Die Frau hinter dem schillernden Mythos

Emanzipation Mata Hari – Der verzweifelte Versuch eines individuellen Ausbruchs aus unerträglichen gesellschaftlichen Verhältnissen
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Die Frau hinter dem schillernden Mythos
Mata Hari, 1905

Foto: Hulton Archive/Getty Images

Heute vor 100 Jahren wurde die niederländische Tänzerin Margaretha Zelle, besser bekannt unter ihrem Künstlerinnenname Mata Hari in den Befestigungsanlagen von Schloss Vincennes nahe Paris von einem zwölfköpfigen Exekutionskommando hingerichtet.

Nachdem die aus der holländischen Provinz stammend Mata Hari im Februar 1917 festgenommen und einem französischen Kriegsgericht vorgeführt wurde, sollte sie nicht weniger als fünf Monate in Haft verbringen, bis die Anklageschrift fertiggestellt und der Prozess aufgenommen wurde. Dieser fand im Pariser Justizpalast statt und sollte nur eineinhalb Tage dauern. Der Termin wurde nicht öffentlich bekannt gegeben. Nach Eröffnung des Verfahrens wurde auf Antrag des Staatsanwalts wegen Gefahr für die Sicherheit des Landes der Ausschluss der Öffentlichkeit beschlossen und der mit etwa 150 Personen gefüllte Saal geräumt. Am Ende wurde Mata Hari der Doppelspionage und des Hochverrats für schuldig gesprochen.

Bis heute ist unklar, ob Mata Hari tatsächlich die raffinierte Doppelagentin war, als die sie in dem Urteil des Militärgerichts beschrieben wird – oder aber ein willkommenes Bauernopfer, dem man die Schuld für die auch nachhaltig ausbleibenden militärischen Erfolge im ersten Weltkrieg in die Schuhe schieben konnte um dadurch zu versuchen, der merklich nachlassenden Kriegsbegeisterung der französischen Bevölkerung entgegenzuwirken.

Nachdem sie am 07. August 1876 das Licht der Welt erblickte, führte Margaretha ein wechselhaftes und buntes Leben, das sie schon zu Lebzeiten zur Legende machte. Als die gerade 19-jährige versuchte den gesellschaftlichen Zwängen Mitteleuropas durch die Hochzeit mit einem 20 Jahre älteren niederländischen Kolonialoffizier zu entkommen, dem sie nach Niederländisch-Ostindien (heute Indonesien) folgte, stellte sich ein unglückliches Eheleben ein, das von der Enge des Alltags in einer Militärgarnison und der verbitterten Eifersucht ihres Mannes geprägt war. Nachdem ihr Mann in den Ruhestand versetzt wurde, wollte Margaretha unbedingt zurück nach Europa, doch ihr Mann zögerte, weil ihm wohl bewusst war, dass seine Pension für ein angemessenes Leben dort nicht ausreichen würde.

Die Beziehungsprobleme der beiden wurden stärker, bis die Ehe schließlich völlig zerrüttet war. Eine Reihe persönlicher Schwierigkeiten und Auseinandersetzungen führten zwar wiederholt zu Versöhnung, nach wenigen Wochen brach aber immer wieder Streit aus, der schließlich in einer endgültigen Trennung gipfelte. Die zweifache Mutter verlor ihren Sohn Norman nachdem dieser in jungen Jahren an einer nicht endgültig geklärten Vergiftung starb, während ihre Tochter Non nach der Trennung Margarethas von Ihrem Mann zwar ihr zugesprochen wurde, im Einvernehmen aber beim Vater verblieb.

Die neu gewonnene Freiheit nutzte Margaretha vielseitig und erfand sich als „exotische“ Tänzerin Mata Hari (javanisch für „Auge des Tages“, was so viel heißt wie Sonne) neu, die nach ihren eigenen Vorstellungen lebte und liebte – woraufhin sie häufig als eine Art erste Feministinnen angesehen wurde. Eine erfundene mysteriöse Vergangenheit schuf ihr einen Rahmen in dem ihr Schleiertanz sowie die ausgefallenen Kostüme ihr die Möglichkeit einer bis dahin ungekannten Selbstverwirklichung boten. Die Legende einer indischen Tempeltänzerin fiel bei ihrem Publikum auf fruchtbaren Boden, was es ihr eine neue, freie Existenz öffnete, die sie nach Paris, in das Zentrum der damaligen Welt, führte.

