Abgesagtes TV Duell Meloni-Schlein: „Wir sind doch nicht bei Olympia“

Italien Die Rai, Italiens Öffentlich-Rechtliche, wollte ein TV-Duell zwischen Giorgia Meloni und Elly Schlein von den Sozialdemokraten. Das haben andere Parteien verhindert. Über eine italienische Provinzposse
Hier treten Elly Schlein (Vordergrund) und Giorgia Meloni nur nebeneinander auf, nicht gegeneinander
Hier treten Elly Schlein (Vordergrund) und Giorgia Meloni nur nebeneinander auf, nicht gegeneinander

Foto: Mauro Scrobogna/picture alliance/ZumaPress.com

Es hätte gestern ein sehr unterhaltsamer Abend werden können, auch ein aufschlussreicher. Ich war seit längerem vorbereitet. Der Chianti stand bereit und Grissini. Wir wollten nicht San Remo schauen, das Festival des italienischen Liedes. Sondern Giorgia Meloni und Elly Schlein, die in einem TV-Duell gegeneinander antreten sollten. So war es geplant. Die beiden wichtigsten Frauen der italienischen Politikszene, die eine ist Italiens Ministerpräsidentin, die andere Chefin der größten Oppositionspartei, dem Partito Democratico (PD).

Schon die wochenlange Suche nach dem geeigneten Sender und den Moderator:innen glich einer Staatsaffäre. Sämtliche Talkshow-Größen hatten sich beworben, das Duell zu moderieren. Es sollte ein weibliches Faccia a Faccia werden, mehrere Frauen wollten es moderieren – die berühmteste ist Bianca Berlinguer, eine Anne Will Italiens, nur mit prominenterem Vater. Die Tochter des ehemaligen legendären Vorsitzenden der kommunistischen Partei Italiens PCI, Enrico Berlinguer, war jahrzehntelang der Inbegriff des dritten Programms der Rai. Sie moderierte die populäre Talkshow Cartabianca, in der sie freundlich-bestimmt unbequeme Politikergrößen wie Matteo Salvini grillte. Und wechselte dann vor einem Jahr, medienwirksam von der Rai in die private Medienwelt von Silvio Berlusconi. Über ihre Gründe schwieg sie sich aus.

Schlacht der Geschlechter

So war dieses erste Fernsehduell zwischen der Premierministerin und der Oppositionsführerin schon im Vorfeld eine Schlacht der Geschlechter. Sie wollten die Welt verändern, „mit nur einem einzigen Bild“, erklärte Myrta Merlino, Moderatorin der Sendung Pomeriggio Cinque auf Canale 5. Monica Maggioni von der Rai sagte: „Drei Frauen auf dem Bildschirm zu sehen, das wäre ein großes, schönes Stückchen Schokolade. Eine Lektion in Sachen Moderne.“ Ein männlicher Kollege reagierte lakonisch: „Sie sind alle großartig, aber wir sind hier doch nicht bei Olympia.“

Und dann war da ja noch Bruno Vespa. 79 Jahre, ein Dinosaurier, das Gesicht Italiens berühmtester Talkshow Porta a Porta auf Rai 1. Äußerlich wirkt er wie eine Mischung aus Flavio Briatore und Andreotti, im Inneren ist er treuer Berlusconiano. Er schrieb eine schmeichelhafte Biografie über seinen früheren Freund, den „Cavaliere“ – und er besitzt ein apulisches Weingut. Bei Bruno Vespa im Studio hockten sie alle schon, auch Meloni und Schlein, nur nicht zusammen. "Wir waren die ersten, die beide eingeladen haben, genau 1 Minute nachdem ein Duell ein Thema wurde", erklärte Vespa seinen Konkurrent:innen. Denn er, den viele Italiener für einen viscido halten, einen Schleimer, bekam den Zuschlag.

Umso wütender reagierte Vespa, als die TV-Debatte zu den Europawahlen, die in Italien am 8. und 9. Juni stattfinden, kurzfristig abgesagt wurde. Wegen des Vetos der Vertreter anderer Parteien in der Medienaufsichtsbehörde AGCOM wurde sie verhindert. Deren Aufgabe ist es unter anderem, in öffentlich-rechtlichen Medien die Chancengleichheit für Vertreter aller politischen Parteien und gesellschaftlichen Gruppen zu garantieren. Vor allen Dingen die Fünf-Sterne-Bewegung unter dem früheren Ministerpräsidenten Giuseppe Conte hatte das geplante Fernsehduell der beiden führenden Politikerinnen des Landes scharf kritisiert. Er fühlte sich benachteiligt, redete von „Monopolisierung“ des politischen Duells.

