Warum ich gern Mutter bin und das auch zeitgemäß finde

Gender Die Eizellspenderin? Oder Erziehungsberechtigte? Mutterschaft kann heute viel bedeuten. Aber es gibt einen bleibenden Kern
Kein Cis-Mann kann ein Kind austragen. Das ist so banal wie tragisch – tragisch vor allem für die Frauen, die um das Recht der reproduktiven Selbstbestimmung kämpfen
Kein Cis-Mann kann ein Kind austragen. Das ist so banal wie tragisch – tragisch vor allem für die Frauen, die um das Recht der reproduktiven Selbstbestimmung kämpfen

Foto: Ian Waldie/Getty Images

Bisweilen schäme ich mich beinahe, es auszusprechen, aber ich bin ausgesprochen gerne Mutter. Womit ich meine, dass ich das Leben mit meinen Kindern enorm schätze, bewusst gewählt habe und tatsächlich nicht bereue. Zugleich entspreche ich in den Augen vieler vermutlich nicht dem traditionellen Bild von einer Mutter. Bisweilen müssen meine Kinder deutlich hinter meiner Arbeit zurückstehen, und ich schäme mich dafür kein bisschen.

Dass ich gerne Mutter bin, auch den Begriff der Mutter mag, das drückt sich nicht zuletzt im Namen dieser Kolumne aus. Mutti Politics zu machen, heißt auch, mit dem trutschig-verkitschten Bild von Mutterschaft zu spielen und zu brechen. Wie gesagt, ein bisschen muss man sich zur Liebe für den Mutti-Begriff schämen. Pünktlich zum Muttertag erklärte die von mir sehr geschätzte Autorin Bettina Wilpert in einem Instagram-Post, sie wolle den Begriff „Mutter“ gerne abschaffen, halte ihn aber vorerst für eine wichtige Analysekategorie. Denn auf die Benachteiligung und die Marginalisierung, die Mütter erfahren, müsse man hinweisen; dafür brauche es probate Begriffe. Dereinst allerdings könne sich die Kategorie überlebt haben, etwa durch „Reproduktionstechniken (...), die wir uns heute nicht erträumen können.“

Ob solche Reproduktionstechniken eher einen Traum oder Albtraum darstellen, muss man der individuellen Fantasie überlassen. Künstliche Uteri, selig in Nährlösung dahinschwimmende Föten, durch Maschinen wohltemperiert bei idealer Nährstoffversorgung zur Weltreife erzogen – da denkt man nicht zufällig an Frankensteins Monster, das im Gegensatz zu seinem menschlichen Schöpfer immerhin über Empathievermögen verfügt. Womöglich sind die schönen neuen Reproduktionstechniken auch transplantierte Uteri, die gebärfreudige Cis-Männer in die Lage versetzen könnten, Kinder auszutragen?

Für mich offenbart sich in Wilperts Aussage nicht allein ein Unbehagen an der Rolle der Mutter. Vielmehr zeigt sich ein generelles Unbehagen an der Geschlechterdifferenz, die in keiner anderen Figur so sichtbar ist wie in der Mutter. Kein Cis-Mann kann ein Kind austragen. Das ist so banal wie tragisch – tragisch vor allem für die Frauen, die um das Recht der reproduktiven Selbstbestimmung kämpfen. Die biologische Dimension der Mutterschaft betrifft also nur Cis-Frauen und Transmänner.

Gender kann noch so fluide sein, Beziehungskonstellationen außerhalb heteronormativer Muster können noch so munter erprobt werden, aber am Ende bleibt da die, ähm, bedeutungsschwangere Konstellation der biologischen Mutterschaft. Obwohl gar nicht mehr klar ist, was angesichts moderner Reproduktionsmedizin „Mutter“ eigentlich bedeuten soll: Eizellenspenderin, Schwangere, soziale Bezugsperson? Alles, oder nichts?

Genau deswegen ist es so wichtig, wie auch Wilpert bekräftigt, die Kategorie Mutter zu hinterfragen. Nur läuft man Gefahr, das sprichwörtliche Kind mit dem Bade auszuschütten – oder eben der Nährlösung. Wenn ich sage, ich sei gerne Mutter, dann meine ich just jene Verschränkung von biologischer Mutterschaft, sozialer Rolle und psycho-emotionaler Nähe zu meinen Kindern. Die Annahme, dass diese Konstellation immer schon so prekär ist, dass das Konzept der Mutter abgeschafft gehört, erscheint mir tragisch.

Natürlich müssen juristische Diskurse reflektieren, dass genetische und soziale Mutterschaft nicht dasselbe sind, natürlich müssen soziale Debatten dazu beitragen, überholte Rollenerwartungen an die Mutter zu kritisieren und zu überwinden. Man muss aber eine Kategorie nicht zu Tode dekonstruieren, nur weil man es eben kann. Die Mutter ist tot? Es lebe die Mutti!

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Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

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