Die Jürgen-Prochnow-Retrospektive geht weiter

Kino + Film Im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt erwartet das Publikum der deutsche Filmklassiker DAS BOOT in einer 208-Minuten Version auf 35mm.

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Freitag, 8. Juli 2022:

Ich plane, John Carpenter´s Horrorfilm DIE MÄCHTE DES WAHNSINNS (IN THE MOUTH OF MADNESS) in der Originalfassung auf 35mm zu sehen. Am Abend fange ich an, auf 3sat die Historien-Schnulze DIE PÄPSTIN zu schauen, die ich nach knapp 13 Jahren immer noch nocht kenne und auch aufnehme, und bleibe hängen. Das Designer-Mittelalter im ARD-Degeto-Stil ist langweilig erzählt und gespielt und qualitativ eben noch so oberhalb der üblichen TV-Romantik-Schmonzetten und immerhin die Ausstattung und die Kostüme sind ordentlich. Irgendwann nach 21:00 Uhr schlafe ich im Fernsehsessel ein und wache kurz vor nach 23:00 Uhr auf. Verdammt – die Kinovorstellung läuft bereits. Sönke Wortmann gewinnt durch Aufgabe gegen John Carpenter – wie peinlich.

Den Wunschfilm des Abends habe ich auch auf BlueRay und hole ihn an diesem Wochenende nach.
Die Suche nach einem verschwundenen Autor in einer Gruselstadt erinnert mich etwas von der Handlung etwas an Lucio Fulci´s berüchtigten Ekel-Horror-Klassiker EIN ZOMBIE HING AM GLOCKENSEIL, in dem eine übersinnlich Begabte und ein Journalist in einem morbiden Horror-Städtchen mit Tor zur Hölle das Ende der Welt verhindern wollen.
Jürgen Prochnow´s Rolle als verschwundener Horrorliterat Sutter Cane ist nur insgesamt 15 bis 20 Minuten in mehreren Szenen lang. Ihm gelingen mit seinem Charisma und seinem sinistren Gesichtsausdruck die markantesten und herausragenden Szenen im Film. Er schafft es so tatsächlich, in seinen wenigen Szenen den Film zu dominieren und so eine Art Hannibal Lecter des übernatürlichen Horrorfilms zu kreieren.

Samstag, 9. Juli 2022 um 20:00 Uhr: DAS BOOT

Die Zusammenfassung der Handlung spare ich mir und zitiere.

Programmhinweis des Deutschen Filmmuseums: Der von Jürgen Prochnow gespielte „Kaleu“ (abgekürzt für Kapitänleutnant) navigiert mit seiner U-Boot-Besatzung durch das Kriegsjahr 1941. Von La Rochelle aus bricht die U-96 auf, um im Atlantik britische Frachtschiffe zu torpedieren. Kameramann Jost Vacano fing die klaustrophobische Stimmung bemerkenswert realistisch ein, die originale Arri II B-Kamera des Filmes ist in der Dauerausstellung des DFF zu sehen.

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Inhaltsangabe auf Filmportal: Wolfgang Petersens aufwändiger, auch international überaus erfolgreicher Film basiert auf einer authentischen U-Boot-Operation des Kriegsjahres 1941. Vom Hafen La Rochelle, Frankreich, aus bricht das deutsche U-Boot U-96 auf, um im Atlantik britische Frachtschiffe zu torpedieren. Mit an Bord ist der junge Kriegsberichterstatter Werner, der bei der Mannschaft jedoch auf wenig Sympathie stößt. Nach ereignislosen, zermürbenden Tagen unter See kommt eine britische Frachterflotte in Sicht. Doch die Männer an Bord der U-96 übersehen bei ihrem Angriffsplan ein wichtiges Detail: Den hoch gerüsteten Geleitschutz der Frachtschiffe.

Wir sehen einen Meilenstein und einen der erfolgreichsten Film des deutschen Nachkriegskinos nach dem Roman von Lothar Günther Buchheim. Der Autor der Romanvorlage war mit der fast eine Stunde längeren Version sehr unzufrieden. Verschiedene Szenen wie eine Feier mit Travestie-Elementen waren nicht in seinem Sinn.

