MeToo-Text. Ihr erster Erzählband zündet weniger
Ja, ja, schon klar
Kristen Roupenian spricht bei einer Podiumsdiskussion in New York

Foto: Thos Robinson/Getty Images for New Yorker

Mancher Text macht eine Punktlandung, da wird das Lebensgefühl der Jetztzeit mit dem richtigen Ton in Worte gefasst. Wie in Roupenians Kurzgeschichte, die 2017 im New Yorker erschien, online 2,6 Millionen Mal geteilt und die „meistdiskutierte Story aller Zeiten“ wurde, wie der Guardian schrieb. Sie mündet in ein schlechtes Date mit einer unangenehme Situation, in der der Mann Sex erwartet. Statt ihn nun abzuwimmeln, bringt man es einfach hinter sich. Es ging um einen schlechten Deal mit sich selbst: Augen zu und durch statt Klartext. Vielleicht, um nicht zu kränken oder Ärger zu vermeiden. Und im Modus eines „He said, she said“, wusste der Leser von Roupenians Geschichte nicht, ob er nun der Perspektive der Frau oder des Mannes glauben soll.

Entsprechend erwartungsvoll richteten sich die Blicke auf den Band von Erzählungen der Autorin. Die 38-jährige, gebürtige Bostonerin hat einen Harvard-Abschluss in Englisch, zudem einen Master in kreativem Schreiben. Der Vorschuss für das Buch, immerhin „nur“ ein Kurzgeschichtenband, betrug über eine Million US-Dollar. Der Verlag war sich wohl sicher, ein Buch zu produzieren, das sich wie geschnitten Brot verkaufen würde.

Die Kurzgeschichtensammlung erschien im Original unter dem vielsagenden Titel You know you want this. „Du weißt, dass du es willst“ – das ist die eklige, ins Ohr eines Vergewaltigungsopfers gesäuselte Behauptung des Täters in trashigen Crime-Serien. Den Erzählungen ist gemeinsam, dass sie von starken weiblichen Perspektiven ausgehen, Liebe und Selbstliebe, Hass, Heterosex und Verletzungen durch Mitmenschen zum Thema machen. Bereits die erste Geschichte, in der ein junges Paar einen Freund vor einer toxischen Beziehung bewahren möchte und schließlich dazu übergeht, ihn zu quälen und in die eigenen exhibitionistisch-sadistischen Spiele zu inkorporieren, gehört zum trockensten Stück Literatur, das man sich vorstellen kann. Dabei ist doch alles da: Macht, Sex, Sadomaso – jedoch bleibt die Erzählerin blass, die Sprache reizlos und ungelenk. Nichts gerät hier saftig. Bewusste Wahl des Stils? Wenn ja, dann eine schlechte. Hier hat offensichtlich jemand eine Agenda, aber man kommt nicht umhin, zu urteilen, dass es für die Umsetzung an literarischem Vermögen mangelt.

Stellenweise gelingt es Roupenian durchaus, interessante Bilder zu entwickeln, so in der Geschichte Der Spiegel, der Eimer und der alte Knochen, in der sich eine Königin in ihr Spiegelbild verliebt, worüber sie keine Zuneigung mehr zu ihrem Ehemann empfinden kann. In der Verschmelzung von Grimm’schem Märchen und mythologischer Erzählung, letztlich auch in der Überblendung von Narziss und der von ihm begehrten Nymphe Echo in der Person der Königin, steckt viel Potenzial. Allerdings wird die Sprache des klassischen Märchens mehr schlecht als recht in eine zeitgenössische Erzählung transformiert.

Man ahnt ja alles

Auch die Geschichte Sardinen, die wie eine psychologische Fallgeschichte einer gestressten, überforderten Mutter einsetzt und dann zu einer surrealen Story mutiert, ist bildlich stark. Nur wird der Wechsel von der Perspektive der Mutter zu der (fantasierenden?) Tochter auf ziemlich einfallslose Art vollzogen.

Überhaupt ist das alles sehr plakativ und konstruiert. Man ahnt jeweils sehr schnell, worum es der Autorin in den Erzählungen geht. Selbst überraschende Wendungen ändern nichts am Gesamteindruck der Vorhersehbarkeit. So bleibt kaum Raum für das Entwickeln unterschiedlicher Lesarten. Man hat nie das Gefühl, dass der Text mehr weiß, als man selbst – oder gar die Autorin.

Die durchwachsene literarische Qualität erstaunt angesichts des Bucherfolgs. Oder auch nicht: Kristen Roupenian trifft nicht nur den Nerv der Zeit. Vermutlich trifft sie auch einen literarischen Nerv. Es ist Literatur, die den Content über die Form stellt und gut konsumierbar präsentiert. Literatur, die das Äquivalent zu Listicle-Artikeln im Journalismus ist. Fehlt eigentlich nur die Durchnummerierung.

Info

Cat Person Kristen Roupenian Nella Beljan, Friederike Schilbach (Übers.), Blumenbar 2019, 288 S., 20 €

06:00 03.03.2019
Geschrieben von

Marlen Hobrack

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Marlen Hobrack

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