Neuer Sender? No, Grazie

Am Ende hatten nur vier der acht in dem Gremium vertretenen Parteien und Listenbündnisse dem Fernsehduell zugestimmt, die Mehrheit wurde also verfehlt. Auch Antonio Tajani, Außenminister der Forza Italia war gegen das Format, außerdem die Partei „Azione“ sowie das Listenbündnis von Grünen und Linken. Verkehrsminister Matteo Salvini von der Lega war dafür, ebenso wie Matteo Renzi von „Italia Viva“.

Ma Scusa, das fällt denen erst so kurz vorher ein? Es war doch schon alles vorbereitet, die Studio-Deko, die Fragen, der Dresscode. Bruno Vespa rief empört: „Damit wird eine Konfrontation von zwei politischen Leaderinnen verhindert“, es sei „eine Niederlage für die Demokratie“. Entdeckte er plötzlich seinen Feminismus? Manche Privatsender boten an, ihrerseits eine Debatte zu veranstalten, aber zu solchen Bemühungen sagte Meloni: „No, Grazie.“ Das sei alles Zeitverschwendung. Elly Schlein ist aber weiter bereit, Meloni zu einem Debattenduell herauszufordern, „wo und wann immer“.

Tragödie oder Farce? Eher eine Provinzposse, in der mal wieder jeder seine Rolle spielt. Typisch italienisches Chaos, ein bisschen dilettantismo, ein bisschen masculismo. Rai stand zuletzt in der Kritik wegen Zensur und Parteilichkeit, das sollte diesmal verhindert werden, vielleicht auch ein Grund, das Duell zu canceln. Gerade haben mehrere europäische Organisationen die EU-Kommission aufgefordert, die Medienfreiheit in Italien zu schützen. Sie werfen der Regierung von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni vor, abweichende Meinungen zum Schweigen zu bringen und die Kontrolle über die öffentlichen Medien zu übernehmen.

Ursula von der Leyen und Giorgia Meloni

Welch absurdes Theater sich im eigenen Land auch abspielen mag, im Ausland fällt das nicht weiter auf. Da wird Giorgia Meloni umgarnt.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sagte, sie schließe eine mögliche Koalition mit Rechtskonservativen – also die Zusammenarbeit mit Giorgia Meloni – nicht aus. Für diese Aussagen ist sie stark unter Druck geraten. Sozialdemokraten, Linke und Grüne werfen von der Leyen aus taktischen Gründen eine Annäherung etwa an Italiens Postfaschisten vor. Wie könne man mit Ultrarechten zusammengehen? „Ich habe mit Giorgia Meloni sehr gut im Europäischen Rat zusammengearbeitet, wie ich es mit allen Staats- und Regierungschefs tue“, sagte von der Leyen, die Spitzenkandidatin der EVP-Fraktion. Meloni sei eindeutig für Europa und gegen Putin, das habe sie sehr deutlich gesagt. Der Plan von Le Pen und Giorgia Meloni, im bürgerlichen Lager anzukommen und auf „Realpolitik“ zu setzen, scheint aufzugehen. Meloni hat ihre Bühne, wenn nicht im Fernsehen daheim, dann in der europäischen Manege.

Und mein Chianti? Der kann warten. San Remo kommt bestimmt.

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Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin „Kultur“

Maxi Leinkauf studierte Politikwissenschaften in Berlin und Paris. Sie absolvierte ein Volontariat beim Tagesspiegel. Anschließend schrieb sie als freie Autorin u.a. für Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel und Das Magazin. 2010 kam sie als Redakteurin zum Freitag und war dort im Gesellschaftsressort Alltag tätig. Sie hat dort regelmäßig Persönlichkeiten aus Kultur und Zeitgeschichte interviewt und porträtiert. Seit 2020 ist sie Redakteurin in der Kultur. Sie beschäftigt sich mit ostdeutschen Biografien sowie mit italienischer Kultur und Gesellschaft.

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