Eine Hymne auf das Magazin „Hohe Luft“

Schöne Theorie „Worauf es wirklich ankommt“: Das Philosophiemagazin schafft es, komplexe Inhalte auch für Laien verständlich auf Papier zu bringen

Streunt man durch einen Zeitschriftenladen, ist man oft auf der Suche nach einem neuen Gedanken, im Zweifel auch nach Antworten. Ich finde beides meistens nicht. Aber ich entdeckte vor zwei Jahren ein mir neues Philosophiemagazin, Hohe Luft. „Worauf es wirklich ankommt“, stand in klaren roten Lettern auf dem Titel, und in kleinen Sätzen drumherum: Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Durchschauen wir die Transparenz? Ich blätterte ein wenig, fand Gespräche und philosophische Begriffe, kurz erklärt. Das machte mich neugierig, ich kaufte das Heft für acht Euro und verschlang ein Gespräch mit Derek Parfit – wie ich erfuhr, der größte Gegenwartsphilosoph unserer Zeit. Es ging um Identität, darum, ob wir uns als Menschen ständig verändern oder die gleiche Person bleiben. Oder beides. Ich bin philosophischer Laie, meine Seminare in Politischer Theorie sind schon eine Weile her. Aber ich las das Gespräch bis zum Schluss. Es umfasste Fragen nach Zusammenhalt und Solidarität.

Philosophische Begriffe, die im Text vorkommen, werden in einer Spalte erklärt: Rationale Altruisten zum Beispiel. Außerdem findet man Lektürevorschläge, sogar Henryk M. Broder kann dort vorkommen. Mittlerweile feiern Herausgeberin Katarzyna Mol-Wolf und die Redaktion um Thomas Vašek die 20. Ausgabe, das Heft erscheint alle zwei Monate, verkauft werden 30.000 Exemplare.

Meine zweite Hohe-Luft-Nummer war die mit dem durchgestrichenen ICH: „Warum es uns nicht gibt – und was wir daraus machen können“. Natürlich, es ging auch hier um den ewigen Tanz ums Selbst, aber was haben die Denker der vergangenen Jahrhunderte darunter eigentlich verstanden? Sind wir ein Geschichten erzählendes Tier? Oder Theaterspieler, die ständig Masken tragen? Wandelbar oder beständig? Wie kann man selbstbewusst werden? Ich stoße da immer wieder an Grenzen, doch zum Glück gibt es die Gedankenwelt der anderen, klugen Menschen, die vieles relativieren können und einordnen. Sie alle stellen sich dieselben Fragen, eine Antwort gibt es nicht, nur Hypothesen. Ich merke, wie ich in banalen Situationen plötzlich an Dinge denke, die ich gelesen habe, es entspannen sich fast sokratische Dialoge mit anderen. Wenn der französische Philosoph Jean-Luc Nancy über unsere Identität in einer zersplitterten Welt sinniert, dann streift er Freud und die griechischen Mythen. Er wehrt sich gegen die Selbstanklage moderner Gesellschaften und redet von der Liebe wie von der Höflichkeit. Und all das ist Philosophie! So angenehm unideologisch, betrachtend, ohne Geschwafel.

Jetzt ist Hohe Luftkompakt erschienen, ein Sonderheft, das sämtliche Gespräche der letzten 20 Ausgaben versammelt, unter anderem mit John Searle, Martha Nussbaum, Axel Honneth oder Amartya Sen. Und natürlich auch das mit Derek Parfit. Drei Monate lang ist es jetzt erhältlich. Neulich saß ich mal wieder mit der Ausgabe „Wofür es sich zu kämpfen lohnt“ am Kinderspielplatz. Sollte man zorniger sein? Oder gleichmütiger? Buddhistin oder Empörte? Tja, das frage ich mich auch immer. Ich schaffte es erst mal nur, eine der Miniaturen im Heft zu lesen, kleine Alltagsphilosophien über den Segen des Neids, die Mühe des Müßiggangs oder Helikopterpaare. Da finden sich ganz praktische Ratschläge, zum Beispiel: Niemals per App seinen Freund orten! „Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle“, sagte Einstein. Theoretisch klingt das ganz gut.

06:00 09.07.2015
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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