Nachdem ihr im März 1905 mit einem Auftritt im Pariser Museum für asiatische Kunst in fremdartigen Kostümen und bei gedämpftem Licht und fremder Musik durch einen erotischen Tanz der Durchbruch gelang, lag ihr die Welt zu Füssen - vor allem die Männer. Mata Hari ließ sich fortan hofieren und führte ein Leben in absolutem Luxus, finanziert von Männern mit Macht, Geld und Uniformen. Sie verkehrte in aller Öffentlichkeit mit einflussreichen Männern und wurde während des Ersten Weltkrieges als exzentrische Künstlerin für Nackttanz weltberühmt. Doch der Kriegsausbruch und ihr fortschreitendes Alter unterbrachen ihre Karriere.

Ihre vielseitigen Kontakte zu mächtigen Männern in Frankreich und Deutschland wurden ihr zum Verhängnis, nachdem sie sich durch ihren freizügigen Lebensstil ohnehin einige einflussreiche Feinde gemacht hatte. Als sie sich aufgrund des Karriereknicks 1916 dazu entschloss, das Angebot anzunehmen für einige Aufritte nach Deutschland zu reisen, ließ sie sich von einem deutschen Diplomaten dazu überreden für Deutschland zu spionieren. Naiv wie sie war, sah sie zuvor weder den Krieg kommen, noch die Tragweite ihrer jetzigen Entscheidung. Nachdem sie am Morgen des 13. Februar 1917 festgenommen wurde, betonte sie fortwährend ihre Unschuld und war sich sicher, dass ihre einflussreichen Freunde sich für sie einsetzten würden.

In seinem Ende Juli 2017 erschienen Buch „Die Spionin“ (Diogenes-Verlag) lässt der brasilianische Star-Autor Paulo Coelho Mata Hari in einem fiktiven, allerletzten Brief aus dem Gefängnis selbst ihr außergewöhnliches Leben erzählen und zeigt dabei - basierend auf mehreren Originaldokumenten - wie Mata Hari trotz der vermeintlichen Selbstverwirklichung, die ihr aufgrund ihres außergewöhnlichen Lebensstils ermöglicht wurde, Zeit ihres Lebens in den Zwängen einer Gesellschaft gefangen war, die bis heute auf oberflächlichen Schönheitsidealen, materiellem Reichtum und individual-egoistischen Freiheiten fußt. Ganz zu schweigen von dem Unrecht, das Mata Hari der indigen Bevölkerung Sumatras durch die Adaption ihrer traditionellen Tänze und deren Stilisierung als „exotisch“ - und die damit einhergehende Unterfütterung kulturalistischer Weltbilder - antat. Aus heutiger Sicht lässt sich die Verwandlung Margaretha Zelles in Mata Hari als verzweifelter Versuch eines individuellen Ausbruchs aus als unerträglich empfundenen gesellschaftlichen Verhältnissen ansehen.

Nach ihrer Hinrichtung am 15. Oktober 1917 wuchs ihr Ruhm zu dem einer Meisterspionin heran. Bis heute ist die Faszination für die geheimnisvolle Niederländerin ungebrochen, während sie als bekannteste Spionin aller Zeiten gilt. Nach französischem Recht müssen Gerichtsakten zu Spionagefällen 100 Jahre unter Verschluss bleiben. Demnach darf die Akte Mata Hari noch in diesem Jahr vom Pariser Amtsgericht geöffnet werden. Es bleibt zu hoffen, nun wilde Spekulationen durch Tatsachen ersetzen zu können.

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Paulo Coelho - Die Spionin

www.diespionin.de

ZDF-History: Mata Hari - Die schöne Spionin

https://www.zdf.de/dokumentation/zdf-history/mata-hari---die-schoene-spionin-100.html

15:33 15.10.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Max Jansen

Max Jansen hat Soziologie, Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaften in Köln, Budapest und Beer Sheva studiert. Derzeit lebt er in Frankfurt.
Max Jansen

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