Einen entscheidenden Beitrag zum Welterfolg des Films hatte der Kameramann Jost Vacano – allerdings ist die deutsche Berufsbezeichnung „Kameramann“ Tiefstapelei; die englische Berufsbezeichnung „Director of photography“ ist eher zutreffend. Jost Vacano dirigierte nicht nur ein gesamtes Kamerateam mit Beleuchtung. Er baute in seiner Kariere auch eigene Kameras und entwickelte eigene Methoden zur Lichtsetzung, Kamerastabilisation und Weiterentwicklung von Spezialeffekten. Für die Szenen in der engen U-Boot-Kulisse baute er eine Arriflex-Kamera mit speziellen Stabilisatoren, die es ermöglichten, auf engem Raum mit handgehaltener Kamera dynamische Aufnahmen ohne verwackelte Bilder zu drehen. Insofern ist Jost Vacano schon ein Ingenieur. Vacano konnte Regisseur Wolfgang Petersen und die Produzenten zum Glück überzeugen, einen dokumentarischen Bildstil einzusetzen und das Filmpublikum in das Geschehen herein zu holen. Petersen und die Prouzenten hatten ursprünglich vor, einen Kriegsfilm nach typischer Hollywood-Machart zu drehen.

Jürgen Prochnow, der wenige Tage davor im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt war, erzählte an diesem Abend von den Dreharbeiten. Die selbst gebaute Kamera war klein genug, um zu zweit mit Sturzhelm und gepolsterter Schutzkleidung durch die lange U-Boot-Kulisse zu sausen; die Kamera war allerdings so laut und ratterte wie eine Nähmaschine, so dass viele Szenen nachsynchronisiert werden mussten.
DAS BOOT war damals für sechse OSCARs nominiert, u.A. waren Regisseur Wolfgang Petersen und Jost Vacano für die Bildgestaltung nominiert. Dass Vacano damals keinen Oscar bekam, ist mir noch heute ein Rätsel. Nomiert war auch E.T. und der Bild-OSCAR ging an GHANDI.

Später arbeitete Vacano in Hollywood mehrfach mit dem gebürtigen Niederländer Paul Verhoeven (z.B. ROBOCOP, TOTAL RECALL, SHOWGIRLS). Für Verhoevens grelle Kriegssatire STARSHIP TROOPERS entwickelte Vacano lange vor dem Durchbruch computergenerierter Effekte ein Verfahren zur realistischen Darstellung künstlicher Filmfiguren.
In Hollywood nannten sie Jost Vacano´s Konstruktionen „Joosticam“. Wer schafft das schon.

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Den Film sah ich zum ersten mal seit über 20 Jahren und auf der Leinwand zum ersten mal seit dem Erstaufführungsjahr. Der Film ist immer noch ergreifend und erschütternd. Die Enge und Gereiztheit im U-Boot ist spürbar. Die Verunsicherung ist spürbar. Es fehlt nicht viel und man würde meinen, den Gestank der Soldaten riechen zu können.

Mir kommen mehrfach die Tränen, z.B. bei der Szene, in der ein britisches Schlachtschiff bombadiert wird und sich brennende Soldaten vom Deck in den Ozean stürzen – und natürlich bei der finalen Bombardierund des Hafens, bei der zahlreiche Besatzungsmitglieder tot oder schwer verletzt am Boden liegen. Unglaublich ist auch die Szene, in der die ungewaschenen, unrasierten Soldaten bei einer feinen Weihnachtsfeier in der Komandozentrale der Marine auftauchen und nach einer langen Zeit Dosenfraß erlesene Delikatessen serviert bekommen.

Großartig ist auch die autentische Ausstattung und Dekoration. Es wurden sogar Etiketten für Bierflaschen und Konservendosen gedruckt, die aussehen wie aus den 40er Jahren.

Ein Rätsel ist mir nebenbei, warum der schauspielerisch sehr talentierte Sänger Herbert Grönemeier nach wenigen Jahren seine Schauspielkarriere beendete. Er hätte noch viele großartige Rollen in sehr guten Filmen spielen können – wie übrigens auch Marius Müller-Westernhagen. In anderen Ländern kommt es oft vor, dass Künstler*innen erfolgreiche Gesangs- und Schauspielkarrieren haben, z.B. Barbra Streisand, Frank Sinatra oder Dean Martin in den USA oder Adriano Celentano in Italien.

Zusammengefasst ist DAS BOOT eines der großen Meisterwerke in der deutschen Filmgeschichte.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Martin Betzwieser

Personifizierter Ärger über Meinungsmanipulation, Kino- und Kabarattliebhaber
Martin Betzwieser

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