Zeit für die Bombe

Hypertext Berit Glanz sprengt das Romanformat und vernetzt ihren Text mit der virtuellen Welt
Zeit für die Bombe
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Foto: Oli Scarff/Getty Images

Klappentexte sind mitunter wenig erhellend, selten lassen sie den Leser so verdutzt zurück wie jener zu Pixeltänzer, dem Debütroman von Berit Glanz. Pixeltänzer erzählt von Elisabeth, genannt Beta, die in einem Tech Start-up arbeitet, wo sie mit Motivationsgeplapper und Cold-Brew-Kaffee bei Laune gehalten wird. Zu ihren Hobbys zählt das 3-D-Drucken von Insekten. Ihr ziemlich durchgetaktetes Leben gerät aus dem Tritt, als sie über eine Weck-App telefonisch mit dem geheimnisvollen Toboggan verbunden wird. Dessen Profilbild, das eine Fantasiemaske mit Anklängen an Insekten und Außerirdische zeigt, macht sie neugierig. Daher sendet sie Toboggan eine Nachricht in Form eines Online-Blogs. Fortan entwickelt sich eine aberwitzig-verstiegene Geschichte, übercodiert mit Motiven aus der Kunst- und Computerwelt. Toboggan erzählt Beta die Geschichte der Maskentänzer Lavinia und Walter, eines Liebespaars der 1920er, in Form einer digitalen Schnitzeljagd, versteckt Text im Quellcode von Betas Blog, in Micro-QR-Codes und Bildern.

Insgesamt ergeben sich drei Erzählebenen: Die erste erzählt von Betas Alltag im Start-up, der sie schließlich auf eine Art Roadtrip führt, auf dem ihr Team eine sinnfreie Spiele-App produziert, in der Pixelfliegen umherschwirren. Auf der zweiten Ebene entspinnt sich die Liebesgeschichte zwischen Toboggan und Beta. Und dann ist da eben noch die Geschichte in der Geschichte, die Liebes- und Künstlerbiografie von Walter und Lavinia.

Dieser Roman – und noch mal, es ist ein Debütroman! – führt leichtfüßig in die Tiefen unterschiedlichster Medien- und Kunstdiskurse: in die Versuche der 1920er Jahre, Leben, Liebe und Körper in Gesamtkunstwerke zu verwandeln und neue Möglichkeiten von Ausdruck zu erkunden, in die Authentizitätsprobleme der digitalen Welt. Der User, der nach „echter Erfahrung“ dürstet, bleibt in der Konfrontation mit dem realen Ding enttäuscht zurück. Das Instagram-Bild ist immer schon da, bevor man selbst am Sehnsuchtsort anlangt, wo obendrein das W-Lan ultraschlecht ist. Betas Begeisterung für Lavinias Welt erklärt sich auch aus der Erfahrungsdifferenz. „Das Leben in einer solchen Welt muss ohne ein virtuelles Leben unfassbar viel präsenter gewesen sein, aber auch wahnsinnig eng und begrenzt.“ Tatsächlich erscheint aber Betas Leben zwischen Hackathon-Bustouren und Start-up-Hamsterrad eingeengt und begrenzt – trotz der Telefonkontakte in alle Welt.

Adalbert Stifter 2.0

Was den Roman zum echten Ereignis macht, ist sein Spiel mit dem Medium Text selbst. Die Blog-Einträge erinnern an den klassischen Briefroman, Text-in-Text-Spiele an Meister der Schachtelerzählung wie Adalbert Stifter. Im Text werden nicht nur Einträge zu Quellcodes, Monkey-Tests und Bugs eingestreut. Immer wieder finden sich URLs, die zu Websites führen. Darin zu sehen sind die Videos der Maskentänzer oder Original-Zeitschriftentexte der Zwanziger. Der Text geht über die Klappen des Buches hinaus, verweist auf die unendlichen Möglichkeiten des Textes als potenziellen Hypertext. Und auf seine Beschränkung! Bei einem eBook lässt sich leicht ein Link zu einer Website setzen, in einem „echten“, also gedruckten Buch eingestreut, muss anschließend mühsam getippt werden.

Aber was heißt überhaupt „echt“ in Fragen des Buches? Seltsamerweise erscheinen die Bilder und Videos, die sich öffnen, echter als das Buch, das doch ganz real auf dem Schoß ruht. Nur weil eine Spur aus dem Buch in die virtuelle Welt des Netzes führt, scheint die Wahrheit des Textes ganz real beglaubigt. Verwirrend? Na unbedingt! Am Ende wird das Buch in seiner materiellen Begrenztheit zum Träger unbegrenzter Inhalte und fantastisch verworrener Geschichten. Das Buch stirbt aus? Von wegen! Dieses Medium besitzt erstaunliches Beharrungsvermögen, und das, obwohl es seit fünfhundert Jahren praktisch unverändert, ganz ohne Update, existiert. Während die verpixelten Videospiele der 1980er oder die Trend-Apps der letzten Jahre allenfalls noch als Nostalgieobjekte fungieren. Text zwischen Klappen siegt über Pixel. Wer hätte das gedacht.

Info

Pixeltänzer Berit Glanz Schöffling & Co. 2019, 256 S., 20 €

06:00 25.08.2019
Geschrieben von

Marlen Hobrack

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